Es klingt paradox. Der Glas- und Faserspezialist Corning hat im zweiten Quartal glänzende Zahlen vorgelegt und trotzdem den heftigsten Kurssturz seit über zwei Jahrzehnten erlebt. Die Aktie brach um bis zu 18 Prozent ein und markierte damit den größten Tagesverlust seit Juli 2002. Der Grund liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Anleger hatten schlicht mehr erwartet, als das Management für die kommenden Monate in Aussicht stellte.
Starke Zahlen, die niemanden mehr beeindrucken
Dabei lesen sich die Quartalsergebnisse durchaus überzeugend. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg auf 0,78 Dollar, nach 0,60 Dollar im Vorjahr, und übertraf die Erwartungen. Der Umsatz legte um knapp 23 Prozent auf 4,74 Milliarden Dollar zu. Herzstück des Wachstums ist die Sparte für optische Kommunikation, inzwischen das größte Geschäftsfeld des Konzerns, deren Erlöse um 32 Prozent auf 2,07 Milliarden Dollar kletterten. Das Geschäft mit Netzwerktechnik für Unternehmen wuchs sogar um 65 Prozent, der Solarbereich um 90 Prozent.
Ambitionierter Plan trifft auf nervösen Markt
Für das laufende Quartal stellte Corning einen Gewinn je Aktie von 0,85 bis 0,89 Dollar bei einem Umsatz von 4,9 bis 5 Milliarden Dollar in Aussicht. Das lag weitgehend im Rahmen der Prognosen, aber eben nicht darüber. Vorstandschef Wendell Weeks sprach von einer neuen Phase beschleunigten Wachstums und hob den unternehmenseigenen Springboard-Plan an:
Der Umsatz soll bis Ende 2030 auf eine Jahresrate von 40 Milliarden Dollar steigen, mit einer jährlichen Wachstumsrate von 19 Prozent ab dem vierten Quartal 2026. Rückenwind liefern Großaufträge, etwa milliardenschwere Vereinbarungen mit Amazon, Nvidia und Meta zur Belieferung von Rechenzentren.
Corning Aktie Chart
KI-Fantasie als Fluch und Segen
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Corning ist eng mit dem Ausbau der KI-Infrastruktur verknüpft und damit auch mit der Stimmung rund um diesen Boom. Nachdem die KI-Rally im Juli ins Stocken geraten war, verlor die Aktie bereits im Monatsverlauf mehr als 50 Prozent. Der Absturz nach den Zahlen zog die gesamte Branche mit: Auch Wettbewerber wie Ciena, Coherent und Lumentum gaben deutlich nach.
Für Anleger stellt sich damit eine spannende Frage. Handelt es sich um eine überzogene Reaktion auf ein solides Quartal oder um das Ende einer heiß gelaufenen Phase? Die Bewertung gilt erstmals seit Langem wieder als attraktiver, das Wachstum bleibt strukturell intakt. Wer an die langfristige Nachfrage nach Rechenzentren glaubt, könnte den Rücksetzer als Einstiegschance sehen. Vorsicht bleibt dennoch geboten, denn die Aktie hängt sichtbar am Wohl und Wehe des gesamten KI-Sektors.
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