Der Dienstag an den internationalen Börsen stand im Zeichen eines politischen Erdbebens in Südamerika, eines schleppenden deutschen Leitindex und spektakulärer Kapitalflüsse in der KI-Branche. Während Brasilien nach einer überraschenden Wahlentwicklung ein Rekordhoch feierte, kam der DAX kaum von der Stelle. An der Wall Street sorgten derweil Tech-Schwergewichte für neue Bestmarken, wenngleich die Breite des Marktes zunehmend schwächelt.
DAX ohne Richtung, politische Unsicherheit belastet Europa
Der DAX schloss am Montag mit einem Plus von 0,09 Prozent bei 25.254 Punkten – ein Handelstag ohne nennenswerte Bewegung. Gegenüber seinem Rekordhoch von Ende August liegt der DAX damit rund 5 Prozent zurück. Mehrere Faktoren bremsen die Kauflaune: Der Ölpreis verharrt auf hohem Niveau, die Renditen europäischer und deutscher Staatsanleihen sind gestiegen, besonders in Frankreich. Hinzu kommt politische Unsicherheit aus Spanien, wo Regierungschef Pedro Sánchez Neuwahlen angekündigt hat, nachdem seine Dekrete gegen die Wohnungsnot gescheitert waren. Die politischen Unsicherheiten in Deutschland, Frankreich und nun auch Spanien drücken den Euro auf den tiefsten Stand seit Monaten.
Charttechnisch bleibt der DAX zwischen der 200-Tage-Linie, der 100-Tage-Linie und der 50-Tage-Linie gefangen, wobei letztere aktuell bei 25.800 Punkten den Weg nach oben versperrt. Solange der Index zwischen diesen Marken pendelt, dürfte sich das ereignisarme Handelsmuster fortsetzen.
Bewegung gab es dagegen bei Softwarewerten: Der französische Elektrotechnikkonzern Schneider Electric kauft den US-Softwareanbieter PTC, laut Medienberichten eine Rekordübernahme mit einem Unternehmenswert von rund 23,7 Milliarden Dollar. PTC legte in New York um rund ein Drittel zu, während Schneider Electric in Paris zeitweise um bis zu 10 Prozent nachgab – eine typische Marktreaktion bei größeren Übernahmen. Die Transaktion sorgte auch bei deutschen Softwaretiteln für positive Stimmung: TeamViewer legte leicht zu, Nemetschek 4,3 Prozent und SAP legte um 0,6 Prozent zu.
Wall Street: Rekorde bei Tech, Schwäche unter der Oberfläche
An der Wall Street zeigte sich ein freundlicheres Bild. Der S&P 500 legte um 0,6 Prozent zu, der Nasdaq 100 markierte mit einem Plus von 0,87 Prozent erneut einen Rekordstand. Der eher konservativ ausgerichtete Dow Jones kam mit 0,18 Prozent kaum vom Fleck. Auch hier spielte der Ölpreis eine Rolle: Medienberichten zufolge kommen die USA und der Iran bei Gesprächen über eine Öffnung der Straße von Hormus voran, was den Ölpreis zunächst drückte. Am Dienstagmorgen notierte er allerdings bereits wieder bei rund 100 Dollar – die Volatilität dürfte anhalten.
Getragen wurde der Anstieg erneut von Tesla, Meta und Nvidia, die allesamt rund 2 Prozent zulegten. Bei Nvidia profitierte zudem der taiwanische Partner Hon Hai (Foxconn) von einem überraschend hohen Quartalsumsatz. Das Indexbild täuscht jedoch über die Marktbreite hinweg: In den vergangenen drei Monaten legte der S&P 500 knapp 4 Prozent zu, während die gleichgewichtete Variante des Index im selben Zeitraum rund 2 Prozent verlor. Morgan Stanley zufolge notieren mehr als 70 Prozent der Indexmitglieder aktuell mehr als 10 Prozent unter ihren jüngsten Hochs. Der Aufschwung bleibt also auf wenige Unternehmen konzentriert.
Ein wesentlicher Grund dafür liegt im Zinsniveau: Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen verharrt in der Nähe von 5,3 Prozent, dem höchsten Stand seit 2002. Das belastet vor allem Konsumwerte, Versorger und Finanztitel. Große Technologiekonzerne kommen dagegen vergleichsweise gut weg, weil sie Investitionen zu großen Teilen aus dem eigenen Cashflow finanzieren können und der Markt ihnen hohe Bonität zubilligt.
SpaceX: Namenswechsel und Analysten-Fantasie
Besonders auffällig entwickelte sich SpaceX. Das Unternehmen hat angekündigt, seine KI-Sparte von „SpaceXAI“ in „SpaceXSI“ umzubenennen – einen konkreten Zeitplan für die Umsetzung nannte das Unternehmen bislang nicht.
Ein neuer Name allein dürfte kaum ausschlaggebend sein. Als wahrscheinlicherer Treiber gilt ein Antrag von SpaceX für eine Erdgaspipeline in Florida – relevant, weil die Großrakete Starship mit flüssigem Methan betrieben wird und der Pipelineantrag auf zahlreiche geplante Starts hindeutet.
Als nächste wichtige Termine gelten die Zahlen zum dritten Quartal Ende Oktober sowie der in Kürze geplante 15. Startversuch des Starship. Gelingt dabei das Einfangen des aktuell ausgesetzten Raumschiffs, dürfte dies als bedeutender Impuls gewertet werden.
China: Milliarden für KI-Firmen, Flaute im breiten Markt
Während in den USA die großen KI-Namen dominieren, baut sich China ein eigenes Gegengewicht zu OpenAI und Anthropic auf. Zwei chinesische KI-Firmen haben zuletzt zweistellige Milliardenbeträge eingesammelt, beide planen einen Börsengang Anfang 2027 – auffällig in einem Umfeld, in dem der breite chinesische Aktienmarkt kaum Käufer findet.
DeepSeek steht laut Bloomberg kurz davor, mindestens 80 Milliarden Yuan (rund 12 Milliarden Dollar) einzusammeln, ursprünglich waren 50 Milliarden Yuan geplant, am Ende könnten es sogar 100 Milliarden werden. Zu den größten Geldgebern zählen der Batteriekonzern CATL und Tencent. Rückenwind liefert das neue KI-Modell V4 Flash, das im Preis-Leistungs-Verhältnis gegenüber Anthropic und OpenAI an Boden gewonnen haben soll. Mit dem frischen Kapital baut DeepSeek unter anderem ein Rechenzentrum in der Inneren Mongolei mit mindestens 160.000 KI-Chips von Huawei.
Der zweite Name ist Moonshot AI aus Peking, das im Juli mit seinem offenen Modell Kimi K3 international für Aufsehen sorgte. Die jüngste private Finanzierungsrunde soll bei einer Bewertung von rund 50 Milliarden Dollar abgeschlossen worden sein – im Sommer waren es noch gut 30 Milliarden. Im ersten Quartal ist ein Börsengang in Hongkong mit einem Volumen von bis zu 5 Milliarden Dollar geplant. Der wiederkehrende Umsatz lag im Juni bei rund 300 Millionen Dollar, liegt aktuell bei einer Milliarde und soll auf zwei Milliarden steigen. Hinter Moonshot stehen Alibaba und Tencent.
Abseits dieser beiden Lichtblicke zeigt sich der chinesische Aktienmarkt deutlich schwächer. Peking hat Ende September das größte Konjunkturpaket seit zwei Jahren aufgelegt, mit Zuschüssen für Hypotheken sowie mehr Kreditspielraum für Infrastruktur, Technologie und kleine Firmen. Die Marktreaktion fiel verhalten aus: Der Leitindex CSI 300 steuerte auf die achte Verlustwoche in Folge zu. Das Wachstum lag im zweiten Quartal mit 4 Prozent unter dem Zielkorridor der Regierung von 4 bis 5 Prozent, der Konsum legt kaum zu und der Immobilienmarkt bleibt in der Krise. Größere Zinssenkungen kann sich die chinesische Notenbank kaum leisten, solange die US-Notenbank Fed die Zinsen hochhält – sonst drohen Kapitalabflüsse und ein schwächerer Yuan. Kapital in China fließt damit derzeit gezielt in Technologie, während die Wette auf den heimischen Konsumenten nicht aufgeht.
Brasilien: Wahlschock treibt Bovespa auf Rekordhoch
Im Zentrum des Tages stand Brasilien. Nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am Wochenende reagierte die Börse in Sao Paulo mit dem stärksten Handelstag seit März 2020: Der Bovespa sprang um 7,7 Prozent auf ein Rekordhoch. Grund ist das überraschende Abschneiden des rechten Herausforderers Flavio Bolsonaro, Senator und ältester Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, der mit 47 Prozent vor Amtsinhaber Lula da Silva (rund 45 Prozent) liegt – entgegen vorheriger Umfragen. Die Stichwahl findet am 25. Oktober statt.
Zwei Aspekte verleihen dem Ergebnis besonderes Gewicht: Laut Bloomberg hat seit der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie noch kein Kandidat die Stichwahl gewonnen, der in der ersten Runde zurücklag. Zudem konnte Bolsonaros Partei im Kongress deutlich zulegen, im Senat von 15 auf 28 Sitze – ein Präsident mit parlamentarischem Rückhalt hätte bessere Chancen, Reformen umzusetzen. Der brasilianische Real wertete um gut 4 Prozent auf, der größte Brasilien-ETF der Welt verzeichnete in New York den höchsten Tagesumsatz seit seiner Auflage im Jahr 2000. JP Morgan stufte brasilianische Aktien auf „Übergewichten“ hoch, die Citi empfiehlt eine Aufstockung.
Im Zentrum der Käuferinteressen steht Brasiliens Haushaltslage: Das Defizit liegt bei fast 10 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Staatsschulden bei über 80 Prozent, der Leitzins bei 13,75 Prozent. Bolsonaro verspricht tiefe Ausgabenkürzungen und orientiert sich damit an Argentiniens Präsident Javier Milei. Sinkt das Defizit, könnte die Notenbank die Zinsen senken – mit Vorteilen für verschuldete Unternehmen, Banken und den Konsum. Einzelhändler und Finanzwerte gehörten am Montag mit Kursaufschlägen von teils über 20 Prozent zu den größten Gewinnern.
Der Vergleich mit Argentinien liegt nahe: Seit Anfang 2024, kurz nach Mileis Amtsantritt, legte der argentinische Leitindex Merval um rund 205 Prozent zu, der Bovespa im selben Zeitraum um gut 61 Prozent. Allerdings gibt es wichtige Einschränkungen: Der Merval wird in Peso berechnet, der deutlich an Wert verloren hat – in Dollar oder Euro gerechnet wäre das Plus kleiner. Zudem startete Argentinien aus einer tiefen Krise mit niedrigen Kursen, während Brasilien von einem Rekordhoch aus beginnt. Und während Milei bereits im Amt ist und geliefert hat, muss Bolsonaro die Stichwahl erst gewinnen und hat bislang kaum Details zu seiner Wirtschaftsstrategie genannt. Was vom Argentinien-Vergleich bleibt, ist die grundsätzliche Mechanik: Gelingt glaubwürdiges Sparen, sinken Risikoaufschläge und Zinsen, internationales Kapital kommt zurück. Ausländische Investoren sind laut aktuellen Marktdaten bislang gering in Brasilien engagiert.
Unter den Einzelwerten profitierte Petrobras deutlich. Der halbstaatliche Ölkonzern erreichte mit 2,7 Millionen Barrel pro Tag einen Förderrekord bei der Ölproduktion, die Ölproduktion liegt 15 Prozent über dem Vorjahr; die Gesamtproduktion inklusive Gas lag bei etwas über 3 Millionen Barrel pro Tag. Das Tiefseefeld Buzios liefert 1,1 Millionen Barrel täglich, wodurch Brasilien kaum noch Kraftstoff importieren muss. Im jüngsten Quartal verblieb ein Nettogewinn von rund 11 Milliarden Dollar, für das Gesamtjahr wird mit einem freien Mittelzufluss von etwa 30 Milliarden Dollar gerechnet. Risiken bestehen im Ölpreis sowie in der Möglichkeit populistischer Eingriffe bei den Spritpreisen.
Der Bergbaukonzern Vale, einer der größten Eisenerzproduzenten weltweit, machte die Rallye ebenfalls mit, befindet sich aber seit längerem in einem Abwärtstrend. Da Vale sein Erz in Dollar verkauft, aber Löhne in Real zahlt, wirkt ein starker Real margenbelastend – kurzfristig also eher Gegenwind durch den Wahlausgang. Der Umsatz legte im zweiten Quartal um 19 Prozent auf 10,5 Milliarden Dollar zu, die Eisenerzproduktion war die höchste in einem zweiten Quartal seit 2018. Da Eisenerz stark an der chinesischen Bauwirtschaft hängt, könnten die für Ende Oktober anstehenden Quartalszahlen auch von einer möglichen Stabilisierung des chinesischen Marktes profitieren.
Als dritter Wert wurde Bradespar genannt, eine im Jahr 2000 von der Großbank Bradesco abgespaltene Holding, die heute im Wesentlichen rund 163 Millionen Vale-Aktien hält. Bradespar wird mit einem Abschlag von grob einem Viertel bis einem Drittel auf ihre Beteiligung gehandelt und reicht die Dividenden von Vale nahezu vollständig an die eigenen Aktionäre weiter – die Rendite der vergangenen zwölf Monate liegt bei gut 10 Prozent.
Alle drei Werte sind in Deutschland notiert, teils jedoch mit geringen Handelsumsätzen, weshalb sich limitierte Orders empfehlen. Als Alternative stehen in Deutschland fünf spezielle Brasilien-ETFs auf den MSCI Brasilien zur Verfügung, die das Einzelrisiko reduzieren und eine breitere Positionierung auf die Länderperspektive ermöglichen.
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