Rekordquartalszahlen, ein Kurseinbruch von über zwölf Prozent innerhalb einer Woche — und danach eine Flut institutioneller Kaufempfehlungen. Bei Broadcom klafft gerade eine ungewöhnlich große Lücke zwischen operativer Realität und Marktreaktion.
Starke Zahlen, enttäuschte Erwartungen
Das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2026 lieferte auf dem Papier beeindruckende Ergebnisse. Der Umsatz stieg um 48 Prozent auf 22,2 Milliarden Dollar, das bereinigte EBITDA erreichte 15,2 Milliarden Dollar — entsprechend 69 Prozent der Erlöse. Das KI-Chip-Geschäft wuchs um 143 Prozent auf 10,8 Milliarden Dollar und übertraf damit die eigene Prognose.
Trotzdem brach die Aktie am Donnerstag um rund 15 Prozent ein. Der Grund: CEO Hock Tan hob das für das Geschäftsjahr 2027 ausgegebene Ziel von mehr als 100 Milliarden Dollar KI-Chip-Umsatz nicht an. Wer auf eine Erhöhung spekuliert hatte, wurde enttäuscht. Hinzu kam eine strategische Kurskorrektur: Broadcom will künftig nur noch einzelne Chips liefern, keine vollständig integrierten KI-Systeme — ein Rückzug von einer zuvor kommunizierten Ambition. Die Bruttomarge sank um 230 Basispunkte auf 77,1 Prozent, belastet durch den wachsenden Anteil margenschwächerer KI-Chips.
Für Q3 erwartet Tan ein Wachstum von über 200 Prozent
Der Ausblick ist dennoch aggressiv. Für das dritte Quartal prognostiziert Broadcom einen KI-Chip-Umsatz von 16,0 Milliarden Dollar — ein Wachstum von über 200 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Gesamtumsatz soll auf rund 29,4 Milliarden Dollar steigen, ein Plus von 84 Prozent. Die bereinigte EBITDA-Marge soll bei etwa 68 Prozent liegen.
Analysten sehen Kaufgelegenheit
Die Kursschwäche löste innerhalb von 24 Stunden eine breite Reaktion aus. Jefferies-Analyst Blayne Curtis hob sein Kursziel von 500 auf 550 Dollar an und bezeichnete den Rückgang als Einstiegsgelegenheit. JPMorgan erhöhte auf 580 Dollar und bestätigte Broadcom als Top-Pick im Halbleitersektor. BNP Paribas Exane setzte das Kursziel sogar auf 640 Dollar. Mizuho, Deutsche Bank, Morgan Stanley und Goldman Sachs zogen ebenfalls nach — mit Zielen zwischen 502 und 530 Dollar. Erste Group stufte die Aktie am Freitag von Hold auf Buy hoch und verwies auf das überdurchschnittliche Wachstumstempo gegenüber Sektorkonkurrenten.
Laut einer Erhebung von S&P Global unter 47 Analysten lautet das Konsensrating „Strong Buy“, das durchschnittliche Kursziel liegt bei 511 Dollar.
CFO-Wechsel zum 12. Juni
Parallel zur turbulenten Kurswoche steht ein Führungswechsel an: Amie Thuener übernimmt am 12. Juni 2026 den CFO-Posten von Kirsten Spears, die nach zwölf Jahren im Unternehmen in den Ruhestand geht. Thuener kommt von Alphabet, wo sie zuletzt als Vice President und Chief Accounting Officer tätig war. Spears bleibt neun Monate als Beraterin an Bord.
Der Schlusskurs von 336,75 Euro liegt noch rund zehn Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt. Auf Jahressicht steht die Aktie mit fast 50 Prozent im Plus — das 52-Wochen-Tief von 213,80 Euro liegt weit zurück. Das Allzeithoch von 429,60 Euro datiert auf den 3. Juni 2026, den Tag der Quartalszahlen. Ob die Lücke zwischen diesem Hoch und dem aktuellen Kurs sich schließt, hängt maßgeblich davon ab, ob Tan beim nächsten Quartalsbericht das 100-Milliarden-Ziel für 2027 nach oben korrigiert.
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