Drei Halbleiterwerte klettern zweistellig, drei Softwaretitel brechen ein — der Nasdaq-100 zeigt am Donnerstag eine Zerreißprobe, die den Strukturwandel durch KI wie unter einem Brennglas offenlegt. Wer liefert die Infrastruktur für den Boom, und wer wird von ihr bedroht?
Die Gewinner
| Asset | Kurs | Veränderung |
|---|---|---|
| Applied Materials | 477,40 € | +11,0 % |
| Marvell Technology | 242,50 € | +10,4 % |
| Micron | 860,00 € | +10,2 % |
Die Verlierer
| Asset | Kurs | Veränderung |
|---|---|---|
| Adobe | 188,62 € | −6,7 % |
| CoStar | 28,02 € | −5,5 % |
| Workday | 112,58 € | −5,5 % |
Applied Materials: Analysten-Offensive treibt Kurs ans Jahreshoch
Applied Materials war gestern der stärkste Wert im gesamten Nasdaq-100. Drei Analystenhäuser hoben ihre Kursziele innerhalb weniger Tage an: Cantor Fitzgerald auf 650 US-Dollar, UBS auf 570 US-Dollar, Barclays auf 590 US-Dollar — jeweils mit Kauf- oder Overweight-Einstufung. Eine solche Dichte an Aufwertungen ist selbst für Halbleiterwerte ungewöhnlich.
Die Fundamentaldaten stützen den Optimismus. Im zweiten Fiskalquartal 2026 stieg der Umsatz um 11 % auf 7,91 Milliarden US-Dollar, der Gewinn je Aktie von 2,86 US-Dollar schlug den Konsens deutlich. Mindestens ebenso bedeutsam: Das Management schraubte seine Branchenprognose für das Wachstum bei Halbleiterausrüstung im Kalenderjahr 2026 von „über 20 Prozent“ auf „über 30 Prozent“ nach oben.
Strategisch flankiert ein neuer 500-Millionen-Dollar-Campus in Singapur den Kapazitätsausbau. Analysten sprechen von Auftragsvisibilität bis 2028 — ein Merkmal, das in einem zyklischen Sektor selten ist und höhere Bewertungsmultiplikatoren rechtfertigen könnte. Bei 477,40 € notiert die Aktie nur knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch.
Marvell Technology: Index-Aufnahme und Jensen Huangs Ritterschlag
Marvell legte gestern um 10,4 % zu und profitiert von einem Katalysatoren-Mix, der seinesgleichen sucht. S&P Dow Jones Indices gab die Aufnahme in den S&P 500 zum 22. Juni bekannt — ein Meilenstein, der automatischen Kaufdruck durch passiv verwaltete Fonds auslöst und den institutionellen Zugang massiv erweitert.
Der emotionale Zündfunke lag allerdings schon etwas zurück. Nvidia-CEO Jensen Huang hatte Marvell beim Computex in Taipeh als „nächstes Billion-Dollar-Unternehmen“ bezeichnet und eine Investition von zwei Milliarden US-Dollar zugesagt. Solche Aussagen wirken im KI-Sektor wie ein Gütesiegel.
Die Zahlen halten mit: Im ersten Fiskalquartal 2027 erzielte Marvell einen Rekordquartalsumsatz von 2,42 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 28 % gegenüber dem Vorjahr. Für das laufende Quartal prognostiziert das Management 2,7 Milliarden US-Dollar — was einem Wachstum von 35 % entspräche. Die Einführung des Teralynx-T100-Switch-Chips mit 102,4 Tbps, speziell für KI- und Cloud-Rechenzentren entwickelt, befeuerte die Rally zusätzlich. Seit Jahresbeginn hat sich die Aktie mehr als verdreifacht.
Micron: Speicherknappheit als Preistreiber
Micron kletterte um 10,2 % auf 860,00 € und hat damit seit Jahresbeginn rund 220 % zugelegt. Hinter dem Anstieg steckt ein fundamentaler Engpass: KI-Anwendungen verschlingen nahezu die gesamte verfügbare Speicherchip-Kapazität.
TrendForce schätzt, dass die DRAM-Preise im zweiten Quartal 2026 um 58 bis 63 Prozent steigen könnten. Im ersten Quartal war der Anstieg mit geschätzten 98 Prozent sogar noch drastischer. Für ein Unternehmen, dessen Margen direkt an Speicherpreise gekoppelt sind, wirkt diese Dynamik wie ein Hebel auf die Gewinne.
Der unmittelbare Kurstreiber am Donnerstag war die nahende Quartalssaison: Am 24. Juni legt Micron seine Q3-FY2026-Ergebnisse vor. In der Mitte der eigenen Prognosespanne erwartet das Unternehmen einen Umsatz von 33,5 Milliarden US-Dollar — potenziell das 3,6-Fache des Vorjahreswertes. Die Marktkapitalisierung hat kürzlich die Marke von einer Billion US-Dollar überschritten, begleitet von einer Flut an Kurszielerhöhungen.
Adobe: Starke Zahlen, aber ein CFO-Abgang zur Unzeit
Adobe verlor gestern 6,7 % und markierte mit 188,62 € ein neues 52-Wochen-Tief. Ein klassisches Paradox: Die Quartalszahlen übertrafen die Erwartungen, der Kurs fiel trotzdem.
Im zweiten Kalenderquartal 2026 stieg der Umsatz um 12,7 % auf 6,62 Milliarden US-Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie von 5,96 US-Dollar lag über dem Konsens, und der Ausblick für das dritte Quartal übertraf ebenfalls die Schätzungen. Auf dem Papier solide Ergebnisse.
Der eigentliche Schock kam von der Personalseite. CFO Dan Durn verlässt Adobe am 15. Juni — er wechselt ausgerechnet zu Marvell Technology. Ein Abgang des Finanzchefs in einer Phase, in der Anleger ohnehin nervös auf das KI-Narrativ reagieren, verstärkt die Unsicherheit enorm. Die Sorge, dass generative KI Photoshop-Abonnements eher kannibalisiert als beflügelt, drückt Adobe seit Jahresbeginn um rund 34 % nach unten. Analysten erwarten auf Zwölf-Monats-Sicht nur noch 7,5 % Umsatzwachstum — eine deutliche Verlangsamung gegenüber den Vorjahren.
CoStar: Indexausschluss, Optionsdruck und Vertrauenskrise
CoStar gab 5,5 % ab und notiert bei 28,02 € nur knapp über dem 52-Wochen-Tief. Das Immobilien-Datenunternehmen kämpft mit einem strukturellen Vertrauensverlust, der weit über einen einzelnen Handelstag hinausgeht.
Am 18. Mai wurde CoStar aus dem Nasdaq-100 entfernt — eine Folge des Marktwertverlusts von über 50 % seit Jahresbeginn und anhaltender Zweifel an der Homes.com-Strategie. Solche Indexausschlüsse erzeugen typischerweise wochenlangen Verkaufsdruck durch ETF-Umschichtungen.
Am Donnerstag verstärkte der Optionsmarkt die Abwärtsbewegung massiv:
- Put-Optionen: 3.566 Kontrakte, davon allein 3.252 auf den 30-Dollar-Put mit Verfall am 18. Juni
- Call-Optionen: lediglich 425 Kontrakte
- Verhältnis: Über acht Puts pro Call — ein klares Bärensignal
Zusätzlich belastet hat die Q1-Prognose für das zweite Quartal, die mit einem Mittelpunkt unter dem Analystenkonsens lag. J.P. Morgan senkte daraufhin das Kursziel. Aktivistischer Gegenwind kommt von der D.E. Shaw Group, die in einem offenen Brief die Neukonfiguration der Berichtssegmente als „beunruhigenden Rückschritt für die Rechenschaftspflicht“ kritisierte. Der Vorwurf: Die schwachen Homes.com-Ergebnisse würden in einem neuen Residential-Segment versteckt.
Workday: Das SaaSpocalypse-Narrativ lastet schwer
Workday verlor ebenfalls 5,5 % und schloss bei 112,58 €. Der HR- und Finanzsoftware-Anbieter steht exemplarisch für den Druck, unter dem das klassische SaaS-Geschäftsmodell leidet.
Die Vorgeschichte ist präzise datierbar. Am 30. Januar 2026 veröffentlichte Anthropic Open-Source-Plugins für seinen Claude-Agenten — Werkzeuge für Vertragsanalyse, Compliance-Checks und interne Recherche, also Aufgaben, die im Zentrum hochmargiger Enterprise-Software stehen. Bis zum 3. Februar hatten Investoren die Konsequenzen eingepreist: Rund 285 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung verdampften bei Software-, Finanzdaten- und Professional-Services-Aktien an einem einzigen Handelstag.
Der vollständige Enterprise-Launch von Claude Cowork folgte erst am 24. Februar. Seither wird das Narrativ mit jedem neuen KI-Agenten-Launch neu befeuert. Die Logik dahinter: Wenn ein Agent für 20 Dollar im Monat mehrstufige Wissensarbeit erledigt, wird die Rechtfertigung teurer Enterprise-Abonnements zunehmend schwieriger.
Workday hat generative KI-Funktionen ins Portfolio integriert, der annualisierte Umsatz aus KI-Produkten übersteigt 400 Millionen US-Dollar. Gleichzeitig verlangsamt sich das Gesamtwachstum. Das Kerngeschäft im Human Capital Management ist ausgereift und sieht sich zyklischem Gegenwind ausgesetzt, während die neuere Finanz-Suite langsamer als erhofft an Fahrt gewinnt. Ein Anfang des Jahres vollzogener CEO-Wechsel hat die Unsicherheit zusätzlich erhöht.
Halbleiter-Euphorie gegen Software-Strukturkrise — wer setzt sich durch?
Der Donnerstag lieferte Nasdaq-Anlegern ein Röntgenbild der Risikolandschaft für das zweite Halbjahr. Die Trennlinie verläuft entlang einer simplen Frage: Baut ein Unternehmen die Infrastruktur für den KI-Boom — oder wird es von ihr bedroht?
Für den Halbleitersektor steht der 24. Juni als nächster Prüfstein im Kalender, wenn Micron seine Quartalsergebnisse vorlegt. Applied Materials und Marvell profitieren von einem strukturell intakten Superzyklus mit mehrjähriger Auftragssichtbarkeit. Der Gegenwind durch den unerwartet hohen Erzeugerpreisindex im Mai — 1,1 % statt erwarteter 0,7 % — hat die Chip-Rallye bislang nicht gebremst.
Auf der Software-Seite wird die Fähigkeit zur KI-Monetarisierung zum zentralen Bewertungsparameter. Adobe und Workday müssen beweisen, dass sie KI als Wachstumstreiber nutzen können — nicht als Bedrohung erdulden. CoStar kämpft zusätzlich mit hausgemachten Problemen. 2026 zeichnet sich als das Jahr ab, in dem die Gewinner und Verlierer des KI-Zeitalters endgültig sichtbar werden.
Applied Materials-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Applied Materials-Analyse vom 12. Juni liefert die Antwort:
Die neusten Applied Materials-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Applied Materials-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 12. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
Applied Materials: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...
