Berkshire: Buffetts Erben kaufen lieber sich selbst

Im dritten Quartal kaufte Berkshire eigene Aktien für 9,6 Milliarden Dollar zurück; BNSF steigerte Umsatz und Gewinn.

Auf einen Blick:
  • Rekordrückkäufe von 9,6 Milliarden Dollar
  • BNSF-Umsatz steigt um 14 Prozent
  • Versicherungsgewinn sinkt um mehr als 40 Prozent
  • Alphabet-Beteiligung verliert rund drei Milliarden Dollar

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

voraussichtlich am 16. November blickt die Wall Street wieder nach Omaha. Dann legt Berkshire Hathaway seine Pflichtmeldung über die US-Aktienpositionen bei der Börsenaufsicht vor. Seit Jahrzehnten gilt dieser Termin als Fixpunkt für Nachahmer. Wer kaufte, was Warren Buffett kaufte, liegt meistens richtig. So lautete jedenfalls die Regel. Die Zahlen der vergangenen sechs Jahre stellen sie infrage. Und die aktuelle Quartalsbilanz zeigt, wohin sich das Konglomerat stattdessen bewegt.

Das Alphabet-Investment wird zum Symbol

Der jüngste große Einstieg sorgt für Ernüchterung. Berkshire hält rund 106 Millionen Alphabet-Aktien im Wert von etwa 30 Milliarden Dollar. Ein großer Teil stammt aus dem Juni. Damals beteiligte sich der Konzern mit zehn Milliarden Dollar an der 85 Milliarden Dollar schweren Kapitalerhöhung des Google-Mutterkonzerns. Nach enttäuschenden Quartalszahlen fiel die Alphabet-Aktie binnen einer Woche um rund zehn Prozent. Marktbeobachter schätzen den Buchverlust nun auf etwa drei Milliarden Dollar.

Die Ironie ist kaum zu übersehen. Buffett und sein langjähriger Partner Charlie Munger lobten das Geschäftsmodell von Google schon vor mehr als zehn Jahren. Gekauft haben sie damals nicht. Den Anstoß für den späten Einstieg gab nun Buffett selbst, inzwischen 96 Jahre alt.

Berkshire Hathaway verpasst den Technologieboom

Alphabet ist kein Einzelfall. Seit Ende 2019 hat der S&P 500 rund 150 Prozent zugelegt. Technologiewerte haben ihren Wert sogar vervierfacht. Berkshire konnte aus diesem günstigen Umfeld mit seinem rund 360 Milliarden Dollar schweren Aktienportfolio wenig Kapital schlagen.

Treffer gibt es durchaus. Die fünf japanischen Handelshäuser, in die Berkshire ab etwa 2020 einstieg, sind heute zusammen fast 45 Milliarden Dollar wert. Ihr Wert hat sich mehr als verdoppelt. Chevron legte seit 2020 ebenfalls um über 100 Prozent zu, die Position umfasst etwa 20 Milliarden Dollar. Der Versicherer Chubb gewann seit dem Kauf vor rund drei Jahren etwa 50 Prozent. Unter dem Strich hätte ein schlichter Indexkauf aber ähnlich viel gebracht.

Die Liste der Enttäuschungen ist länger. Verizon, HP, Paramount, General Motors, Constellation Brands und Pool flogen ohne nennenswerten Erfolg wieder aus dem Depot. Am Ölkonzern Occidental Petroleum hält Berkshire inzwischen 26 Prozent. Seit dem Einstieg 2022 liegt das Plus bei nur etwa 20 Prozent. Damit hinkt die Position den meisten Energiewerten deutlich hinterher.

Verkauft zur falschen Zeit

Noch schwerer wiegen die Verkäufe. 2023 besaß Berkshire mehr als 900 Millionen Apple-Aktien. Seitdem reduzierte der Konzern die Position um rund drei Viertel auf 228 Millionen Stück. Der durchschnittliche Verkaufskurs dürfte rund 40 Prozent unter dem heutigen Niveau liegen.

Ähnlich lief es bei den Banken. Zwischen 2020 und 2023 trennte sich Berkshire von JPMorgan Chase, Wells Fargo und Goldman Sachs. Heute kosten diese Aktien etwa das Dreifache der damaligen Verkaufspreise.

Auch an Chancen, die klassisch zu Buffetts Stil passen, ging der Konzern vorbei. General Electric und Eli Lilly fehlen im Depot. Buffett lernte das Handwerk bei Benjamin Graham, dem Vater des Value-Investing. Diese Prägung stammt aus dem 20. Jahrhundert. Mit der Technologiewelle tat sie sich schwer, Apple bleibt die große Ausnahme.

Die alten Perlen tragen das Depot

Getragen wird das Portfolio von Positionen, die Jahrzehnte alt sind. American Express und Coca-Cola kaufte Buffett vor 30 bis 40 Jahren. Sie stehen heute mit 48 und 38 Milliarden Dollar auf den Plätzen zwei und drei. Apple bleibt trotz der Verkäufe mit über 75 Milliarden Dollar die größte Beteiligung. Dazu kommt die Ratingagentur Moody’s.

Diese vier Werte will Greg Abel als Kern behalten. Abel führt Berkshire seit Anfang 2026 als Vorstandschef. Im September gab Buffett zudem den Vorsitz des Verwaltungsrats an seinen Sohn Howard ab. Das Team für die Aktienauswahl ist ausgedünnt. Todd Combs wechselte Ende 2025 zu JPMorgan Chase, einen Nachfolger gibt es nicht. Ted Weschler verwaltet rund sechs Prozent der Anlagen.

Im dritten Quartal kaufte Berkshire Aktien für gut zwei Milliarden Dollar. Darunter waren rund 600 Millionen Dollar für den Technologiekonzern Bending Spoons. Gleichzeitig verkaufte Berkshire Papiere für etwa drei Milliarden Dollar. Es war eine der ruhigsten Phasen am Aktienmarkt seit vielen Jahren.

Rekord bei den Aktienrückkäufen

Das Geld fließt stattdessen in die eigene Aktie. Im dritten Quartal kaufte Berkshire eigene Anteile für 9,6 Milliarden Dollar zurück. Das ist ein Rekord. Die bisherige Bestmarke lag bei neun Milliarden Dollar im Schlussquartal 2020. Im zweiten Quartal waren es nur 4,5 Milliarden Dollar gewesen. Allein im September flossen über fünf Milliarden Dollar in Rückkäufe.

Das Signal ist eindeutig. Abel und Buffett hielten die eigene Aktie für günstig. Die Preisdisziplin bleibt dabei erhalten. Als der Kurs im Oktober anzog, sank das Tempo auf etwa zwei Milliarden Dollar. Traditionell zahlt Berkshire ungern mehr als das 1,5-Fache des Buchwerts, also des bilanziellen Eigenkapitals je Aktie. Inzwischen liegt die Bewertung beim etwa 1,6-Fachen.

Zusätzlich übernahm Berkshire den Hausbauer Taylor Morrison für rund sieben Milliarden Dollar in bar. Die frei verfügbare Liquidität sank damit auf 352 Milliarden Dollar. Das bleibt ein gewaltiger Puffer. Erst eine Übernahme von 100 Milliarden Dollar oder mehr würde ihn spürbar abbauen. Ein solcher Deal ist nicht in Sicht.

Die Betriebe liefern

Operativ zeigt sich Berkshire robust. Der Betriebsgewinn nach Steuern sank um sechs Prozent auf 12,7 Milliarden Dollar. Bereinigt um Währungseffekte aus Verbindlichkeiten in Yen blieb er mit 13 Milliarden Dollar nahezu stabil.

Der Glanzpunkt ist die Eisenbahn BNSF. Der Umsatz stieg um 14 Prozent, der Gewinn nach Steuern um 19 Prozent auf 1,7 Milliarden Dollar. Damit wuchs BNSF schneller als der Erzrivale Union Pacific. Abel hatte die schwachen Margen der Bahn zur Chefsache erklärt. Die Arbeit zahlt sich aus. Das Energiegeschäft steigerte den Gewinn um acht Prozent auf 1,6 Milliarden Dollar. Industrie, Dienstleistungen und Handel legten um zwölf Prozent auf vier Milliarden Dollar zu.

Schwächer läuft die Versicherung. Der Gewinn aus dem Versicherungsgeschäft fiel um mehr als 40 Prozent auf 1,35 Milliarden Dollar. Beim Autoversicherer Geico betrug das Minus rund 45 Prozent, weil sich der Wettbewerb verschärft hat. Mit einer Schaden-Kosten-Quote von gut 91 Prozent arbeitet Geico aber weiter profitabel. Von 100 Dollar Prämie bleiben rund neun Dollar als Gewinn.

Was Anleger daraus ableiten können

Die Aktie hat seit Ende September rund 15 Prozent zugelegt und markierte neue Rekorde. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von etwa 13,5 Prozent. Viele Anleger schätzen die defensive Qualität, während KI-Werte schwanken. Über fünf Jahre schlug Berkshire den S&P 500 mit 13,5 zu 12 Prozent pro Jahr. Über zehn Jahre liegt der Index mit 15,3 zu 14,2 Prozent vorn. Die Aktie notiert inzwischen über den meisten Schätzungen ihres inneren Werts.

Die Rolle des Konzerns verschiebt sich spürbar. Berkshire war jahrzehntelang vor allem das Vehikel eines genialen Stockpickers. Unter Abel wird daraus ein Industriekonglomerat, das Betriebe verbessert, Firmen übernimmt und eigene Aktien kauft. Die Wertschöpfung findet auf Schienen, in Kraftwerken und in Fabriken statt, kaum noch im Depot.

Für die Meldung am 16. November heißt das: Ein neuer Name im Berkshire-Portfolio ist kein automatisches Kaufsignal mehr. Die Bilanz der vergangenen Jahre spricht dagegen. Wer Berkshire verstehen will, sollte auf BNSF, Geico und die Rückkäufe schauen. Das Orakel von Omaha spricht heute vor allem durch seine Eisenbahn.

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