Der Übernahmeversuch von UniCredit bei der Commerzbank tritt in eine neue, formal entscheidende Phase ein. Die Bafin stufte den Antrag des italienischen Konzerns auf eine Mehrheitsbeteiligung am Mittwoch als vollständig ein und reichte ihn an die Europäische Zentralbank weiter. Die EZB hat nun 60 Arbeitstage Zeit für ihre Entscheidung – ein Termin, der nach Einschätzung beider beteiligten Vorstandschefs im vierten Quartal fallen dürfte.
Vollständiger Antrag als nächste Hürde
Mit der Weiterleitung an die EZB rückt die eigentliche aufsichtsrechtliche Prüfung in den Vordergrund. UniCredit hält nach eigenen Angaben inzwischen einen wirtschaftlichen Anteil von rund 47,6 Prozent des Commerzbank-Kapitals, was knapp 49,7 Prozent der Stimmrechte entspricht.
Über zusätzliche Finanzinstrumente ohne Stimmrecht kommt gut ein weiteres Zehntel hinzu. Damit fehlt UniCredit rein rechnerisch nur ein kleiner Schritt zur vollständigen Kontrolle – vorausgesetzt, die Aufsichtsbehörden ziehen mit.
Neben der EZB-Prüfung stehen noch mehrere weitere Genehmigungen aus: die EU-Kartellbehörden, die deutsche Außenwirtschaftsprüfung nach der Golden-Power-Regelung, die US-Notenbank Fed und die polnische Finanzaufsicht müssen zustimmen. Läuft das Verfahren ohne größere Verzögerungen, könnte UniCredit die Kontrolle über die Commerzbank im Herbst übernehmen, im ungünstigeren Fall erst Anfang Dezember.
CEO Andrea Orcel von UniCredit rechnet nach eigener Aussage mit der aufsichtsrechtlichen Genehmigung möglicherweise noch im vierten Quartal und will kurz danach die nötigen Schritte zur Kontrollausübung einleiten. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp äußerte sich am Donnerstag ähnlich zuversichtlich zum Zeitplan und erklärte, man sei für konstruktive Gespräche mit UniCredit bereit und wolle im Interesse aller Aktionäre gemeinsam Mehrwert schaffen.
Ratingagentur mahnt Integrationsrisiken an
Nicht alle Beobachter sehen die absehbare Kontrollübernahme unkritisch. S&P Global Ratings bestätigte am 16. Juli zwar das langfristige Emittentenrating der Commerzbank mit A, senkte aber den Ausblick von positiv auf stabil.
Als Begründung nannte die Agentur Integrationsrisiken sowie den möglichen Wegfall eigenständiger Kapitalpuffer, sollte UniCredit tatsächlich die Kontrolle übernehmen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Bonitätseinschätzung der Bank künftig stärker mit dem Ausgang des Übernahmeprozesses verknüpft sein dürfte als mit dem operativen Geschäft allein.
Auch innerhalb der Bank wächst laut einem Bericht des Handelsblatts vom 31. Juli die Sorge um die Zukunft. Interne Dokumente sollen zeigen, dass sich die Commerzbank im Übernahmekampf zunehmend geschlagen gibt. Der Betriebsrat des Unternehmens bestätigte zugleich, dass UniCredit den Abbau von 7.000 Stellen sowie eine Verkleinerung des Auslandsnetzes plane, betonte aber, bestehende Vereinbarungen würden die Beschäftigten schützen.
Kurs bleibt nahe am Jahreshoch
An der Börse zeigt sich von der wachsenden internen Unsicherheit bislang wenig. Die Commerzbank-Aktie notiert bei 39,04 Euro und damit nur knapp zwei Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn steht ein Kursplus von 8,14 Prozent zu Buche, der heutige Handelstag verläuft mit einem minimalen Rückgang nahezu unverändert.
Anleger scheinen den fortschreitenden Genehmigungsprozess derzeit weniger als Risiko denn als Bestätigung des Übernahmeszenarios zu werten – solange die EZB und die übrigen Aufsichtsbehörden keine Überraschungen liefern, bleibt der Fahrplan für eine Kontrollübernahme durch UniCredit im Herbst oder spätestens Anfang Dezember intakt.
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