Die Bundesregierung hat ihren Widerstand gegen eine Übernahme der Commerzbank durch UniCredit aufgegeben. Wie Reuters und dpa berichten, lädt das Bundesfinanzministerium unter Lars Klingbeil UniCredit-Chef Andrea Orcel für den 14. September nach Berlin ein. Bislang hatte Berlin die italienischen Übernahmepläne skeptisch begleitet – nun sucht man das direkte Gespräch.
Der Kurswechsel kommt zu einem Zeitpunkt, an dem UniCredit ihren Zugriff auf Commerzbank-Aktien inklusive Derivaten Medienberichten zufolge bereits auf 49,65 Prozent ausgeweitet hat. Damit steht der italienische Konzern unmittelbar vor einer faktischen Mehrheitskontrolle, ohne dass es bislang zu einem offiziellen Übernahmeangebot gekommen wäre.
Ein Regierungssprecher stellte laut Reuters klar, dass Bundeskanzler Friedrich Merz selbst aktuell keine eigenen Gespräche mit UniCredit plant. Das Finanzministerium wolle das Treffen vielmehr nutzen, um die Interessen des deutschen Mittelstands und des Finanzplatzes Frankfurt zu wahren.
Aktie nähert sich altem Rekord
Der Markt reagiert auf die politische Annäherung mit Zuversicht. Am Freitag schloss die Commerzbank-Aktie bei 40,30 Euro, ein Plus von 0,8 Prozent auf Tagessicht.
Über die vergangenen sieben Handelstage summiert sich der Anstieg auf 3,2 Prozent, binnen 30 Tagen auf 9,6 Prozent. Damit notiert das Papier nur noch 1,7 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 41,00 Euro, das erst am Mittwoch erreicht wurde. Zum Jahrestief im Oktober vergangenen Jahres beträgt der Abstand inzwischen 39 Prozent.
Die Marktkapitalisierung liegt bei 43,04 Milliarden Euro. Anleger preisen damit erkennbar ein, dass eine politisch flankierte Lösung mit UniCredit näher rückt als noch vor Wochen angenommen.
Cum-Ex-Anklage belastet das Aktienbild kaum
Parallel zur Übernahmedebatte holt die Vergangenheit die Bank ein: Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hat laut FAZ und Spiegel Anklage gegen vier ehemalige Commerzbank-Mitarbeiter erhoben – zwei Briten, einen Deutschen und einen US-Amerikaner.
Ihnen wird schwere Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Cum-Ex-Geschäften aus dem Jahr 2008 vorgeworfen, der Steuerschaden wird mit über 20 Millionen Euro beziffert. Für den Aktienkurs spielte die Meldung bislang keine erkennbare Rolle, die Übernahmefrage dominiert die Wahrnehmung der Anleger deutlich.
Operativ bleibt die Bank auf Kurs: Nach einem Nettogewinn von 898 Millionen Euro im zweiten Quartal – ein Plus von 94 Prozent gegenüber dem Vorjahr, vor rund einem Monat gemeldet – hält das Institut an seinem Jahresziel von mindestens 3,4 Milliarden Euro Nettogewinn fest.
Zusätzlich hat die Bank die Einziehung von 4,14 Prozent eigener, zuvor zurückgekaufter Aktien abgeschlossen; die Gesamtzahl der Stimmrechte sinkt dadurch auf 1.080.847.095. Das verschiebt die relativen Machtverhältnisse zwischen den Aktionären zusätzlich zugunsten von UniCredit, ohne dass sich am absoluten Aktienbestand des italienischen Konzerns etwas ändert.
Blick nach vorn
Für Anleger rückt nun das Berliner Treffen am 14. September in den Mittelpunkt. Es dürfte zeigen, ob sich Politik und UniCredit auf Bedingungen für eine geordnete Integration verständigen können oder ob der Streit um Kontrolle und Standortsicherung neu entfacht wird.
Weitere Fixpunkte für den Herbst sind die Teilnahme der Commerzbank an einer Finanzkonferenz von Bank of America am 26. September sowie die Zahlen zum dritten Quartal, die für den 26. November angesetzt sind.
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