BioNTech hat heute die Phase-2-Studie BNT122-01 zu Autogene Cevumeran bei Darmkrebs vorzeitig beendet. Der Grund: Ein unabhängiges Sicherheitsgremium (DSMB) empfahl den Abbruch, weil sich beim Gesamtüberleben eine numerische Ungleichheit zeigte. Für mich ist das ein herber Rückschlag für die Onkologie-Ambitionen des Unternehmens – aber kein Grund, das gesamte Krebs-Engagement infrage zu stellen.
Ein Rückschlag, kein Kollaps
Neue Sicherheitssignale gab es nicht, das ist die gute Nachricht in einer schlechten Meldung. Die Zwischenanalyse deutete lediglich auf einen unwahrscheinlichen Nutzen der Monotherapie hin, wie auch der Harvard-Onkologe Ilyas Sahin in seiner Einordnung betont. Das ist ein Unterschied, den Anleger nicht verwischen sollten: Hier scheitert eine bestimmte Anwendung, nicht die Plattform als solche.
Die parallele Studie IMcode003 zu Autogene Cevumeran bei Bauchspeicheldrüsenkrebs läuft unverändert weiter – und genau dort dürfte sich zeigen, ob der personalisierte mRNA-Ansatz in schwer behandelbaren soliden Tumoren tatsächlich trägt.
Unangenehm ist der Zeitpunkt. Nur eine Woche zuvor hatte Moderna gemeinsam mit Merck positive Phase-3-Daten zur Kombination aus mRNA-Vakzin und Keytruda bei Melanom präsentiert.
Der Kontrast fällt BioNTech vor die Füße: Während der Konkurrent einen Etappensieg feiert, muss Mainz einen Abbruch verkünden. Das dürfte den Wettbewerbsdruck in der Wahrnehmung von Investoren kurzfristig erhöhen, auch wenn die beiden Indikationen und Wirkmechanismen nicht direkt vergleichbar sind.
Was die Analysten sagen – und was ich davon halte
Canaccord Genuity hat das Kursziel für BioNTech heute von 142 auf 136 US-Dollar gesenkt, das „Buy“-Rating aber bestätigt. Das passt zu meiner Lesart: Die Substanz der Onkologie-Pipeline wird neu bewertet, nicht verworfen.
Der Analystenkonsens liegt bei „Moderate Buy“ mit einem durchschnittlichen Kursziel von 127,44 US-Dollar – deutlich über dem aktuellen Kursniveau. Das signalisiert, dass die Mehrheit der Beobachter trotz des Rückschlags an mittelfristiges Aufwärtspotenzial glaubt, auch wenn die Konjunktur der Erwartungen spürbar gedämpft wurde.
Bemerkenswert finde ich, dass BioNTech ein Aktienrückkaufprogramm über 1 Milliarde US-Dollar fährt, das bis zu 4,2 Prozent der Aktien umfassen kann. Das ist ein Signal des Managements, dass man die eigene Bewertung für zu niedrig hält – ein Kontrapunkt zum negativen Studienausgang, den man nicht unterschätzen sollte.
Der Blick auf den Kurs
Die Aktie notiert aktuell bei 87,45 Euro und damit 17 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 105,80 Euro aus dem Januar. Das zeigt, dass der Markt die Onkologie-Rückschläge der vergangenen Monate bereits teilweise eingepreist hat – der heutige Studienabbruch trifft also nicht auf eine euphorische Bewertung, sondern auf ein Papier, das schon Federn gelassen hat. Über die vergangenen sieben Tage hat die Aktie knapp 9,7 Prozent verloren, was den Vertrauensverlust rund um die Onkologie-Pipeline unterstreicht.
Mein Fazit
Für mich überwiegt derzeit die nüchterne Betrachtung: BioNTech verliert mit dem Darmkrebs-Programm eine mögliche Wachstumssäule, aber nicht das Fundament.
Die COVID-Impfstoffbasis bleibt Cash-Cow, das Rückkaufprogramm stützt das Vertrauen des Managements in die eigene Bewertung, und die verbleibende Onkologie-Pipeline – allen voran die Pankreaskrebs-Studie – bietet weiterhin Substanz für die These eines diversifizierten mRNA-Konzerns.
Wer BioNTech als reine Wette auf einen einzelnen Krebs-Blockbuster betrachtet hat, muss seine Erwartungen heute nach unten korrigieren. Wer die Aktie als langfristige Plattform-Wette auf mRNA-Technologie über mehrere Indikationen hinweg versteht, für den ändert der heutige Rückschlag die Grundthese nicht – er macht sie nur ein Stück riskanter.
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