Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
an der Börse gilt eine alte Regel. Aktienkurse erzählen, was Anleger hoffen. Anleihekurse verraten, was Gläubiger fürchten. Diese Woche lieferte CoreWeave dafür ein Lehrstück. Die unbesicherten Anleihen des KI-Rechenzentrenbetreibers rentierten zeitweise mit rund 15 Prozent. Ein solches Niveau signalisiert am Kreditmarkt normalerweise eine Notlage. Die Aktie verlor am Mittwoch im Handelsverlauf bis zu 16 Prozent. Elon Musk kommentierte die Lage in einem Beitrag mit einem knappen „Yikes“.
Der Vorgang reicht weit über ein einzelnes Unternehmen hinaus. Er zeigt, wo die Finanzierung des KI-Booms an Grenzen stößt. Und er zeigt, warum Aktionäre den Anleihemarkt stets im Blick behalten sollten.
CoreWeave und die Sprache der Rendite
Zunächst zur Mechanik. Eine Anleihe zahlt einen festen Zins auf ihren Nennwert. CoreWeaves Papier mit Fälligkeit 2032 bringt einen Kupon von 9,625 Prozent. Verkaufen Investoren die Anleihe, sinkt ihr Kurs. Der feste Zins bezieht sich dann auf einen niedrigeren Kaufpreis. Dadurch steigt die Rendite für neue Käufer. Zu Monatsbeginn lag diese Rendite bei gut 13,4 Prozent. Zur Wochenmitte notierte das Papier unter 80 Prozent seines Nennwerts.
Den Ausverkauf löste eine Aussage des Mitgründers aus. Er erklärte, CoreWeave prüfe den Zugang zum Markt für Anleihen mit guter Bonität. Dort verwalten Versicherer gewaltige Kapitalsummen. Gläubiger verstanden die Botschaft auf ihre Weise. Sie erwarten nun noch deutlich mehr Schulden. Bereits zur Jahresmitte lagen die Verbindlichkeiten aus Krediten und Leasingverträgen bei rund 52 Milliarden Dollar. Allein im zweiten Quartal fielen etwa 640 Millionen Dollar Zinsaufwand an. Für das laufende Jahr plant das Unternehmen Investitionen zwischen 35 und 39 Milliarden Dollar.
Die Ratingagentur S&P stuft CoreWeave mit B+ ein. Das liegt klar im spekulativen Bereich, also im Segment der Hochzinsanleihen, die am Markt Junk Bonds heißen.
CoreWeave wies die Sorgen zurück. Die Finanzlage decke die Schuldenverpflichtungen mehr als ab, erklärte das Unternehmen. Firmenchef Michael Intrator nannte das Marktverhalten irrational. Auch Nvidia-Chef Jensen Huang sprang dem Kunden zur Seite, an dem sein Konzern zugleich beteiligt ist.
Hochzinsmarkt: Das Problem heißt Angebot
Marktteilnehmer sehen den Kern des Problems an anderer Stelle. Die Bonität der KI-Firmen habe sich im vergangenen Jahr kaum verändert, argumentiert ein Fondsmanager eines großen US-Versicherers. Entscheidend sei die Flut neuer Papiere, die in den kommenden anderthalb Jahren auf den Markt drängt. Emittenten zahlen offenbar bereitwillig immer höhere Zinsen. Wer heute kauft, riskiert deshalb Kursverluste durch noch teurere Neuemissionen. Abwarten erscheint vielen Investoren klüger.
Die Zahlen stützen diese Sicht. Im Dollarmarkt flossen in diesem Jahr bereits 106 Milliarden Dollar über Anleihen in Projektfinanzierungen, oft für Rechenzentren. Im gesamten Jahr 2025 waren es 37 Milliarden Dollar. Für das kommende Jahr halten Strategen weltweit mehr als 300 Milliarden Dollar für möglich.
Dazu kommen die großen Technologiekonzerne. Alphabet, Amazon, Meta und Oracle haben bis Mitte Oktober zusammen mehr als 228 Milliarden Dollar an Anleihen platziert. Das ist mehr als doppelt so viel wie im gesamten Vorjahr.
Der Funke springt auf den Junk-Markt über
Die Unruhe blieb nicht auf CoreWeave begrenzt. Die durchschnittliche Rendite am US-Hochzinsmarkt stieg am Mittwoch auf 8,41 Prozent. Das ist der höchste Stand seit 18 Monaten. Die Risikoaufschläge, also der Renditeabstand zu sicheren Staatsanleihen, erreichten das weiteste Niveau seit März.
Besonders hart traf es die sogenannten Neo-Clouds. So nennt der Markt junge Anbieter von KI-Rechenleistung mit schwacher Bonität. Hochverzinste Anleihen zur Finanzierung von Rechenzentren fielen im Schnitt auf knapp 95 Prozent des Nennwerts. Im Juni lagen sie noch bei 101 Prozent. Mehrere Papiere, deren Projekte an CoreWeave vermietet sind, notieren inzwischen deutlich unter pari.
Wie teuer frisches Geld geworden ist, zeigte sich am Donnerstag. JPMorgan und Goldman Sachs mussten die Konditionen für einen Kredit über fünf Milliarden Dollar an das KI-Cloud-Startup Volta Infrastructure nachbessern. Am Ende zahlte Volta mehr als die zunächst angepeilten elf Prozent. Zugleich wagten sich in dieser Woche nur drei Emittenten an den Hochzinsmarkt, mit zusammen bescheidenen zwei Milliarden Dollar.
Ein Kreditmarkt, zwei Welten
Wer nun eine allgemeine Kreditkrise ausruft, greift zu kurz. Am Markt für Unternehmensanleihen guter Bonität herrscht weitgehend Ruhe. Die globalen Risikoaufschläge weiteten sich in der Woche im Schnitt um gerade 0,01 Prozentpunkte aus. Mit 0,79 Prozentpunkten liegen sie weiter auf niedrigem Niveau. JPMorgan, Morgan Stanley und Bank of America platzierten nach ihren Quartalszahlen problemlos neue Anleihen. Tencent sammelte knapp 5,7 Milliarden Dollar für KI-Investitionen ein, bei starker Nachfrage.
Der Kreditmarkt sortiert also. Er trennt KI-Investoren mit starken Bilanzen von Unternehmen, die ihr Wachstum vor allem mit geliehenem Geld finanzieren. Für die erste Gruppe stehen die Türen offen. Bei der zweiten schließen sie sich, zumindest zeitweise.
Für schwächere Schuldner bedeutet das einen Umbau der Finanzierung. Ein Marktteilnehmer hält große unbesicherte Neo-Cloud-Emissionen auf dem aktuellen Niveau für kaum platzierbar. Neue Deals dürften Sicherheiten brauchen, etwa Vermögenswerte oder vertraglich zugesicherte Mieteinnahmen. Als Alternativen bleiben Wandelanleihen, Kapitalerhöhungen und Verbriefungen. Jeder dieser Wege kostet. Entweder steigen die Zinsen, oder die Aktionäre müssen eine Verwässerung ihrer Anteile hinnehmen.
Was Aktienanleger aus dem Anleihemarkt lernen
Gläubiger stehen in der Rangfolge vor den Eigentümern. Sie bekommen ihr Geld zuerst, im Ernstfall auch als Einzige. Deshalb reagieren Anleiheinvestoren oft früher und kühler auf Risiken. Ihnen nutzt die schönste Wachstumsgeschichte wenig, wenn am Ende das Geld für Zins und Tilgung fehlt.
Bei CoreWeave lief das Signal dem Aktienkurs voraus. Die Rendite der 2032er-Anleihe stieg schon seit Monatsbeginn deutlich. Der große Kurseinbruch der Aktie folgte erst zur Wochenmitte. Wer KI-Infrastrukturwerte im Depot hält, findet im Anleihemarkt deshalb ein wertvolles Frühwarnsystem. Viele Anleihekurse sind öffentlich einsehbar. Ein Blick auf Rendite und Risikoaufschlag ergänzt jede Aktienanalyse.
Wichtig bleibt der Blick aufs Detail. Für Rechenzentrumsanleihen nennen Strategen mehrere Prüfkriterien. Dazu zählen das Baurisiko, das Tempo der Schuldentilgung während der Mietlaufzeit und die Stärke des Anspruchs gegenüber dem großen Cloud-Mieter. Diese Unterschiede bestimmen zunehmend, welche Papiere stabil bleiben und welche abrutschen.
Ein Abgesang auf den KI-Ausbau wäre trotzdem verfrüht. Höhere Kapitalkosten dürften das Investitionstempo etwas bremsen, aber kaum stoppen. CoreWeave verfügt mit einem Auftragsbestand von 104 Milliarden Dollar über eine solide Nachfragebasis. Die Schwachstelle liegt im Tempo, in dem das Unternehmen neues Kapital beschaffen muss.
Fazit: Die Gläubiger haben das letzte Wort
Der KI-Boom braucht Rechenzentren. Rechenzentren brauchen Kapital. Den Preis für dieses Kapital legen am Ende die Gläubiger fest. Diese Woche haben sie ihn für die schwächeren Adressen kräftig angehoben. Wer die Zukunft eines KI-Infrastrukturwerts einschätzen will, sollte deshalb zuerst auf dessen Anleihen schauen. Dort zeigt sich früher als im Aktienkurs, wie viel Vertrauen der Markt einer Wachstumsgeschichte noch schenkt.
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