Im Ringen um die Zukunft der Commerzbank schlägt Vorstandsvorsitzende Bettina Orlopp neue Töne an. Wie das Handelsblatt berichtet, wirbt sie am heutigen Dienstag für einen konstruktiven Dialog mit der italienischen Großbank UniCredit. Nach Monaten der offenen Konfrontation zwischen den beiden Instituten ist das ein bemerkenswerter Kurswechsel im Tonfall der Bankführung.
Flankiert wird Orlopps Vorstoß von Aufsichtsratschef Jens Weidmann. Er fordert UniCredit auf, endlich das Gespräch mit dem Commerzbank-Management zu suchen, und betont, Vorstand und Aufsichtsrat seien dazu bereit. Bislang hatte sich UniCredit direkte Verhandlungen mit der Bankspitze weitgehend erspart und stattdessen über den Kapitalmarkt Fakten geschaffen.
Übernahmeprozess nimmt Fahrt auf
Der Sinneswandel kommt nicht zufällig. Die Bafin hat UniCredit Ende Juli mitgeteilt, dass deren Antrag zur Aufstockung des Commerzbank-Anteils vollständig ist und weiterbearbeitet werden kann. Damit läuft nun die Frist für die EZB, ihre Prüfung innerhalb von 60 Arbeitstagen abzuschließen – eine Verlängerung um bis zu 20 Arbeitstage bleibt möglich, sollte die Aufsicht weitere Unterlagen anfordern.
Nach Ablauf der Annahmefrist des öffentlichen Übernahmeangebots Anfang Juli hatten lediglich 17,6 Prozent der Commerzbank-Aktionäre ihre Papiere angedient, darunter nur 2,7 Prozent institutionelle und private Investoren. Über direkten Anteilsbesitz und Kaufoptionen kontrolliert UniCredit inzwischen aber mehr als 47 Prozent der Commerzbank-Aktien – eine Hebelwirkung, die trotz der geringen Annahmequote entstanden ist.
Auch die Bundesregierung hatte vor gut einer Woche ihre Blockadehaltung aufgegeben und arbeitet seither an Bedingungen für mögliche Verhandlungen. Berlin verlangt unter anderem Garantien für eine fortgesetzte eigenständige Börsennotierung, den Erhalt Frankfurts als bedeutenden Standort sowie einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen – UniCredit hatte zuvor den Abbau von bis zu 7.000 Stellen ins Spiel gebracht.
Rekordzahlen untermauern Verhandlungsposition
Orlopps Angebot zum Dialog fällt in eine Phase, in der die Commerzbank aus einer Position der Stärke argumentieren kann. Am vergangenen Donnerstag hatte das Institut sein operatives Ergebnis für das erste Halbjahr um 14 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro gesteigert, das Nettoergebnis erreichte mit 1,8 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert.
Die Nettoeigenkapitalrendite lag bei 12,6 Prozent. Für das Gesamtjahr bestätigte der Vorstand die Prognose eines Nettogewinns von mindestens 3,4 Milliarden Euro bei Erträgen von rund 13,2 Milliarden Euro.
Ergänzend kündigte die Bank ein Aktienrückkaufprogramm über bis zu 1,2 Milliarden Euro an, das die EZB bereits genehmigt hat. Solche Kapitalrückführungen signalisieren finanzielle Robustheit – ein Argument, das die Verhandlungsposition der Commerzbank gegenüber UniCredit stärkt, sollte es tatsächlich zu Gesprächen kommen.
Kurs nahe Rekordhoch
An der Börse hat der Markt die Gemengelage aus Rekordzahlen, Übernahmefantasie und politischer Weichenstellung bereits goutiert: Seit UniCredit vor gut drei Wochen die Beteiligung ausweitete, legte die Aktie um 7,7 Prozent zu.
Aktuell notiert das Papier bei 39,11 Euro und damit nur 1,86 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 39,85 Euro, das erst am vergangenen Donnerstag markiert wurde. Am heutigen Handelstag zeigt sich der Kurs mit minus 0,03 Prozent nahezu unverändert.
Ob aus Orlopps Werben tatsächlich Verhandlungen werden, bleibt zunächst offen. Die Bereitschaft aller Beteiligten – Commerzbank-Führung, Bundesregierung und nun offenbar auch das Aufsichtsregime – deutet aber darauf hin, dass der monatelange Stillstand in der Übernahmefrage einer neuen Phase weichen könnte.
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