Ein ungeklärter Exportstreit mit den USA und die anstehenden Quartalszahlen treffen bei Asml in dieser Woche aufeinander. Die Aktie schloss am Freitag bei 1.574,20 Euro, ein Minus von 0,51 Prozent auf Tagesbasis und 3,30 Prozent auf Wochensicht. Anleger positionieren sich vor der Bilanz am Mittwoch — und vor einer Anschuldigung aus Washington, die seit Wochen unbeantwortet im Raum steht.
Vorwürfe ohne Beweise
Mitte Juni warnte US-Handelsminister Howard Lutnick die ASML-Führung. Eine der hochmodernen Lithografie-Maschinen des Konzerns könnte demnach nach China gelangt sein. Das würde gegen US-Exportkontrollen verstoßen. Bloomberg berichtete am 19. Juni unter Berufung auf Insider, Lutnick habe seine Bedenken zu den EUV-Maschinen direkt gegenüber ASML-Managern geäußert.
ASML weist die Vorwürfe entschieden zurück. Das Unternehmen erklärte, es habe niemals eine EUV-Maschine nach China geliefert — auch keine Komponente, die speziell für solche Maschinen entwickelt wurde. Als Argument führt ASML die schiere Größe der Anlagen an: Eine EUV-Maschine ist etwa so groß wie ein Schulbus, wiegt rund 180 Tonnen und benötigt permanente Wartung vor Ort.
US-Regierungsvertreter behaupten dagegen, Beweise für den Versand von EUV-Komponenten und Transportausrüstung nach China zu besitzen. Vorgelegt haben sie diese Beweise bisher nicht — weder gegenüber Bloomberg noch, soweit bekannt, gegenüber ASML selbst. Der Streit bleibt damit ungelöst, wenn CEO Christophe Fouquet und CFO Roger Dassen am Mittwoch erstmals offiziell zur Compliance-Haltung des Konzerns Stellung nehmen müssen.
Sektor gerät ins Wanken
Die Aktie geriet zuletzt auch durch Branchenturbulenzen unter Druck. Anfang der Woche fiel der Kurs kurzzeitig auf rund 1.569 Euro, nachdem vorläufige Quartalszahlen von Samsung Electronics zwar solide ausfielen, aber die hohen Markterwartungen verfehlten. Die Reaktion traf asiatische Chip-Aktien hart und schwappte auf europäische Halbleiterwerte über.
Trotz der Turbulenzen bleiben Analysten optimistisch. Bernstein-Analyst David Dai hob sein Kursziel an und rechnet nun mit 91 ausgelieferten EUV-Systemen im Jahr 2027 und 113 im Jahr 2028. Auch Deutsche Bank, Morgan Stanley und Susquehanna zogen ihre Kursziele in den vergangenen Handelstagen nach oben.
Charttechnik vor der Bilanz
Nach dem Schlusskurs vom Freitag notiert ASML rund 6,5 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 1.477,77 Euro. Zum Rekordhoch von 1.748 Euro vom 30. Juni fehlen knapp zehn Prozent. Die auf 30 Tage annualisierte Volatilität von 64,27 Prozent zeigt: Der Markt stellt sich auf einen Bericht mit hohem Ausschlagpotenzial ein. Der RSI von 51,1 Punkten signalisiert dagegen eine neutrale Ausgangslage.
Bestellbücher im Blick
ASML legt die Zahlen zum zweiten Quartal am Mittwoch, den 15. Juli, vor Börsenöffnung vor. Im Zentrum des Interesses stehen der Auftragsbestand und die Netto-Bestelleingänge. Dazu kommt die Frage, wie sich die Adoption der neuen High-NA-EUV-Plattform entwickelt — TSMC soll deren Einführung wegen der hohen Kosten verzögert haben.
Die eigene Prognose hat ASML im Jahresverlauf mehrfach angehoben. Für 2026 rechnet der Konzern nun mit einem Gesamtumsatz zwischen 36 und 40 Milliarden Euro, bei einer Bruttomarge von 51 bis 53 Prozent. Bank of America geht davon aus, dass das Auftragsbuch für 2027 bis zur Vorlage der Quartalszahlen praktisch ausverkauft sein dürfte. Das könnte den Fokus der Investoren bereits auf das Gewinnpotenzial für 2028 lenken.
Bedeutsam wird der Termin auch für den gesamten Sektor: Kurz nach ASML meldet TSMC eigene Quartalszahlen — ein wichtiger Indikator für die tatsächliche Nachfrage nach der neuen High-NA-Technologie.
Die Aktie hat seit Jahresbeginn knapp 59 Prozent zugelegt, auf Zwölfmonatssicht sogar rund 129 Prozent. Ob sich die Rekordjagd fortsetzt, entscheidet sich am Mittwoch an zwei Fronten gleichzeitig: an den nackten Bestellzahlen und an der Antwort des Managements auf die China-Vorwürfe.
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