Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
es gibt Nachrichten, die den Markt für einen Tag bewegen. Und es gibt Nachrichten, die eine ganze Investmentgeschichte neu schreiben. Der Quartalsbericht, den Berkshire Hathaway am vergangenen Wochenende vorgelegt hat, gehört in die zweite Kategorie. Denn zum ersten Mal seit sechs Jahrzehnten trägt jemand anderes als Warren Buffett die Verantwortung für den größten Kapitalstock der Wall Street. Und dieser Jemand beginnt sichtbar, ihn zu bewegen.
Greg Abel führt das Konglomerat seit Anfang dieses Jahres offiziell als Vorstandschef. Buffett bleibt Chairman, doch die operative Steuerung liegt nun bei einem 64-jährigen Kanadier, der jahrzehntelang im Hintergrund das Energiegeschäft der Gruppe geformt hat. Wer die aktuellen Zahlen liest, erkennt schnell: Hier vollzieht sich kein sanfter Übergang, sondern eine bemerkenswert klare Kurskorrektur.
Der operative Kern von Berkshire liefert wieder ab
Beginnen wir bei den Fakten, die zählen. Der operative Gewinn nach Steuern kletterte im zweiten Quartal um 16 Prozent auf rund 13 Milliarden Dollar. Getragen wurde dieser Zuwachs vom industriellen Rückgrat der Gruppe. Die Sparte für Fertigung, Dienstleistungen und Einzelhandel steigerte ihr Ergebnis um 24 Prozent auf 4,5 Milliarden Dollar. Der Energiearm legte sogar um 27 Prozent auf 891 Millionen Dollar zu.
Diese Zahlen verdienen Beachtung, weil sie zeigen, dass Berkshire kein reiner Aktienkorb ist. Das Unternehmen besitzt Eisenbahnen, Kraftwerke, Versicherer und Industriebetriebe. Genau diese reale Wirtschaft brummt derzeit. Die Bahntochter BNSF verbesserte ihr Ergebnis nach Steuern um sechs Prozent, angetrieben von höheren Transportvolumina und einer effizienteren Abwicklung. Abel hat mehrfach betont, dass er gerade bei BNSF Verbesserungspotenzial sieht, denn die Marge liegt unter jener der großen nordamerikanischen Wettbewerber. Hier zeigt sich sein Führungsstil im Detail. Er sucht die operative Feinjustierung, nicht die große Geste.
Es gibt eine Schattenseite, und Berkshire versteckt sie nicht. Das Versicherungsgeschäft schwächelte. Der Zeichnungsgewinn fiel um gut 13 Prozent, wesentlich verursacht durch den Autoversicherer Geico. Dessen sogenannte Schaden-Kosten-Quote, also das Verhältnis von Schäden und Kosten zu den Prämien, verschlechterte sich spürbar. Ein Wert unter 100 bedeutet Gewinn, doch der Anstieg zeigt, dass die Margen unter Druck geraten. Auch die Kapitalerträge der Versicherer gingen zurück, weil die kürzeren Zinsen die Erträge aus den gewaltigen Anleihebeständen drückten. Für Anleger ist das ein Fingerzeig, keine Alarmglocke.
Warum Abels Kapitalpolitik das eigentliche Signal ist
Die Gewinne sind solide. Die wahre Botschaft dieses Quartals liegt jedoch woanders. Sie liegt darin, wie Abel mit dem berühmten Geldberg umgeht, den Buffett über Jahre aufgetürmt hatte. Über vierzehn Quartale hinweg war Berkshire ein Nettoverkäufer von Aktien. Buffett hortete Bargeld und wartete auf den großen Preis, der nie kam.
Abel bricht mit diesem Muster. Im zweiten Quartal kaufte Berkshire Aktien im Volumen von netto rund 20 Milliarden Dollar. Der spektakulärste Einzelposten war ein Einstieg bei Alphabet im Umfang von etwa zehn Milliarden Dollar. Damit rückt der Google-Konzern erstmals unter die fünf größten Beteiligungen der Gruppe, in eine Reihe mit Apple, American Express, Bank of America und Coca-Cola. Der Kassenbestand sank entsprechend, von fast 400 Milliarden Dollar Ende März auf rund 365 Milliarden Dollar.
Parallel dazu kaufte Berkshire eigene Aktien zurück, und zwar für 4,5 Milliarden Dollar. Das ist der höchste Quartalswert seit rund fünf Jahren. Zur Einordnung: Im ersten Quartal waren es nur 235 Millionen Dollar. Rückkäufe erfolgen bei Berkshire nach einem eisernen Prinzip. Sie finden nur statt, wenn Abel und Buffett die Aktie für unterbewertet halten. Die plötzliche Beschleunigung lässt sich deshalb als Vertrauensbeweis lesen. Die Führung hält die eigene Aktie für zu billig.
Was der Berkshire-Kurs derzeit erzählt
Interessant wird es, wenn man diese Kapitalpolitik mit dem Kursverlauf abgleicht. Die Berkshire-Aktie erreichte in der Vorwoche ein neues Jahreshoch. Gleichzeitig hinkt sie dem breiten US-Markt hinterher und liegt seit Jahresbeginn spürbar hinter dem S&P 500 zurück. Genau diese Konstellation macht die Situation für langfristige Anleger reizvoll.
Der Buchwert je Aktie stieg im Quartal um etwa drei Prozent. Die Aktie notiert damit ungefähr beim Anderthalbfachen dieses Buchwerts. Das ist keine Schnäppchenbewertung, aber auch keine Übertreibung. Man bezahlt hier für einen Konzern, der reale Cashflows produziert, einen der größten Aktienberge der Welt hält und über eine Kriegskasse verfügt, die jedes andere US-Unternehmen weit hinter sich lässt. In einem Markt, der von wenigen Technologiewerten getragen wird, ist eine solche Struktur ein wertvolles Gegengewicht.
Kontinuität und Wandel zugleich
Die Marktbeobachter, die Berkshire seit Jahrzehnten begleiten, ringen derzeit mit einer entscheidenden Frage. Bleibt Abel dem Buffett-Prinzip treu, oder öffnet er ein neues Kapitel? Die Antwort lautet vermutlich: beides. Die Disziplin bleibt erhalten. Berkshire kauft weiterhin nur, wenn der Preis stimmt, und parkt das Gros seiner liquiden Mittel in ultrasicheren US-Staatsanleihen.
Doch die Bereitschaft, dieses Kapital tatsächlich einzusetzen, wächst sichtbar. Zwei größere Übernahmen im ersten Halbjahr, der Chemiekonzern OxyChem und der Hausbauer Taylor Morrison, unterstreichen diesen Aktivismus. Allein die Taylor-Morrison-Transaktion hatte ein Volumen von rund 8,5 Milliarden Dollar und wurde im Juli abgeschlossen. Solche Deals binden Kapital und können die Rückkäufe zeitweise begrenzen. Sie zeigen aber vor allem eines. Abel scheut die große Zahl nicht, wenn er den Wert dahinter erkennt. Der Übergang von Buffetts abwartender Geduld zu Abels handfestem Kapitaleinsatz ist der eigentliche Kern dieser Berichtssaison.
Für Anleger ergibt sich daraus eine klare Perspektive. Berkshire war lange die Aktie für Menschen, die auf einen legendären Kapitallenker setzten. Nun wird sie zur Aktie für Menschen, die auf einen erprobten Apparat und dessen frische Führung setzen. Die operative Substanz trägt. Die Kapitalpolitik wird aktiver. Und die Bewertung lässt Raum nach oben.
Der Machtwechsel bei Berkshire vollzieht sich leise, fast unbemerkt zwischen zwei Quartalszahlen. Doch wer genau hinsieht, erkennt das Muster einer Investmentgeschichte, die sich neu erfindet, ohne ihre Wurzeln zu verraten. Ich habe Ihnen an diesem Beispiel gezeigt, wie Sie hinter die Schlagzeile blicken und dort das eigentliche Signal finden, das über die nächsten Jahre entscheidet. Genau diese zweite Ebene trennt den aufmerksamen Anleger vom Rest des Marktes.
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