Manche Wochen zeigen ein Unternehmen wie durch ein Prisma: gleich mehrere Facetten, die eigentlich schwer zusammenpassen wollen. BioNTech hat so eine Woche hinter sich. Auf der einen Seite der Rückschlag im Onkologie-Programm, der die Aktie am Freitag um 7,7 Prozent auf 88,30 Euro drückte. Auf der anderen Seite eine Zulassung, die zeigt, warum das ursprüngliche Geschäft des Mainzer Unternehmens noch immer trägt.
Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat am Donnerstag die ergänzende Zulassung für den an die XFG-Variante angepassten COVID-19-Impfstoff Comirnaty für die Saison 2026/2027 erteilt. Zugelassen ist der Impfstoff für Erwachsene ab 65 Jahren sowie für Fünf- bis 64-Jährige mit Risikofaktoren.
Die Auslieferung an Apotheken, Kliniken und Arztpraxen in den USA begann laut Unternehmensangaben unmittelbar danach. Bereits Ende Juli hatte die Europäische Kommission dieselbe angepasste Version für die EU und den EWR genehmigt, die Produktion lief da schon.
Ein Geschäft, das nicht verschwindet
Es ist leicht, über dem Onkologie-Hype zu vergessen, dass BioNTech im Kern immer noch ein Impfstoffhersteller ist – einer, dessen Umsatz saisonal an Zulassungsentscheidungen und Nachfragezyklen hängt.
Genau diese Abhängigkeit hatte das Unternehmen vor rund einem Monat bei den Quartalszahlen selbst eingeräumt: Die Erlöse sanken im zweiten Quartal auf 105,6 Millionen Euro von 260,8 Millionen im Vorjahreszeitraum, die Jahresprognose für den Umsatz wurde wegen schwächerer COVID-Impfstoffnachfrage und verzögerter Meilensteinzahlungen auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro gesenkt.
Die neue Zulassung ändert daran wenig an der grundsätzlichen Richtung, sie sichert aber zumindest, dass das Unternehmen in der kommenden Saison überhaupt lieferfähig ist – in zwei der größten Gesundheitsmärkte der Welt gleichzeitig.
Die eigentliche Geschichte von BioNTech spielt sich aber woanders ab, und das ist der Grund, warum Anleger dem Unternehmen trotz sinkender Impfstoffumsätze weiter eine Marktkapitalisierung von knapp 23,9 Milliarden Euro zubilligen: die Transformation zu einem Onkologie-Unternehmen.
Genau deshalb wog der am Freitag bekannt gewordene Abbruch der Phase-2-Studie zu Autogene Cevumeran als Monotherapie bei resezierbarem Darmkrebs so schwer – nicht weil er das gesamte Pipeline-Versprechen infrage stellt, sondern weil er zeigt, wie fragil einzelne Wetten in diesem Feld bleiben.
Die Pipeline bleibt breiter als eine einzelne Studie
Wer nur auf die gestoppte Darmkrebs-Studie schaut, verpasst das größere Bild. BioNTech hat laut eigenen Angaben 14 laufende zulassungsrelevante Onkologie-Studien, die 2026 gestartet wurden, darunter fünf zum Antikörper Pumitamig.
Bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs in Erstlinientherapie erreichte Pumitamig in Kombination mit Chemotherapie bestätigte objektive Ansprechraten von bis zu 72,7 Prozent je nach Subtyp und bis zu 100 Prozent bei hoher PD-L1-Expression – Daten, die im Rahmen der ROSETTA-Lung-02-Studie beim ASCO-Jahreskongress 2026 vorgestellt wurden.
Für den Herbst kündigt sich weitere Substanz an: Vom 12. bis 15. September präsentiert BioNTech auf der IASLC-Weltkonferenz zu Lungenkrebs in Seoul erstmals globale Daten zur Kombination aus Pumitamig und dem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Elfetabart Drozuntecan, dazu aktualisierte Überlebensdaten aus der Phase-3-Studie PRESERVE-003 zu Gotistobart.
Auch die andere Studie zu Autogene Cevumeran, IMcode003, die den Wirkstoff bei Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Checkpoint-Inhibitoren und Chemotherapie kombiniert, läuft nach Unternehmensangaben unverändert weiter. Der Rückschlag betrifft also einen Studienarm, nicht das gesamte Wirkstoffprogramm.
Was das für die Bewertung bedeutet
Der Kurs notiert nach dem Rücksetzer noch immer 5,0 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 84,11 Euro und liegt auf Jahressicht mit 8,5 Prozent im Plus. Das deutet darauf hin, dass der Markt den Studienabbruch als Einzelereignis einordnet, nicht als Bruch der übergeordneten Strategie.
Zugleich bleibt die Volatilität mit 70 Prozent auf Sicht von 30 Tagen hoch – ein Hinweis darauf, dass Nachrichten wie diese Woche weiterhin für Ausschläge sorgen dürften, solange die Onkologie-Pipeline mehrere parallele Wetten gleichzeitig trägt.
Die eigentliche Frage für BioNTech ist damit keine kurzfristige: Kann ein Unternehmen, das aus der Pandemie heraus zum Symbolwert für mRNA-Technologie wurde, den Umbau zum Krebs-Spezialisten vollziehen, während das alte Kerngeschäft parallel schrumpft? Die neue COVID-Zulassung zeigt, dass das alte Geschäft noch trägt.
Die vielen laufenden Onkologie-Studien zeigen, dass am neuen Geschäft mit Hochdruck gearbeitet wird. Beides gleichzeitig zu managen, bleibt die eigentliche Herausforderung – für das Unternehmen wie für jeden, der versucht, aus einzelnen Studienergebnissen den fairen Wert der Aktie abzuleiten.
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