Ein Bericht der Financial Times bringt Bewegung in die deutsche Chemiebranche: BASF soll sich bei Evonik und dessen Großaktionär RAG-Stiftung nach einer möglichen Übernahme erkundigt haben. Bloomberg legt nach und berichtet, der Ludwigshafener Konzern sondiere bereits seit mehreren Monaten mit Beratern einen Deal. Die Marktreaktion fällt deutlich aus.
Aktie unter Druck, Evonik im Höhenflug
BASF-Aktien gaben am Freitagnachmittag spürbar nach, zeitweise um mehr als drei Prozent. Evonik-Papiere legten dagegen kräftig zu, mit Kurssprüngen von bis zu elf Prozent. Bereits am Dienstag hatte das Fachmedium Dealreporter über ein mögliches BASF-Interesse berichtet — seither zieht der Evonik-Kurs sukzessive an.
Die unterschiedliche Reaktion ist typisch für solche Situationen: Der potenzielle Übernehmer trägt das Risiko und die Finanzierungslast, das Zielunternehmen profitiert von der Übernahmefantasie.
Mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 8 Milliarden Euro und einem Unternehmenswert von rund 12 Milliarden Euro inklusive Nettoverschuldung wäre ein Zusammenschluss der beiden Konzerne, die zusammen zuletzt etwa 74 Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten, eine der größten Transaktionen der Branche seit Jahren.
Weder BASF noch Evonik oder die RAG-Stiftung, die laut Unternehmensangaben 43 Prozent an Evonik hält, wollten die Berichte kommentieren.
Strategisches Kalkül in der Branchenkrise
Der Vorstoß fällt in eine Phase, in der die deutsche Chemieindustrie unter stark gestiegenen Energiekosten infolge des Konflikts im Nahen Osten leidet — teils kompensiert durch Produktknappheiten und steigende Verkaufspreise. Ein Zukauf von Evonik würde BASF laut Berichten helfen, den regionalen Fußabdruck und die Produktpalette auszubauen, um im Wettbewerb mit chinesischen Anbietern besser bestehen zu können.
Beide Unternehmen befinden sich mitten im Umbau. BASF hat zwischen Januar 2024 und Ende Juni 2026 weltweit rund 7.000 Stellen abgebaut, den Großteil des Autolack-Geschäfts an den Finanzinvestor Carlyle verkauft und bereitet den Börsengang der Agrarsparte vor.
Bei Evonik sollen bis Ende 2029 weitere 3.200 Stellen wegfallen, das unprofitable Polyester-Geschäft wird eingestellt. Firmenchef Christian Kullmann fehlt derzeit krankheitsbedingt, vertreten wird er von Asien-Chef Claus Rettig.
Die Analysten-Kursziele für BASF liegen zwischen 40 und 63 Euro — eine Spanne, die zeigt, wie unterschiedlich der Markt die Aussichten des Konzerns bewertet, selbst ohne die neue Übernahmefantasie einzupreisen. Ob aus den Sondierungsgesprächen ein konkretes Angebot wird, ist offen. Die Haltung der RAG-Stiftung dürfte dabei den Ausschlag geben.
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