Wenn ein Konzern gleichzeitig einen Vorstandsposten räumt, seine Ankeraktionäre die Stimmrechte an einen Treuhänder abgeben und den Jahresabschluss um Monate verschiebt, dann ist das kein Zufall dreier Einzelmeldungen. Es ist das Bild eines Unternehmens, das sich in der Umbauphase noch immer nicht gefangen hat. BayWa steht dafür exemplarisch – und mit ihr ein ganzes Stück bayerischer Agrarstruktur, das gerade neu vermessen wird.
Der Rückzug von Frank Hiller
Zum heutigen Stichtag endet das Anstellungsverhältnis von Vorstandsmitglied Dr. Frank Hiller. BayWa begründet den Schritt mit der im Januar eingeleiteten Neuordnung der Vorstandsressorts. Wer hier reflexhaft an einen gewöhnlichen Führungswechsel denkt, verkennt den Kontext: Diese Neuordnung war Teil eines größeren Umbaus, der seither in immer neuen Etappen sichtbar wird. Ein Vorstandsposten, der im Zuge einer Sanierung neu zugeschnitten wird, ist selten nur Personalie – er ist auch Symptom.
Bezeichnend ist der Zeitpunkt. Nur einen Tag zuvor hatten die beiden Ankeraktionäre, die Bayerische Raiffeisen-Beteiligungs-AG und die Raiffeisen Agrar Invest AG, ihre gebündelten Stimmrechte von 67,1 Prozent an einen Treuhänder übertragen. Die Rückübertragung ist an eine Eigenkapitalzufuhr von mindestens 220 Millionen Euro gebunden, die die Eigner bis 2029 leisten müssen. Wer über Jahre hinweg die Kontrollmehrheit an einem Unternehmen hält, gibt sie nicht leichtfertig ab. Dass es dennoch geschieht, zeigt, wie weit die Sanierungslogik inzwischen über die operative Ebene hinausreicht – sie greift direkt in die Eigentümerstruktur ein.
Ein Konzern, der als „systemrelevant“ gilt
Im Handelsblatt hatte Genossenschaftspräsident Stefan Müller den Konzern Mitte Juli als „systemrelevant“ für die süddeutsche Landwirtschaft bezeichnet und bei den Gläubigern für die Unterstützung des erweiterten Sanierungskonzepts geworben. Diese Formulierung ist mehr als PR-Vokabular. Sie beschreibt eine Situation, in der ein einzelnes Unternehmen so tief mit regionalen Lieferketten und genossenschaftlichen Strukturen verwoben ist, dass sein Scheitern Kollateralschäden weit über die eigene Bilanz hinaus verursachen würde. Genau diese Verwobenheit ist es, die den aktuellen Umbau so komplex macht – und so langwierig.
Das zeigt sich auch am Kalender: Der geprüfte Konzernabschluss für 2025 kommt erst am 30. Oktober. BayWa begründet die Verzögerung mit komplexen Bewertungsfragen im Rahmen der Sanierungsverhandlungen. Wer schon einmal eine Bilanz unter Sanierungsbedingungen erstellt hat, weiß: Solche Bewertungsfragen sind selten technische Petitessen. Sie berühren die Substanzfrage, was ein Unternehmen in der Krise überhaupt noch wert ist.
Operative Fortschritte, strategische Fragezeichen
Nicht alles ist Krisenmanagement. Die Quartalsmitteilung zum ersten Quartal zeigte einen planmäßig gesunkenen Konzernumsatz von 2,3 Milliarden Euro, während das bereinigte EBITDA laut Unternehmensangaben die operativen Meilensteine des Sanierungsplans übertraf. Auch im grünen Geschäft tut sich etwas: Die Ökostromtochter BayWa r.e. schloss im Mai einen achtjährigen Servicevertrag mit dem dänischen Scale Fund für die Betriebsführung des Batteriespeichersystems „Alfeld“. Solche Vertragsabschlüsse belegen, dass Teile des Konzerns operativ funktionieren, während die Konzernmutter mit Kapitalstruktur und Führungsspitze ringt.
Am Kapitalmarkt ist von dieser Zweiteilung wenig zu spüren. Die Aktie notiert bei 10,15 Euro und liegt damit seit Jahresbeginn 39,58 Prozent im Minus. Zum 52-Wochen-Hoch von 23,90 Euro, erreicht Anfang Dezember, klafft inzwischen ein Abstand von 57,53 Prozent. Diese Zahlen sind kein Urteil über die operative Substanz, aber sie spiegeln, wie sehr Investoren dem Sanierungspfad noch misstrauen.
Die eigentliche Frage lautet: Wie viele Etappen dieser Neuordnung – Personal, Eigentümerstruktur, Bilanzierung – kann ein Unternehmen gleichzeitig durchlaufen, ohne dass die genossenschaftliche Basis, auf die sich Stefan Müller berief, selbst ins Wanken gerät? Der Herbst mit dem verschobenen Jahresabschluss wird darauf erste Antworten liefern.
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