Ein herber Rückschlag in der klinischen Onkologie hat die BioNTech-Aktie gestern um 7,6 Prozent nach unten gerissen. In der Phase-2/3-Studie AHEAD-MERIT verfehlte der Impfstoffkandidat BNT113 in Kombination mit Pembrolizumab eine statistisch signifikante Verbesserung des progressionsfreien Überlebens gegenüber der alleinigen Gabe von Pembrolizumab.
Zwar empfahl das unabhängige Datenüberwachungsgremium, die Untersuchung zur Beurteilung des Gesamtüberlebens fortzusetzen. Für die Marktteilnehmer war dieser Umstand am gestrigen Handelstag jedoch kein Grund zur Beruhigung: Die Enttäuschung über das verfehlte Primärziel dominierte das Geschehen vollständig.
Der Druck auf die Krebs-Pipeline wächst
Für mich offenbart dieser Kursrutsch eine tief sitzende Verwundbarkeit. BioNTech befindet sich mitten im Übergang von den einstigen Sondererlösen der Pandemie hin zu einem vollwertigen Onkologie-Unternehmen. Bei diesem Umbau verzeiht der Markt keine Fehltritte mehr.
Ein Kombinationsansatz wie BNT113, der sich bereits in einer fortgeschrittenen Studienphase befindet, galt als wichtiges Aushängeschild für die Leistungsfähigkeit der unternehmenseigenen mRNA-Technologie gegen solide Tumore.
Bleibt der statistische Nachweis beim progressionsfreien Überleben aus, gerät die gesamte Zeitplanung ins Wanken. Zwar bleibt die theoretische Möglichkeit bestehen, dass die spätere Auswertung des Gesamtüberlebens ein positives Ergebnis liefert.
In der Praxis verlängert diese Empfehlung des Überwachungskomitees jedoch vor allem die Phase der Ungewissheit. Für Anleger bedeutet das: Statt klarer klinischer Bestätigung gibt es vorerst nur die Aussicht auf weiteres Warten, während die Forschungsaufwendungen unvermindert weiterlaufen.
Analysten reagieren mit wachsender Vorsicht
Die Skepsis hatte sich an der Wall Street bereits in den Tagen zuvor angedeutet. Am 9. Oktober senkte Analystin Tazeen Ahmad von der Bank of America das Kursziel für die BioNTech-Aktie von $122 auf $114, beließ die Einstufung jedoch auf „Buy“. Hintergrund für diesen Schritt war die Streichung der Programme FixVac bei Melanomen sowie iNeST bei Darmkrebs aus dem Bewertungsmodell des Hauses nach deren Beendigung.
Bereits am 8. Oktober hatte zudem das Analysehaus Argus die Beobachtung der BioNTech-Aktie aufgenommen und das Papier neutral mit „Hold“ eingestuft. Aus meiner Sicht verdeutlichen diese Reaktionen, dass der Spielraum für Enttäuschungen denkbar eng geworden ist. Wenn selbst wohlwollende Beobachter ihre Erwartungsmodelle nach unten anpassen müssen, verliert die Wachstumsfantasie spürbar an Tragkraft.
Erschwerend kommt das allgemeine Umfeld hinzu. Die Verkäufe von Stammaktien durch BioNTech-CEO Ugur Sahin – unter anderem geregelt über einen Handelsplan nach Rule 10b5-1 – sowie die vor rund zwei Wochen thematisierten Standortschließungen hatten die Stimmung bereits im Vorfeld gedämpft. Der gestrige Studieneffekt traf somit auf eine ohnehin verunsicherte Anlegerschaft.
Chartbild spiegelt die Ernüchterung wider
Die charttechnische Verfassung unterstreicht den Ernst der Lage. Nach den jüngsten Verlusten schloss das Papier gestern bei 79,40 Euro. Damit liegt der Kurs inzwischen 25 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch.
Solche Abstände verdeutlichen, wie weit sich die Bewertung von früheren Höchstständen entfernt hat. Es fehlt derzeit an greifbaren Katalysatoren, die einen schnellen Stimmungsumschwung herbeiführen könnten. Solange keine robusten Erfolge aus der späten klinischen Phase vorgelegt werden, dürfte jede Aufwärtsbewegung von Gewinnmitnahmen und Absicherungsgeschäften gebremst werden.
Fazit: Das Risiko überwiegt vorerst
Unterm Strich steht BioNTech vor einer Bewährungsprobe. Das verfehlte Studienziel bei BNT113 ist mehr als nur eine statistische Fußnote: Es zeigt, dass der Übergang zu marktreifen Krebstherapien mit erheblichen Rückschlägen gepflastert bleibt.
Für mich überwiegen auf dem aktuellen Niveau die Risiken weiterer Verzögerungen. Anleger sollten sich darauf einstellen, dass die erhoffte Neubewertung des Unternehmens deutlich mehr Geduld erfordern dürfte, als viele Marktteilnehmer bisher eingeplant hatten.
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