Es gibt Momente, in denen die Summe der Einzelmeldungen mehr sagt als jede einzelne für sich. Bei BioNTech ist gerade so ein Moment. Der scheidende Vorstandsvorsitzende Ugur Sahin hat innerhalb weniger Tage erneut Aktienpakete abgestoßen – am 8. und 9. September insgesamt 73.000 Stück zu Kursen zwischen 97,78 und 99,20 Dollar, nach bereits 76.500 Stück Anfang des Monats.
Formal sind das Verkäufe im Rahmen eines im Juni aufgesetzten Rule-10b5-1-Plans, also automatisiert und im Voraus geplant. Trotzdem lohnt der Blick auf den größeren Zusammenhang, denn Sahin verlässt das Unternehmen, das er mitgegründet hat, in einer Phase, die man kaum als Hochphase bezeichnen würde.
Ein Wechsel an der Spitze mitten im Gegenwind
Anfang August hatte der Aufsichtsrat Guido Oelkers als künftigen CEO berufen, spätestens zum 1. Februar 2027 soll er übernehmen. Oelkers kommt von Sobi, wo er seit 2017 als Vorstandschef amtierte.
Sahin und seine Mitgründerin Özlem Türeci wollen bis Ende 2026 in ein neues Unternehmen wechseln. Das ist mehr als eine Personalie – es ist ein struktureller Bruch, der sich mit dem Timing der Aktienverkäufe zu einer Erzählung verdichtet: Der Mann, der BioNTech durch die Pandemie geführt hat, zieht sich zurück, während das Unternehmen selbst nach der Pandemie eine neue Identität sucht.
Denn die Zahlen, die BioNTech am 4. August vorlegte, zeigen genau dieses Problem. Der Umsatz brach im zweiten Quartal auf 105,6 Millionen Euro ein, nach 260,8 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Der Nettoverlust lag bei 820,8 Millionen Euro.
Die Jahresprognose wurde von 2,0 bis 2,3 Milliarden Euro auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro gekappt – begründet mit schwächerer globaler COVID-Impfstoffnachfrage und dem Abbau bestehender Lagerbestände in Deutschland.
Das Unternehmen, das einst zum Symbol der pandemiebedingten Biotech-Euphorie wurde, kämpft nun mit genau dem Gegenteil: einer Welt, die COVID-Impfstoffe zunehmend als Randnotiz behandelt.
Die Onkologie als Zukunftswette
Diese Verschiebung ist kein Zufall, sondern strukturell. Wer als Investor bei BioNTech einsteigt, kauft heute keine Impfstofffirma mehr, sondern eine Wette auf die Onkologie-Pipeline. Genau hier tut sich allerdings ein zweischneidiges Bild auf.
Ende August wurde die Phase-2-Studie zu autogene cevumeran bei kolorektalem Karzinom gemeinsam mit Genentech gestoppt – ein unabhängiges Daten-Sicherheitsgremium sah ein zahlenmäßiges Ungleichgewicht beim Gesamtüberleben zwischen den Behandlungsarmen und hielt eine Fortsetzung für aussichtslos.
Neue Sicherheitssignale gab es dabei nicht, und die parallele Studie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs läuft unverändert weiter. Dennoch bleibt ein Kratzer im Vertrauen in die zellbasierte Krebstherapie-Strategie.
Die eigentliche Bewährungsprobe steht nun bevor: Vom 12. bis 15. September präsentiert BioNTech auf der IASLC-Weltkonferenz für Lungenkrebs in Seoul neue Daten zu pumitamig und gotistobart, darunter erstmals globale Daten zur Kombination von pumitamig mit dem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat elfetabart drozuntecan bei kleinzelligem und nicht-kleinzelligem Lungenkrebs sowie aktualisierte Überlebensdaten aus der Phase-3-Studie PRESERVE-003. Diese Daten werden zeigen müssen, ob die Onkologie-Story trägt, während das Impfstoffgeschäft schrumpft.
Zwischen Rechtsstreit und Rückkauf
Parallel dazu wächst rechtlicher Druck: Arbutus Biopharma und Genevant haben Mitte Juli drei internationale Klagen gegen Pfizer und BioNTech eingereicht, um Patente auf die Lipid-Nanopartikel-Technologie durchzusetzen – vor kanadischen Gerichten und dem Einheitlichen Patentgericht für zwanzig europäische Länder.
Auf der anderen Seite verfügt BioNTech über eine finanzielle Rückendeckung, die viele Biotech-Konkurrenten neidisch machen dürfte: 16,6 Milliarden Euro an liquiden Mitteln und Wertpapieren, dazu ein laufendes Aktienrückkaufprogramm von bis zu einer Milliarde Dollar.
Immerhin erhielt der überarbeitete COVID-Impfstoff COMIRNATY XFG Ende August die FDA-Zulassung für Risikogruppen und wird bereits ausgeliefert – ein kleiner, aber realer Umsatzanker im schrumpfenden Impfstoffgeschäft.
Das Bild, das sich zusammensetzt, ist das eines Unternehmens im Übergang: neue Führung, neue Ausrichtung, alte Finanzkraft. Ob die Lungenkrebs-Daten aus Seoul dieser Übergangsphase eine neue Erzählung geben, dürfte sich in den kommenden Tagen zeigen.
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