Ausgangslage
Broadcom-Aktionäre erlebten einen turbulenten August. Zwar sorgte die Milliarden-Fremdkapitalplanung für KI-Chip-Finanzierungen bereits vor gut einer Woche für Schlagzeilen, seither legte die Aktie um 0,8 Prozent zu.
Doch parallel etablierte sich ein zweites, ernsteres Thema: Marvell Technology meldete am 19. August eine erweiterte Custom-Chip-Vereinbarung mit Alphabets Google-Sparte, inklusive Optionsscheinen auf künftige Bestellungen von bis zu 120 Milliarden Dollar.
Marktbeobachter werteten dies als direkten Angriff auf Broadcoms Position im TPU-Ökosystem von Google – just jenem Geschäft, das Broadcom im April mit einer langfristigen Vereinbarung bis 2031 eigentlich abgesichert glaubte.
Die Aktie notiert aktuell bei 318,05 Euro und damit 26 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 429,60 Euro, erreicht Anfang Juni. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt mit 335,57 Euro spürbar über dem aktuellen Kurs, der RSI von 42,2 signalisiert keine Überverkauftheit, aber auch keine Erholungsdynamik. Der Markt hat die Google-Nachricht offenkundig noch nicht verdaut.
Die entscheidende Frage
Für Anleger reduziert sich die Lage auf eine zentrale Kennzahl: Wie viel vom künftigen Google-TPU-Volumen bleibt tatsächlich bei Broadcom, und wie viel wandert zu Marvell? Die im April vereinbarte Partnerschaft zur Entwicklung künftiger TPU-Generationen und zur Belieferung von Google-AI-Racks bleibt formal bestehen.
Doch der Marvell-Deal deutet darauf hin, dass Google sein Custom-Silicon-Geschäft diversifiziert – ein Novum, das Broadcoms bisherige Quasi-Exklusivität infrage stellt. Solange keine belastbaren Zahlen zur Aufteilung vorliegen, bleibt die Frage offen, ob es sich um eine Ergänzung oder eine echte Verdrängung handelt.
Bullisches Szenario
Für die Bullen spricht die operative Substanz. Im jüngsten berichteten Quartal erzielte Broadcom einen Umsatz von 22,1 Milliarden Dollar bei einem nicht-GAAP-Gewinn je Aktie von 2,44 Dollar.
Der KI-Halbleiterumsatz belief sich auf 10,8 Milliarden Dollar, und das Management bekräftigte damals die Prognose von rund 56 Milliarden Dollar KI-Halbleiterumsatz für das Gesamtjahr 2026 sowie mehr als 100 Milliarden Dollar für 2027. Sollte sich diese Wachstumsdynamik bestätigen, würde ein möglicher Marktanteilsverlust bei Google durch das allgemeine Volumenwachstum der KI-Nachfrage kompensiert.
Zudem zeigt die parallel verhandelte Fremdkapitalfinanzierung für KI-Chip-Deals mit Anthropic und anderen Unternehmen, dass Broadcom über die Google-Beziehung hinaus als zentraler Finanzierungs- und Infrastrukturpartner der KI-Branche positioniert bleibt.
Bärisches Risiko
Die Risikoseite ist ernst zu nehmen. Bondhändler erhöhten im August die Risikoindikatoren für Broadcom-Kredite spürbar: Die 5,15-Prozent-Anleihe mit Laufzeit 2031 verzeichnete einen Renditeanstieg um rund 14 Basispunkte, während die fünfjährigen Credit-Default-Swaps im gleichen Zeitraum um 28 Basispunkte kletterten.
Diese Bewegung deutet darauf hin, dass der Markt Broadcoms Rolle als Finanzierungs-Backstop für KI-Chip-Deals kritischer beurteilt als noch vor wenigen Wochen – gerade weil die Größenordnung der verhandelten Fremdkapitalpakete zwischen den Berichten schwankte: Reuters nannte am 20. August ein Gesamtvolumen von möglicherweise bis zu 100 Milliarden Dollar, CNBC sprach am 21. August von 70 bis 80 Milliarden Dollar. Diese Unsicherheit über die tatsächliche Struktur der Deals belastet zusätzlich.
Hinzu kommt die Google-Konkurrenzfrage selbst: Sollte sich der Marvell-Deal als strukturelle Verschiebung erweisen und nicht als einmalige Ergänzung, wäre das ein Präzedenzfall. Andere Hyperscaler könnten dem Beispiel folgen und ihre Custom-Silicon-Aufträge stärker streuen, was Broadcoms Preissetzungsmacht im margenstarken KI-Segment schwächen würde.
Ausblick
Solange die im April vereinbarte Google-Partnerschaft operativ unangetastet bleibt und die für 2026 avisierten 56 Milliarden Dollar KI-Halbleiterumsatz erreichbar erscheinen, dürfte der aktuelle Kursabschlag eher eine Verunsicherungsprämie als eine fundamentale Neubewertung widerspiegeln.
Kippt jedoch die Wahrnehmung – etwa durch konkrete Hinweise auf sinkende Bestellvolumina von Google oder durch eine weitere Verschlechterung der Kreditrisikoindikatoren – wäre eine Fortsetzung der Abwärtsbewegung unter den 200-Tage-Durchschnitt von 318,95 Euro, dem der aktuelle Kurs bereits sehr nahekommt, ein wahrscheinliches Szenario.
Der nächste konkrete Prüfstein für Anleger ist der 2. September, wenn Broadcom mit einer Umsatzerwartung von 29,43 Milliarden Dollar seine nächsten Quartalszahlen vorlegt. Erst dann dürfte sich zeigen, ob die Google-Beziehung im Zahlenwerk tatsächlich Risse zeigt oder ob die Wachstumsstory intakt bleibt.
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