Volle Auftragsbücher, aber ein Kurs im Rückwärtsgang: Auf der Luftfahrtmesse in Farnborough vermeldet Boeing an einem einzigen Tag mehrere Großaufträge – und verliert an der Börse trotzdem an Boden. Der Grund liegt nicht in den Bestellungen, sondern in dem, was Boeing-Chef Kelly Ortberg nicht bestellt: einen Nachfolger für die 737 MAX.
Sanierung vor Neuentwicklung
Ortberg machte am Montag auf der Messe klar, dass ein neues Passagierflugzeug vorerst kein Thema ist. Zunächst müsse der Konzern seine Finanzen in Ordnung bringen und die Produktion stabilisieren, so der CEO. Erst wenn Bilanz, Technologie und Nachfrage der Airlines zusammenpassen, sei ein neues Flugzeugprogramm überhaupt sinnvoll.
Das bestätigt auch die Chefin der Verkehrsflugzeugsparte, Stephanie Pope, die von einer weiterhin volatilen Lieferkette spricht. Vor allem bei den Triebwerken hakt es. Zertifizierungsprobleme bei Sitzen und Lieferengpässe von GE Aerospace bremsen die Auslieferungen der 787-Baureihe und könnten auch einen geplanten Produktionsausbau verzögern.
Auftragsbücher füllen sich trotz Verzögerung
Während die Zukunftsstrategie warten muss, läuft das Tagesgeschäft rund. Zum Messeauftakt kamen gleich mehrere Bestellungen zusammen:
- SMBC Aviation Capital ordert 100 Maschinen der 737-MAX-Familie, davon 40 Exemplare der Version Max 8 und 60 der noch nicht zugelassenen Langversion Max 10.
- Philippine Airlines bestellt 15 Maschinen des Typs 787-10 fest, mit Kaufoption auf fünf weitere – ein Geschäft im Wert von schätzungsweise 3,4 Milliarden Dollar, ausgestattet mit GE-Triebwerken vom Typ GEnx-1B. Die Auslieferung soll 2031 beginnen.
- Riyadh Air zieht Kaufoptionen für 28 weitere 787 Dreamliner, davon 20 in der Langversion 787-10.
- US-Präsident Donald Trump kündigte zudem eine Nachrüstung der neuen Air Force One an, die auf einer Boeing 747 basiert.
Zum Ende des ersten Quartals 2026 lag der Gesamtauftragsbestand bei 695 Milliarden Dollar und umfasst mehr als 6.100 Verkehrsflugzeuge – umgerechnet gut das Siebenfache des für dieses Jahr erwarteten Umsatzes von 98 Milliarden Dollar. Das sichert Auslastung für Jahre, verlangt aber weiterhin eine termingerechte Fertigung.
Bei der monatlichen Produktion der 737 MAX peilt Boeing mittelfristig 63 Maschinen an, aktuell sind es rund 42. Immerhin ein Etappensieg gab es am Freitag: Die US-Luftfahrtbehörde FAA erlaubt Boeing wieder, Flugtüchtigkeitszeugnisse für die 737 MAX und den 787 Dreamliner selbst vor der Auslieferung auszustellen – eine Befugnis, die dem Konzern nach den Produktionsmängeln von 2024 entzogen worden war. Der überarbeitete Großraumjet 777X soll nach jahrelanger, milliardenteurer Verspätung nun 2027 an die Kunden gehen.
Chartbild bleibt angeschlagen
An der Börse kam davon wenig an. Die Boeing-Aktie notierte am Montag zeitweise gut zwei Prozent leichter und rutschte dabei unter die 200-Tage- und die 50-Tage-Linie. Auf Jahressicht steht für Boeing ein Verlust von 8,8 Prozent zu Buche – während Airbus im gleichen Zeitraum 3,6 Prozent zulegen konnte und mit dem A320neo ungebremst Marktanteile gewinnt.
Nachdem auch die Unterstützung bei 212 Dollar gebrochen ist, zählt jetzt die runde 200-Dollar-Marke als nächste Verteidigungslinie. Für ein freundlicheres Chartbild müsste Boeing zunächst die 200-Tage-Linie bei 218,58 Dollar und die 50-Tage-Linie bei 221,96 Dollar zurückerobern, bevor der Widerstand bei rund 230 Dollar in Reichweite kommt.
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