Aufsichtsratschef Jens Weidmann hat die Bundesregierung aufgefordert, ihre Beteiligung an der Commerzbank vorerst nicht abzugeben. Der Staat solle Aktionär bleiben, um die Interessen des Standorts Deutschland aktiv zu vertreten, sagte Weidmann am Sonntag laut Handelsblatt und Süddeutscher Zeitung. Die Forderung fällt in eine Phase, in der die Aktie mit 40,24 Euro nahe ihrem 52-Wochen-Hoch notiert und seit Jahresbeginn um 11 Prozent zugelegt hat.
Kritik am Zustandekommen der UniCredit-Mehrheit
Weidmann geht in seiner Stellungnahme weiter und verlangt eine Überprüfung des deutschen Übernahmerechts. Sein Vorwurf: UniCredit habe mit einem finanziell unattraktiven Angebot die Kontrolle über die Commerzbank erlangt, ohne eine angemessene Prämie zu zahlen.
Laut dpa und Handelsblatt wurden von den 73 Prozent, die theoretisch angedient werden konnten, nur knapp 18 Prozent tatsächlich eingereicht. Davon stammte der überwiegende Teil von Banken, die mit UniCredit verbunden sind – Groß- und Privatanleger kamen zusammen auf unter 3 Prozent.
Diese Zahlen decken sich mit früheren Angaben der Commerzbank selbst, wonach zum Ende der ursprünglichen Annahmefrist 17,6 Prozent angedient worden waren, ein Großteil davon von Instituten, die sich die Aktien zuvor geliehen hatten.
Für Weidmann ist das ein Beleg dafür, dass unabhängige Aktionäre dem Angebot kaum Vertrauen entgegenbrachten – die Mehrheit sei faktisch über verbundene Parteien zustande gekommen, nicht über einen breiten Marktkonsens. Diese Konstruktion wirft aus seiner Sicht grundsätzliche Fragen zum Schutz von Minderheitsaktionären bei Übernahmen auf.
Warnung vor Kostenprogramm
Neben der rechtlichen Kritik warnt Weidmann laut dpa vor den wirtschaftlichen Folgen der Übernahme für den Standort Deutschland. UniCredit plane, innerhalb von zwölf Monaten Kosten in Höhe von 1,3 Milliarden Euro einzusparen. Solche Einschnitte könnten deutsche Standorte, Arbeitsplätze und die Kreditvergabe an den Mittelstand treffen, so die Sorge des Aufsichtsratschefs.
Die Gemengelage bleibt vielschichtig: Die Europäische Zentralbank hatte sich Mitte August tendenziell zu einer Genehmigung der Übernahme geneigt gezeigt, wie ein internes Dokument an das Supervisory Board laut Bloomberg zeigte.
Zugleich laufen erste formale Gespräche zwischen UniCredit-Chef Andrea Orcel und Commerzbank-Vorstandschefin Bettina Orlopp über die praktischen Implikationen eines Kontrollwechsels – etwa in Bilanzierung, Recht und Risikomanagement.
Was das für Anleger bedeutet
Für die Aktie hat die Debatte bislang keine bremsende Wirkung gezeigt. Das Papier notiert nur 1,9 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 41,00 Euro und liegt rund 13 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 35,63 Euro – ein Zeichen, dass der Markt die Übernahmedynamik bislang eher als Kurstreiber denn als Risiko einpreist.
Gleichzeitig zeigt Weidmanns Vorstoß, dass der politische und regulatorische Streit um die Kontrollverhältnisse noch nicht beigelegt ist. Ob der Bund seine Beteiligung tatsächlich hält oder die Forderung ungehört verhallt, dürfte die nächste Wegmarke für die weitere Kursentwicklung sein.
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