Ausgangslage
Bayer steckt mitten in einem Balanceakt zwischen altem Rechtsrisiko und neuer Wachstumsstory. Während die Glyphosat-Anhörung zur endgültigen Genehmigung des milliardenschweren Sammelvergleichs erst Mitte September ansteht und der Kurs seit der Terminverschiebung vor gut einer Woche kaum von der Stelle kam, rückt ein anderes Thema in den Fokus der Anleger: das Nieren- und Herzmedikament Kerendia.
Auf dem ESC-Kongress in München präsentierte Bayer Ende August eine Subgruppenanalyse der Phase-III-Studie FIND-CKD, die zeigt, dass Kerendia auch Patienten mit hypertensiver Nephropathie helfen kann – einer durch chronischen Bluthochdruck verursachten Nierenschädigung. Das ist mehr als ein medizinisches Detail: Es erweitert das potenzielle Einsatzgebiet eines Präparats, das im ersten Halbjahr 2026 bereits Erlöse von 603 Millionen Euro erzielte, ein Plus von 75 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Diese Dynamik zählt jetzt deshalb besonders, weil das Kerngeschäft insgesamt gemischte Signale sendet. Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Konzernumsatz nur moderat um 2,2 Prozent währungs- und portfoliobereinigt auf 10,9 Milliarden Euro, während der Core-Gewinn je Aktie um 16,7 Prozent auf 0,95 Euro einbrach – belastet durch eine höhere Steuerquote und schwächere Segmentergebnisse. Kerendia ist damit eines der wenigen Lichter im Pharmasegment, das operativ sonst eher durchwachsen läuft.
Die entscheidende Frage
Für Anleger reduziert sich die Bewertung auf eine zentrale Frage: Kann Kerendia zu einem tragenden Umsatzpfeiler werden, der die schwächelnden übrigen Pharma- und Consumer-Health-Sparten kompensiert – und zwar bevor die Glyphosat-Risiken im September erneut in den Vordergrund rücken?
Die 75-Prozent-Wachstumsrate ist beeindruckend, doch sie stammt von einer noch überschaubaren Basis. Ob sich das Tempo hält, während sich das Einsatzgebiet auf weitere Nierenerkrankungen ausdehnt, entscheidet maßgeblich darüber, wie stark Pharma langfristig zur Konzernbewertung beitragen kann.
Bullisches Szenario
Setzt sich die Indikationserweiterung fort, könnte Kerendia zum verlässlichen Wachstumstreiber werden, der die Kapitalmarktgeschichte von Bayer neu justiert – weg von der reinen Glyphosat-Abwicklung, hin zu einer Pharma-Wachstumsstory.
Die auf dem ESC-Kongress gezeigten Daten zur Verlangsamung des Nierenfunktionsrückgangs liefern dafür wissenschaftliche Substanz, die sich in weiteren Zulassungserweiterungen niederschlagen könnte.
Parallel entlastet die im Sommer vereinbarte Kapitalzuführung von Apollo Global Management über 3 Milliarden Euro die Bilanz: Die für Jahresende erwartete Nettofinanzverschuldung wurde von zuvor 32 bis 33 Milliarden Euro auf 29 bis 30 Milliarden Euro nach unten korrigiert. Das schafft finanziellen Spielraum, während Crop Science als zweite Wachstumssäule das Quartal stützte.
Bestätigt sich diese Kombination aus schrumpfender Verschuldung und wachsendem Pharma-Beitrag, dürfte der Kurs seinen Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 53,86 Euro, aktuell knapp zehn Prozent, weiter verringern.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Fragilität dieser Wachstumsgeschichte. Kerendia wächst von einem im Konzernmaßstab noch kleinen Umsatzniveau, und der Kernkonzern zeigt beim Gewinn je Aktie bereits deutliche Schwäche.
Sollte sich das Wachstumstempo abschwächen oder sollten weitere Indikationserweiterungen ausbleiben, fehlt ein Gegengewicht zu den strukturellen Problemen in Pharma und Consumer Health. Hinzu kommt die ungelöste Rechtslage: Die für den 14. September angesetzte Fairness-Anhörung zur endgültigen Genehmigung des 7,25-Milliarden-Dollar-Glyphosat-Vergleichs ist noch keine abgeschlossene Sache.
Bayer und Klägeranwälte hatten die Verschiebung gemeinsam beantragt, um Opt-out-Widerrufsanträge nach der Supreme-Court-Entscheidung zu bearbeiten – ein Verfahrensschritt, der zeigt, dass selbst nach dem für Bayer günstigen Preemption-Urteil des Supreme Court im Juni offene Fragen bestehen. Ein Rückschlag bei der Anhörung könnte die operative Verbesserungsgeschichte schnell überlagern.
Ausblick
Solange Kerendia sein Wachstumstempo hält und weitere klinische Daten die Indikationserweiterung stützen, bleibt die Pharma-Story für Bayer intakt – trotz eines insgesamt nur moderat wachsenden Konzerns und eines rückläufigen Core-Gewinns je Aktie.
Kippt diese Dynamik, etwa durch enttäuschende Folgedaten oder eine Verzögerung bei weiteren Zulassungen, verliert Bayer sein wichtigstes Gegenargument zu den Belastungen aus dem Kerngeschäft.
Der nächste konkrete Prüfstein ist die für den 14. September 2026 terminierte gerichtliche Anhörung zur endgültigen Genehmigung des Glyphosat-Sammelvergleichs – ein Termin, der unabhängig von der Kerendia-Entwicklung über die rechtliche Restunsicherheit des Konzerns entscheidet.
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