Wer BioNTech heute betrachtet, sieht ein Unternehmen im Umbau seiner eigenen Identität. Die Impfstoff-Ära, die den Mainzer Konzern zum Weltkonzern machte, verblasst zusehends in den Bilanzen. Was bleibt, ist eine milliardenschwere Wette auf die Onkologie – und genau diese Wette wird gerade auf eine harte Probe gestellt.
Der Rückschlag ist bekannt: Der Abbruch der Phase-2-Studie zu autogene cevumeran bei resezierbarem Darmkrebs, verkündet am vergangenen Montag, hat gezeigt, wie fragil klinische Erfolgsversprechen in der Krebsforschung sind.
Ein unabhängiges Datenüberwachungsgremium hatte ein zahlenmäßiges Ungleichgewicht beim Gesamtüberleben zwischen den Behandlungsarmen festgestellt. Das ist kein Randdetail, sondern der Kern des Geschäftsmodells: BioNTech verkauft Investoren die Erzählung, dass die mRNA-Technologie nicht nur gegen Viren, sondern auch gegen Tumoren wirkt. Jeder gestoppte Studienarm nagt an dieser Erzählung.
Der Konzern schaut nach Seoul
Und doch verschiebt sich der Blick der Anleger bereits weiter. Vom 12. bis 15. September präsentiert BioNTech auf der IASLC-Weltkonferenz für Lungenkrebs in Seoul neue Daten aus seiner diversifizierten Lungenkrebs-Pipeline.
Im Zentrum steht eine Late-Breaking-Präsentation zu Pumitamig in Kombination mit dem B7H3-gerichteten Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Elfetabart Drozuntecan, bekannt unter der Bezeichnung BNT324/DB-1311. Die Daten stammen aus einer Phase-1/2-Studie bei fortgeschrittenem beziehungsweise metastasiertem kleinzelligem und nicht-kleinzelligem Lungenkrebs.
Diese Gegenüberstellung – ein gescheitertes Darmkrebs-Programm hier, ein hoffnungsvolles Lungenkrebs-Kombinationsregime dort – ist typisch für den Zustand, in dem sich die gesamte Onkologie-Branche befindet.
Rückschläge sind einkalkuliert, weil die Zahl der Programme groß genug ist, dass einzelne Ausfälle das Gesamtbild nicht zwingend kippen. Ob diese Rechnung für BioNTech aufgeht, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen, doch Seoul liefert im September einen ersten Fingerzeig.
Das alte Geschäft trägt noch, aber schwächer
Während die Pipeline im Rampenlicht steht, liefert das verbliebene Impfstoffgeschäft weiterhin einen Cashflow, wenn auch einen schrumpfenden. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat im August die Zulassungserweiterung für die COVID-19-Impfstoffformel Comirnaty XFG genehmigt, gemeinsam entwickelt mit Pfizer und zugeschnitten auf die XFG-Variante.
Zugelassen ist sie für Erwachsene ab 65 Jahren sowie für Personen zwischen 5 und 64 Jahren mit Risikofaktoren. Das sichert einen Sockelumsatz, doch dieser Sockel wird kleiner: Die Erlöse aus dem zweiten Quartal fielen von 260,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum auf 105,6 Millionen Euro, was das Unternehmen dazu zwang, seine Umsatzprognose für das laufende Jahr auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro zu senken.
Diese Zahlen erklären auch, warum die Aktie an der Börse so nervös reagiert, wie sie es derzeit tut. Mit 89,60 Euro notiert das Papier zwar über seinem 50-Tage-Durchschnitt von 83,73 Euro, doch auf Wochensicht steht ein Minus von 6,3 Prozent zu Buche.
Gleichzeitig trennen den Kurs noch rund 15 Prozent vom 52-Wochen-Hoch bei 105,80 Euro, während der Abstand zum Jahrestief bei 68,35 Euro deutlich komfortabler ausfällt. Die annualisierte Volatilität von 70 Prozent auf Sicht von 30 Tagen spiegelt genau jene Unsicherheit wider, die zwischen gescheiterten Studien und erhofften Durchbrüchen pendelt.
Ein Konzern balanciert zwischen zwei Zeitaltern
Was bleibt, ist ein Unternehmen mit üppiger Kriegskasse – 16,6 Milliarden Euro an liquiden Mitteln und Wertpapieren zum Ende des zweiten Quartals – das sich zugleich ein Aktienrückkaufprogramm von bis zu einer Milliarde US-Dollar leistet, wovon bereits 152 Millionen US-Dollar umgesetzt wurden. Diese finanzielle Substanz verschafft BioNTech den Spielraum, Rückschläge wie den Studienabbruch bei Darmkrebs zu verkraften, ohne dass die Existenz des Konzerns infrage steht.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob BioNTech Studien verliert – das gehört zur Natur der Onkologieforschung. Sie lautet, ob die verbleibenden Programme, allen voran jene rund um Pumitamig, tragfähig genug sind, um das Impfstoffgeschäft als Wachstumstreiber abzulösen. Seoul im September wird darauf keine endgültige Antwort geben, aber es wird zeigen, in welche Richtung sich diese Waage neigt.
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