Citigroup: Aufholjagd mit 30 Prozent Potenzial möglich

Die niedrige Bewertung steht starkem Gewinnwachstum gegenüber; für eine Neubewertung zählt vor allem die Entwicklung der Kapitalrendite.

Auf einen Blick:
  • Gewinn je Aktie 2026 laut Konsens über 60 Prozent höher
  • Acht Quartale in Folge Schätzungen übertroffen
  • ROTCE-Ziel des Managements: zehn bis elf Prozent
  • Aktie im dritten Quartal rund 7,5 Prozent schwächer

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

am Dienstag legt Citigroup die Zahlen für das dritte Quartal vor. Der Termin trifft die Aktie in einer eigentümlichen Lage. Fast alles, was die Finanzkrise 2008 beschädigt hat, hat sich längst erholt. Hauspreise, Indizes und die Kurse der Konkurrenten liegen weit über den alten Niveaus. Citigroup dagegen notiert als letzte der großen US-Banken noch immer unter dem Hoch von damals, und zwar deutlich.

Gleichzeitig wächst der Gewinn so schnell wie bei kaum einem Wettbewerber. Aus diesem Widerspruch entsteht eine der interessantesten Bewertungsfragen im US-Bankensektor. Die Quartalszahlen liefern dazu den nächsten Beleg, in die eine oder in die andere Richtung.

Citigroup-Aktie: Billigste Großbank mit dem stärksten Gewinnwachstum

Die Ausgangslage lässt sich mit wenigen Kennzahlen beschreiben. Die Aktie kostet rund das Zehnfache des Gewinns, den der Markt für 2027 erwartet. Der Kurs liegt nur knapp über dem Buchwert, also dem bilanziellen Eigenkapital je Aktie. Rechnet man Firmenwerte und andere immaterielle Posten heraus, ergibt sich das 1,2-Fache. Unter den großen US-Häusern ist Citigroup damit die günstigste Adresse.

Dem steht eine Gewinndynamik gegenüber, die in der Branche herausragt. Der Konsens rechnet für 2026 mit einem Gewinn je Aktie von 11,20 Dollar. Das wäre ein Plus von mehr als 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für 2027 stehen 12,79 Dollar in den Schätzungen, noch einmal gut 14 Prozent mehr. Die meisten Wettbewerber wachsen langsamer.

Daraus ergibt sich eine einfache Rechnung. Vergleichbare Großbanken bewertet der Markt mit etwa dem 13-Fachen des Gewinns. Käme Citigroup auf dieses Niveau, läge die Aktie rund 30 Prozent höher als heute. Ein Fondsmanager, der die Aktie hält, spitzt das zu. Anleger kauften hier etwas, das so gut werden könne wie JPMorgan, und zwar zum halben Preis.

Die Kennzahl, auf die es am Dienstag ankommt

Der Abschlag hat einen Grund, und er trägt einen sperrigen Namen: ROTCE. Die Abkürzung steht für die Rendite auf das materielle Eigenkapital. Sie zeigt, wie viel Gewinn eine Bank mit dem Kapital erwirtschaftet, das tatsächlich in ihrem Geschäft arbeitet. Als Faustregel erwarten Investoren von einer Großbank mindestens zehn Prozent.

Citigroup lag lange darunter. 2025 kam die Bank auf 7,7 Prozent. Für 2026 erwartet der Konsens 11,4 Prozent, für 2027 dann 12,2 Prozent. Das Management selbst hatte für dieses Jahr eine Spanne von zehn bis elf Prozent als Ziel genannt. Der Markt traut der Bank inzwischen also mehr zu als sie sich selbst. Einzelne Analysten halten bis 2030 sogar 15 Prozent für erreichbar.

An dieser Größe entscheidet sich die Bewertung. Verdient eine Bank auf ihr Kapital nur wenig, zahlt die Börse kaum mehr als den Buchwert. Steigt die Rendite dauerhaft über zehn Prozent, ändert sich das Bild. Deshalb zählt am Dienstag weniger der Quartalsgewinn als die Entwicklung dieser Rendite.

Quartalszahlen: Die Messlatte liegt nach acht Treffern hoch

Die Erwartungen sind klar umrissen. Analysten rechnen für das dritte Quartal im Schnitt mit einem Gewinn je Aktie von rund 2,67 Dollar. Vor einem Jahr hatte die Bank bereinigt 2,24 Dollar gemeldet. Beim Umsatz reichen die Schätzungen je nach Quelle von 23,3 bis 23,7 Milliarden Dollar.

Ein Blick auf das erste Halbjahr hilft bei der Einordnung. Im ersten Quartal verdiente Citigroup 3,06 Dollar je Aktie, im zweiten 3,15 Dollar. Zusammen sind das 6,21 Dollar und damit rund 55 Prozent des Jahresgewinns, den der Konsens erwartet. Die zweite Jahreshälfte darf also schwächer ausfallen, ohne die Jahresschätzung zu gefährden.

Hinzu kommt die Serie. Citigroup hat die Gewinnschätzungen acht Quartale in Folge übertroffen, zuletzt um 18 Prozent. Solche Serien haben eine Kehrseite, denn der Markt preist den Treffer irgendwann ein. Ein Ergebnis genau im Rahmen der Schätzungen könnte dann bereits enttäuschen.

Das Management hat die Richtung vorgegeben. Im Investmentbanking sollen die Erträge im niedrigen einstelligen Prozentbereich über dem Vorjahr liegen. Für das Handelsgeschäft stellte die Bank ein Plus im mittleren einstelligen Bereich in Aussicht. Das klingt verhalten, ist nach zwei starken Quartalen aber plausibel.

Was die Citigroup-Aktie zusätzlich treiben kann

Hinter den Zahlen steht ein mehrjähriger Umbau unter Vorstandschefin Jane Fraser. Sie hat die Struktur der Bank vereinfacht, Kosten gesenkt und renditeschwache Sparten abgegeben. Abgeschlossen ist dieser Prozess nicht. Die Trennung vom Mexiko-Geschäft und von weiteren Altlasten steht noch aus.

Zwei Geschäftsfelder tragen die Bank dabei besonders. Im globalen Zahlungsverkehr für Unternehmen und Institutionen zählt Citigroup neben JPMorgan zu den beiden führenden Adressen. Dort fließen Billionen Dollar durch die Systeme der Bank. Im Beratungsgeschäft bei großen Fusionen und Übernahmen gewinnt das Haus zudem Marktanteile.

Rückenwind könnte auch von den Aufsehern kommen. Die überarbeiteten Kapitalregeln, bekannt als Basel III Endgame, fallen weniger streng aus als ursprünglich geplant. Marktbeobachter rechnen deshalb damit, dass Citigroup niedrigere Kapitalziele ankündigt. Weniger gebundenes Kapital verschafft der Bank mehr Spielraum, etwa für Ausschüttungen an die Aktionäre. Zugleich steigt rechnerisch die Rendite auf das eingesetzte Kapital.

Die Risiken: Verbraucher, Aufsicht und ein angeschlagenes Chartbild

Die Gegenargumente verdienen Gewicht. Citigroup steht wegen früherer Versäumnisse unter besonders enger Beobachtung der Aufsicht. Über das Privatkundengeschäft und die Kreditkarten mit Handelspartnern hängt die Bank zudem am US-Verbraucher. Schwächelt der Arbeitsmarkt, steigen dort die Kreditausfälle zuerst. Bisher zeigen sich die Konsumenten trotz hartnäckiger Inflation robust.

Auch die Qualität der Bilanz bleibt ein Thema. Quantitative Modelle bescheinigen der Aktie starke Gewinntrends, aber schwächere Werte bei Qualität und Bilanz. Die Bank verdient auf ihr Vermögen und ihr Kapital weiterhin weniger als die Konkurrenz. Der Bewertungsabschlag kommt also nicht von ungefähr.

Dazu passt die Kursentwicklung der vergangenen Monate. Im dritten Quartal verlor die Aktie rund 7,5 Prozent und damit deutlich mehr als die Branche. Vom Hoch im Juni ist sie gut zwölf Prozent entfernt. Der Kurs notiert unter den Durchschnittslinien der vergangenen 50 und 100 Handelstage.

Die viel beachtete 200-Tage-Linie hat die Aktie Anfang Oktober getestet und bislang verteidigt. Technisch orientierte Anleger sehen darin einen möglichen Boden. Bestätigt ist er erst, wenn die Aktie die kürzeren Durchschnitte zurückerobert. Seit Jahresbeginn liegt das Papier dennoch im Plus, während der Finanzsektor insgesamt zuletzt im Minus notierte.

Fazit: 2008 ist erst abgehakt, wenn die Rendite stimmt

Citigroup ist die günstigste Großbank der USA, weil sie lange die schwächste war. Der Rückstand auf das Vorkrisenhoch ist die sichtbare Quittung dafür. Die Gewinnschätzungen zeigen, dass sich die Ertragskraft schneller verbessert als bei der Konkurrenz. Der Kurs spiegelt das bisher nur zum Teil.

Ein einzelnes gutes Quartal reicht nicht, um diese Lücke zu schließen. Dafür muss die Kapitalrendite Quartal für Quartal zweistellig bleiben, und der Markt muss ihr das abnehmen. Am Dienstag lohnt deshalb der Blick auf die ROTCE-Zeile im Bericht, noch vor dem Gewinn je Aktie. An ihr lässt sich ablesen, wie weit der Weg von 2008 noch ist.

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