Manchmal reicht es, in der zweiten Reihe zu stehen, wenn die erste Reihe explodiert. Genau das erlebt BioNTech seit dem 19. August, als Moderna gemeinsam mit Merck den ersten positiven Phase-3-Erfolg für einen individualisierten mRNA-Krebsimpfstoff verkündete.
Die Studie INTerpath-001 zeigte bei 1.137 Melanom-Patienten, dass die Kombination aus dem personalisierten Wirkstoff intismeran und Merck-Präparat Keytruda das Rückfallrisiko und die Metastasenbildung stärker senkt als Keytruda allein. Moderna schoss daraufhin um 177 Prozent nach oben, ein einziger Tag brachte dem Unternehmen rund 45 Milliarden Dollar zusätzliche Marktkapitalisierung.
BioNTech war an dieser Studie nicht beteiligt – und stieg trotzdem kräftig mit. Innerhalb einer Woche legte die Aktie um mehr als 20 Prozent zu, wie 24/7 Wall St. berichtete. Das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Der Markt handelt derzeit nicht das einzelne Molekül, sondern die Plattform-Technologie dahinter.
Wer glaubt, dass individualisierte Neoantigen-Impfstoffe Krebs künftig systematisch bekämpfen können, kauft nicht nur Moderna – er kauft die gesamte mRNA-Klasse. Und BioNTech gehört zu den wenigen verbliebenen Namen dieser Klasse mit eigener Onkologie-Pipeline.
Zwischen Trittbrettfahrt und eigener Substanz
Die Frage, die sich Anleger stellen müssen, ist unangenehm einfach: Trägt der Kursanstieg eine eigene fundamentale Grundlage, oder ist er reine Sympathiebewegung? Belastbare Daten aus der Rezeptur, mit der Moderna und Merck ihren Durchbruch erzielten, hat BioNTech nicht vorgelegt.
Was der Konzern in die Waagschale wirft, sind eigene laufende Onkologie-Programme – doch die aktuelle Kursbewegung speist sich erkennbar aus der Branchenfantasie, nicht aus firmenspezifischen Studienergebnissen der vergangenen Woche.
Analysten reagieren auf die Gesamtbewegung unterschiedlich vorsichtig. Morningstar hob seine langfristige Umsatzprognose für den Krebsimpfstoffmarkt drastisch an, auf 16,8 Milliarden Dollar bis 2035, während Leerink konservativer bei 1,4 Milliarden Dollar für 2032 bleibt.
Diese Spannbreite zeigt, wie unsicher selbst Fachanalysten die Monetarisierung eines Marktes einschätzen, der gerade erst seinen ersten Phase-3-Beweis erhalten hat. Für BioNTech als Mitläufer dieser Bewegung gilt das erst recht.
Am heutigen Dienstag notiert die Aktie bei 99,95 Euro und legt 3,2 Prozent zu – nach einem Schlusskurs von 96,80 Euro am Vortag. Der Titel bleibt damit 5,5 Prozent von seinem 52-Wochen-Hoch aus dem Januar entfernt, hat sich aber seit seinem Jahrestief im März um 46 Prozent erholt.
Diese Erholung ist beachtlich, doch sie fällt in eine Phase, in der die gesamte Biotech-Branche wieder Zulauf von Kapital erhält – nicht nur BioNTech-spezifisches Vertrauen.
Ein Sektor im Umbruch, eine Aktie im Windschatten
Was diese Woche zeigt, ist mehr als eine einzelne Kursrallye. Es ist ein Strukturmoment für die gesamte mRNA-Technologie, die nach den Pandemiejahren lange als Ein-Trick-Pony galt. Sequenzierunternehmen wie Illumina und PacBio zogen ebenso mit wie Gene-Editing-Aktien – der gesamte Ökosystem-Gedanke rund um personalisierte Medizin bekommt neuen Schwung.
BioNTechs Kursgewinne sind Teil dieser Sektorrotation, getragen von der Hoffnung, dass Neoantigen-Impfstoffe sich auf Lungen-, Blasen-, Nieren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs ausweiten lassen – Indikationen, an denen laut den Studienbegleitmaterialien bereits weitere Untersuchungen laufen, deren Ergebnisse aber erst in ein bis zwei Jahren erwartet werden.
Bis dahin bleibt BioNTech in der interessanten, aber unbequemen Position des Zaungasts mit Eintrittskarte: nah genug an der Technologie, um vom Sentiment zu profitieren, aber ohne die konkreten Phase-3-Daten, die Moderna gerade lieferte.
Ob sich diese Fantasie in harte klinische Ergebnisse aus eigener Pipeline übersetzen lässt, wird sich erst zeigen müssen – und genau daran wird sich messen lassen, ob der aktuelle Kursaufschlag Substanz gewinnt oder wieder verpufft.
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