Der gescheiterte Clarity Act hat den Kryptomarkt am Dienstag spürbar getroffen, doch unter Analysten macht sich eine bemerkenswerte Gelassenheit breit. Während Bitcoin auf die charttechnisch wichtige Marke von 75.000 Dollar zusteuert, sprechen Marktbeobachter von einem „Rückschlag“, nicht von einem Wendepunkt. Die eigentliche Geschichte liegt womöglich woanders — bei der Fed.
Der US-Senat hatte den Gesetzentwurf zur Neuordnung der Krypto-Aufsicht zwischen SEC und CFTC in einer Verfahrensabstimmung mit 49 zu 50 Stimmen blockiert. Nötig gewesen wären 60 Stimmen.
Bitcoin fiel daraufhin zeitweise um mehr als vier Prozent und notierte zuletzt bei rund 75.850 Dollar. Krypto-nahe Aktien traf es deutlich härter: Coinbase und der Stablecoin-Emittent Circle verloren jeweils über zehn Prozent, Michael Saylors Strategy gab gut fünf Prozent nach.
Kein struktureller Bruch
Arctic-Digital-Researchleiter Justin d’Anethan bezeichnete die Senatsniederlage als „nichts wirklich Strukturelles“ — das aktuelle Kursniveau und selbst das bisherige Rekordhoch seien bereits vor dem Clarity Act erreicht worden.
Institutionelle Anleger würden die Entwicklung eher als verschobenen Zeitplan denn als endgültigen Rückschlag werten. BTC-Markets-Analystin Rachael Lucas ging noch weiter: Die Gesetzgebung sei nie die bindende Beschränkung gewesen, der aktuelle Zyklus hänge vor allem an der Zinsentwicklung.
Lucas nennt drei Beobachtungspunkte für die kommenden Wochen: ob die erwartete Fed-Zinserhöhung der Auftakt zu einem längeren Pfad wird, ob sich die ETF-Zuflüsse wieder beschleunigen, und ob ein regulatorischer Weg ohne die 60-Stimmen-Hürde im Senat entsteht. Als erstes Signal für eine Entspannung nannte sie eine Rückeroberung der Marke von 78.189 Dollar, dem Eröffnungskurs vor der Abstimmung.
Auf der Angebotsseite zeigt sich unterdessen echter Stress: Die Bitcoin-Hashrate liegt zwölf Prozent unter ihrem Dezember-Hoch, da Miner Kapazitäten in Richtung KI-Rechenleistung umschichten. Kapital verlasse den Sektor deshalb nicht, es konzentriere sich lediglich um — sichtbar an der um mehr als 25 Prozent gestiegenen ETH/BTC-Ratio im dritten Quartal und einem Kursanstieg von 213 Prozent bei Privacy-Coins seit dem Oktober-Hoch.
Die 75.000-Dollar-Frage
Charttechnisch bleibt die runde Marke von 75.000 Dollar die entscheidende Unterstützung, sie diente zuletzt als untere Begrenzung der Handelsspanne. Ein Rückeroberung über 77.000 bis 78.000 Dollar würde das kurzfristige Bild aufhellen, ein nachhaltiger Bruch nach unten würde den Blick auf den 200-Tage-Durchschnitt bei etwa 72.800 Dollar lenken.
Am heutigen Mittwochabend steht die Zinsentscheidung der Fed an. Der Markt preist eine Erhöhung um 25 Basispunkte mit hoher Wahrscheinlichkeit ein — entscheidend wird weniger der Schritt selbst als die Tonlage im begleitenden Ausblick. Fällt sie restriktiver aus als erwartet, dürfte das für Bitcoin schwerer wiegen als der gescheiterte Clarity Act.
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