Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
Anfang letzter Woche schloss die Broadcom-Aktie auf einem Allzeithoch. Am nächsten Tag präsentierte das Unternehmen eines der stärksten Quartalsergebnisse der gesamten Berichtssaison. Die Reaktion des Marktes: ein Kurssturz von mehr als 22 Prozent innerhalb von zwei Handelstagen. Der Börsenwert schrumpfte um über 400 Milliarden Dollar. Was auf den ersten Blick wie eine spektakuläre Fehlbewertung des Marktes wirkt, lohnt eine genaue Betrachtung.
Wenn Zahlen nicht mehr reichen
Broadcom steigerte den Umsatz im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 um 48 Prozent auf 22,19 Milliarden Dollar. Der Gewinn je Aktie auf bereinigter Basis kletterte um 54 Prozent auf 2,44 Dollar. Der Nettogewinn nach GAAP-Bilanzierungsregeln, also den international anerkannten Rechnungslegungsstandards, legte sogar um 85 Prozent auf 9,31 Milliarden Dollar zu. Im ersten Halbjahr erwirtschaftete Broadcom einen freien Cashflow, also den nach Investitionen verbleibenden Mittelzufluss, von 18,27 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Plus von 47 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Solche Zahlen sind in der Unternehmensgeschichte großer Konzerne selten. Broadcom übertraf die Konsensschätzungen sowohl beim Umsatz als auch beim Ergebnis. Der Einbruch hat daher nichts mit den tatsächlichen Ergebnissen zu tun, sondern mit dem, was Analysten für das laufende Quartal erwartet hatten. Das Management prognostizierte für das dritte Quartal einen KI-Halbleiterumsatz von 16 Milliarden Dollar. Marktbeobachter hatten 17,3 Milliarden Dollar eingepreist. Diese Lücke von 1,3 Milliarden Dollar kostete Broadcom vorübergehend mehr als 400 Milliarden Dollar Börsenwert.
Das KI-Geschäft wächst mit einer Rate, die kaum Vergleiche kennt
Das Halbleitergeschäft ist das eigentliche Herzstück des Unternehmens. In diesem Segment steigerte Broadcom den Umsatz um 79 Prozent auf 15,01 Milliarden Dollar. Davon entfielen 10,8 Milliarden Dollar allein auf KI-Halbleiter, ein Anstieg von 143 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. CEO Hock Tan beschrieb die Nachfrage nach XPUs und Netzwerkkomponenten auf der Analystenkonferenz als schlicht unersättlich. XPUs sind speziell entwickelte Beschleunigerprozessoren, die Hyperscaler, also die großen Cloud-Konzerne, für ihre eigenen KI-Infrastrukturen maßschneidern lassen, anstatt auf Standardchips zurückzugreifen.
Der Auftragsbestand unterstreicht das. Broadcom verbuchte im abgelaufenen Quartal über 30 Milliarden Dollar an neuen KI-Bestellungen, während es tatsächlich 10,8 Milliarden Dollar auslieferte. Die Sichtbarkeit für künftige Aufträge reicht nun bis ins Jahr 2028, nachdem sie zuletzt noch bis 2027 reichte.
Vier Verträge, die die Zukunft sichern
Was Broadcom von vielen anderen Unternehmen unterscheidet, die eine KI-Geschichte erzählen, ist der Nachweis durch unterzeichnete Verträge. Das Unternehmen hat mehrjährige und mehrere Chip-Generationen umfassende Vereinbarungen mit Alphabet, Meta Platforms, Anthropic und OpenAI abgeschlossen.
Mit Alphabet besteht eine langfristige Vereinbarung zur Entwicklung und Lieferung von TPUs, also eigens für KI-Berechnungen entwickelten Prozessoren für zukünftige Google-Generationen, sowie ein Versorgungsabkommen für Netzwerkkomponenten bis 2031. Anthropic, das KI-Unternehmen, dessen Jahresumsatz inzwischen über 30 Milliarden Dollar erreicht hat, wird ab 2027 auf mehr als 3,5 Gigawatt Rechenkapazität auf Basis dieser TPUs zugreifen. Im laufenden Jahr sind bereits über 1 Gigawatt in Betrieb.
Das OpenAI-Abkommen umfasst die gemeinsame Entwicklung und den Einsatz von 10 Gigawatt KI-Beschleunigern. Die ersten Lieferungen sollen in der zweiten Jahreshälfte 2026 beginnen, der Aufbau zieht sich bis 2029. Meta Platforms schloss im April 2026 eine Partnerschaft für eigene MTIA-Beschleuniger ab, die den ersten 2-Nanometer-Chip in diesem Bereich umfasst. Der erste Auftrag überschreitet 1 Gigawatt, die Gesamtvereinbarung umfasst rund 3 Gigawatt bis Ende 2028.
Broadcom hat insgesamt sechs Kunden für benutzerdefinierte Chips. Zwei davon sind noch nicht öffentlich bekannt, sollen aber ab Ende 2026 beliefert werden. Der Auftragsbestand dieser beiden Kunden übersteigt bereits 6 Milliarden Dollar.
Infrastruktursoftware und Netzwerktechnik als zweites Standbein
Abseits der KI-Halbleiter entwickelt sich das Unternehmen stetig weiter. Die Infrastruktursoftware, die maßgeblich aus der VMware-Übernahme stammt, erzielte einen Umsatz von 7,18 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 9 Prozent. Die wiederkehrenden Jahresumsätze in diesem Segment legten um 17 Prozent zu, bei einer Bruttomarge von 93 Prozent. Das Betriebsergebnis wuchs um 310 Basispunkte. Für das dritte Quartal erwartet das Management Softwareerlöse von 8,9 Milliarden Dollar, was einem Plus von 31 Prozent entspricht.
Im KI-Netzwerkgeschäft hält Broadcom mit dem Tomahawk-6-Switch eine führende Produktposition. Dieser Ethernet-Switch mit 100 Terabit Kapazität ist seit mehr als einem Jahr auf dem Markt und hat bislang keine vergleichbare Konkurrenz. Netzwerktechnik machte im zweiten Quartal fast 40 Prozent des gesamten KI-Umsatzes aus. Jeder neue Auftrag für einen XPU-Chip zieht in der Regel auch Aufträge für Switches, Verbindungskomponenten und Steuerchips nach sich.
Bewertung: Günstig für ein Unternehmen dieser Wachstumsdynamik
Der Kursrückgang hat die Bewertung spürbar verändert. Broadcom wird auf Basis der für 2028 erwarteten Gewinne mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 15 gehandelt. Bei einem erwarteten Gewinnwachstum von gut 120 Prozent in den kommenden zwei Geschäftsjahren wirkt ein KGV von 15 auf Basis dieser Projektion niedrig. Zum Vergleich: Nvidia wird auf Basis des Jahres 2028 mit dem rund 13-fachen Gewinn gehandelt, bei einem erwarteten Gewinnwachstum von rund 75 Prozent. Advanced Micro Devices kommt trotz ähnlicher Wachstumserwartungen auf ein Vielfaches von 26.
Broadcom zahlt zudem eine Dividende von 2,60 Dollar je Aktie und hat diese 15 Jahre in Folge erhöht. Im vergangenen Zwölfmonatszeitraum kaufte das Unternehmen eigene Aktien im Wert von 8,5 Milliarden Dollar zurück. Der freie Cashflow liegt bei einer Marge von rund 46 Prozent des Umsatzes.
Risiken, die Anleger kennen sollten
Kein Investmentbild ist vollständig ohne eine ehrliche Bestandsaufnahme der Risiken. Die Abhängigkeit von wenigen Großkunden ist das offensichtlichste. Sechs Kunden tragen das gesamte KI-Chipgeschäft. Hock Tan selbst räumte ein, dass Alphabet seine Lieferantenbasis über die Zeit diversifizieren werde. Das Unternehmen ist außerdem auf TSMC, den weltgrößten Auftragsfertiger für Halbleiter in Taiwan, für die Herstellung seiner modernsten Chips angewiesen. Engpässe in der Lieferkette oder geopolitische Störungen könnten die Produktionspläne durcheinanderwerfen.
Hinzu kommt ein neuartiges Finanzierungsmodell: Im Rahmen der sogenannten XPV-Plattform finanzieren Investoren wie Apollo und Blackstone die Chipkäufe für Anthropic über ein Sondervehikel. Broadcom trägt dabei ein Restwertrisiko für bestimmte Tranchen des 35-Milliarden-Dollar-Finanzierungspakets. Sollte Anthropic zahlungsunfähig werden und die Chips unter dem Schuldenstand verkauft werden müssen, würde Broadcom für die Differenz einstehen.
Irrt der Markt?
Der Kursrückgang von über 20 Prozent nach Rekordquartal und starker Prognose folgt einer Logik, die mit fundamentalen Unternehmensdaten wenig zu tun hat. Der Markt bestrafte nicht schwache Zahlen, sondern enttäuschte kurzfristige Erwartungen. Wer die verbleibenden Risiken kennt und die Wachstumsgeschichte für glaubwürdig hält, findet in diesem Einbruch eine Situation, die selten genug vorkommt: ein führendes Unternehmen im KI-Infrastrukturboom mit einer Bewertung, die das Wachstumspotenzial noch nicht vollständig einpreist.
Broadcom-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Broadcom-Analyse vom 09. Juni liefert die Antwort:
Die neusten Broadcom-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Broadcom-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 09. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
