Pascal Soriot hat vergangene Woche noch gesagt, er brauche „keine Übernahme”, um bis 2030 auf 80 Milliarden Dollar Umsatz zu kommen. Wenige Tage später berichtet die Financial Times, dass Astrazeneca seit Monaten Gespräche über eine Kombination mit Bristol-Myers Squibb führt. Das ist entweder ein bemerkenswerte Kehrtwende oder der CEO hat mit seiner Aussage von dem ablenken wollen, was tatsächlich hinter den Kulissen lief.
400 Milliarden Dollar, wenn alles klappt
Die Zahlen sind eindrucksvoll. AstraZeneca bringt rund 264 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung auf die Waage, BMS gut 133 Milliarden. Zusammen käme man auf knapp 400 Milliarden Dollar, was das kombinierte Unternehmen zum viertgrößten Pharmakonzern der Welt machen würde. Reuters konnte die FT-Meldung nicht unabhängig bestätigen, schloss sich ihr aber inhaltlich an. Beide Unternehmen schwiegen.
Ob die Gespräche noch laufen, ist unklar. Ein Abschluss könnte bald kommen, könnte sich aber auch verzögern oder ganz scheitern. Das ist die Art von Formulierung, die alles offenlässt und trotzdem Kursphantasie erzeugt.
Onkologie gegen Onkologie
Der eigentliche Knackpunkt liegt im Kerngeschäft beider Häuser. Krebsmedikamente machen bei AstraZeneca rund die Hälfte des Umsatzes aus, bei BMS ist es ähnlich. Konkret konkurrieren Opdivo von BMS und Imfinzi von AstraZeneca direkt im Lungenkrebsmarkt. Evan Seigerman von BMO Capital Markets sieht darin ein ernstes kartellrechtliches Problem, die Überschneidungen könnten die Genehmigungschancen spürbar drücken. Auflagen, Veräußerungen, Verzögerungen, das alles liegt auf dem Tisch.
Und dann ist da noch London
BMS braucht dringend neue Wachstumsquellen, weil wichtige Patente auslaufen und die Generika-Konkurrenz schon in den Startlöchern steckt. AstraZeneca hingegen ist gerade dabei, sich stärker an die USA zu binden: Im Juni kam das Direktlisting an der New Yorker Börse, fast die Hälfte des Umsatzes kommt ohnehin schon aus den Vereinigten Staaten. Eine Fusion mit BMS würde diesen Schwerpunkt weiter verschieben, und in Großbritannien erinnert man sich noch gut daran, was passiert, wenn nationale Champions Richtung Westen wandern. Vor gut zwölf Jahren wehrte AstraZeneca einen Übernahmeversuch von Pfizer ab, damals auch unter erheblichem politischen Druck aus London.
Soriot hat den Aktienkurs seit Amtsantritt vervierfacht. Ob er dieses Kapitel mit dem größten Deal der Pharmageschichte abschließt oder ohne Übernahme zu seinen 80 Milliarden kommt, das hat er vergangene Woche selbst noch offen gelassen.
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