Ein Gesetzentwurf im US-Kongress könnte Asml mehr kosten als jede bisherige Exportbeschränkung. Der niederländische Chipausrüster hat gerade erst seine Jahresprognose angehoben. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob strengere US-Regeln gegen China einen Teil dieser optimistischen Zahlen wieder auffressen.
Die Aktie schloss am Freitag bei 1.628,00 Euro. Das liegt 6,86 Prozent unter dem Rekordhoch von 1.748,00 Euro vom 30. Juni, aber satte 64,73 Prozent über dem Jahresstart. Der Kurs handelt komfortabel über allen wichtigen gleitenden Durchschnitten, der RSI von 54,6 zeigt weder Überkauft- noch Überverkauft-Signale.
Höhere Prognose, ungelöste Gesetzesfrage
Im April meldete ASML überraschend starke Erstquartalszahlen. Der Konzern hob daraufhin seine Umsatzprognose für 2026 auf eine Spanne von 36 bis 40 Milliarden Euro an. Treiber ist die Nachfrage aus dem KI-Boom.
Finanzchef Roger Dassen dämpfte die Euphorie zugleich mit einer Warnung. Lieferkettenprobleme und mögliche neue China-Beschränkungen zählen zu den zentralen Risiken. Der US-Kongress berät aktuell über den sogenannten „MATCH Act“ — noch ist das Gesetz nicht verabschiedet, sein Ausgang gilt als offen.
Analysten wissen bislang nicht einmal, ob das Gesetz alle DUV-Systeme treffen würde. Möglich wäre auch, dass es lediglich bestehende Beschränkungen für bestimmte DUV-Immersionssysteme verlängert. ASML kalkuliert bereits mit Erosion: Das Unternehmen rechnet für dieses Jahr noch mit einem China-Anteil von 20 Prozent am Umsatz. Sollten die Beschränkungen kommen, könnte das die Erlöse Richtung untere Prognosespanne drücken.
Die entscheidende Frage
Alles hängt an einem Punkt: Kommt der MATCH Act in einer Form durch, die über die bereits eingeschränkten DUV-Immersionssysteme hinausgeht? Und falls ja — wie viel des wegfallenden China-Geschäfts fangen steigende Bestellungen aus Korea, Taiwan und anderen Märkten auf?
Bullen-Szenario: Die Nachfrage überholt das Angebot
Das optimistische Lager argumentiert mit einem simplen Fakt: Die Chip-Nachfrage übersteigt aktuell ASMLs Lieferfähigkeit. Kunden beschleunigen deshalb ihre Kapazitätspläne für 2026 und darüber hinaus, gestützt durch langfristige Lieferverträge. In den vergangenen Monaten haben Kunden ihre kurz- und mittelfristigen Bedarfsprognosen sogar nach oben korrigiert.
Operativ zahlt sich das für ASML aus. Dassen zufolge soll der Konzern 2026 rund 60 seiner meistverkauften Low-NA-EUV-Systeme ausliefern können — ein Plus von 25 Prozent gegenüber 2025. Für 2027 stehen sogar 80 Systeme in Aussicht.
Speicherchip-Hersteller treiben das Geschäft besonders an. Im ersten Quartal entfielen 51 Prozent der Neuverkäufe auf Speicherchips, nach 30 Prozent im Quartal davor. Südkoreanische Chiphersteller bauen massiv Kapazitäten aus: Südkorea allein steuerte 45 Prozent des Quartalsumsatzes bei, Taiwan weitere 23 Prozent.
Die Investmentbank BofA Securities bleibt bei „Buy“ und verweist auf steigende Immersionslithografie-Nachfrage und wachsende EUV-Kapazität. Die Analysten sehen sogar Potenzial für höhere Ertragskraft bis 2027. Sollten nicht-chinesische Märkte die verlorene Nachfrage weiter kompensieren, könnte die angehobene Prognose für 2026 halten — oder sich sogar als zu vorsichtig erweisen.
Bären-Szenario: Der geopolitische Schatten
Das Risiko liegt nicht nur im Umfang möglicher Beschränkungen, sondern auch im Margendruck, der schon ohne neues Gesetz droht. ASML rechnet für 2026 mit einem Rückgang des China-Anteils auf rund 20 Prozent, nach etwa 33 Prozent im Jahr 2025. Grund sind Exportkontrollen und eine allgemeine Normalisierung der Nachfrage. Analysten schätzen, dass ein Fortschreiten des MATCH Act den Umsatz im niedrigen einstelligen Prozentbereich drücken und den Gewinn je Aktie um bis zu 10 Prozent schmälern könnte.
Entscheidend ist die Reichweite des geplanten Gesetzes. Es würde ASML härter treffen als bisherige Beschränkungen — nicht nur Neuverkäufe wären betroffen, sondern auch das margenstarke Servicegeschäft in China.
Die Investmentbank Jefferies warnt zudem vor einer anderen Gefahr: Der Markt könnte einen Großteil der guten Nachrichten bereits eingepreist haben. Die Schätzungen dürften zwar noch leicht Richtung oberes Ende der neuen Prognosespanne steigen, doch die Bewertungsmultiplikatoren dürften sich schrittweise abschwächen. Das würde das Kurspotenzial nach oben begrenzen.
Selbst ASMLs eigene Führung warnt vor unbeabsichtigten Folgen strengerer Kontrollen. Je härter die Beschränkungen, desto größer das Risiko für westliche Firmen selbst: gestörte Lieferketten und ein beschleunigter Drang Chinas zur technologischen Unabhängigkeit. Bei einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von 62,82 Prozent könnte jede Zuspitzung im Gesetzgebungsprozess zu heftigen Kursausschlägen führen — in beide Richtungen.
Ausblick
Solange die KI-getriebene Nachfrage aus Korea, Taiwan und anderen Nicht-China-Märkten die schwebende Gesetzesfrage überwiegt, bleibt der Kurs oberhalb seiner 50- und 100-Tage-Durchschnitte im Rennen. Das bisherige Rekordhoch nahe 1.748 Euro rückt dann wieder in Reichweite. Nimmt der MATCH Act hingegen in breiter Form Fahrt auf und erfasst auch das Servicegeschäft, gewinnt das Bären-Szenario an Gewicht — der Kurs könnte dann zurück Richtung 100-Tage-Durchschnitt bei 1.321,70 Euro fallen oder tiefer.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Quartalsbericht zum zweiten Quartal 2026. Dort wird sich zeigen, ob das Management an der Spanne von 36 bis 40 Milliarden Euro festhält oder sie nach unten korrigiert — und ob aus Washington neue Klarheit zum Zeitplan des Gesetzes kommt.
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