Wenn ein Unternehmen seine Jahresprognose binnen weniger Monate zum zweiten Mal anhebt, ist das selten Zufall. Bei Asml steckt dahinter ein Nachfrageschub, der selbst das Management überrascht zu haben scheint. Der niederländische Lithografiespezialist meldete am Mittwoch Quartalszahlen, die deutlich über den Erwartungen lagen — und schraubte gleichzeitig an der Kapazitätsplanung.
Prognose kräftig nach oben korrigiert
ASML rechnet nun mit einem Jahresumsatz zwischen 43 und 45 Milliarden Euro, bei einer Bruttomarge von 54 bis 56 Prozent. Noch vor wenigen Monaten hatte der Konzern lediglich 36 bis 40 Milliarden Euro und eine Marge von 51 bis 53 Prozent in Aussicht gestellt. Die Aktie reagierte prompt: Zur Eröffnung ging es um mehr als 7 Prozent nach oben, im Handelsverlauf pendelte sich das Plus bei 4,4 Prozent ein. Seit Jahresbeginn hat das Papier damit rund 115 Prozent zugelegt.
Vorstandschef Christophe Fouquet sprach von einem „extrem starken“ Auftragseingang im ersten Halbjahr. Die Kunden würden ihre Kapazitätspläne weiter beschleunigen — ASML reagiert darauf mit einem Ausbau der eigenen Fertigung: Sowohl die Kapazität für Low-NA-EUV-Systeme als auch für DUV-Immersionsanlagen soll 2026 um jeweils 30 Prozent steigen. Möglich wird das unter anderem durch optimierte Reinraumflächen am Stammsitz in Veldhoven sowie beschleunigte Auslieferungen.
Der Rückenwind kommt nicht allein aus dem eigenen Haus. Großkunde TSMC vermeldete zuletzt einen Umsatzsprung von 68 Prozent im Juni und treibt den Ausbau fortschrittlicher Chip-Verpackungswerke in Taiwan voran — ein Signal dafür, wie tief die KI-getriebene Investitionswelle in der Lieferkette wirkt.
Bewertung und China-Risiko bleiben Streitpunkte
Barclays bestätigte nach den Zahlen die Einstufung „Overweight“ mit einem Kursziel von 2.000 Euro und verwies auf einen Rekord-Auftragseingang bei EUV-Systemen im ersten Halbjahr. Nicht alle Stimmen sind jedoch gleichermaßen euphorisch. Morningstar-Analyst Javier Correonero hält die Aktie bei einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 50 für die kommenden zwölf Monate für tendenziell überbewertet — ein Niveau, das an die Höchststände während der Corona-Pandemie erinnert. Sein fairer Wert liegt eher bei einem Multiple von 35 bis 40.
Ein politisches Risiko bleibt zudem ungelöst: Im April hatte ein Gesetzesvorschlag US-amerikanischer Abgeordneter, der ASML-Verkäufe von DUV-Maschinen nach China unterbinden würde, die Aktie zeitweise um 6 Prozent einbrechen lassen. Das Verfahren durchläuft weiterhin den US-Gesetzgebungsprozess. ASML selbst geht davon aus, dass China auch in diesem Jahr rund 20 Prozent des Konzernumsatzes stellen wird. Finanzchef Roger Dassen beschrieb das Verhalten der chinesischen Kunden als im Einklang mit dem globalen Bestellmuster — von einer Sonderdynamik will er nicht sprechen.
Einen tieferen Einblick in die langfristige Strategie will ASML beim Capital Markets Day am 10. Juni 2027 geben. Bis dahin bleibt die zentrale Frage, wie viel von der aktuellen Bestelldynamik tatsächlich in belastbare Lieferungen umgesetzt wird — und wie stark politische Exportbeschränkungen das China-Geschäft am Ende noch einschränken.
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