Ausgangslage
Heute um 13 Uhr deutscher Zeit beginnt am Apple Park die Produktveranstaltung „Surprise and Shine“ — die erste große Keynote unter Führung von John Ternus, der zum 1. September die CEO-Rolle von Tim Cook übernommen hat. Im Zentrum steht die Markteinführung eines faltbaren iPhones, das je nach Bericht rund 2.000 Dollar kosten soll.
Für Anleger ist das mehr als ein weiteres Produkt-Update: Es ist der erste Beweis, ob Apple unter neuer operativer Führung ein komplett neues Geräteformat erfolgreich in Serie bringen kann. Der Aktienkurs notiert aktuell bei 269,40 Euro und damit rund 11 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 301,80 Euro — der Markt preist die heutigen Ankündigungen offenkundig noch nicht als Selbstläufer ein.
Die entscheidende Frage
Die zentrale Kennzahl, an der sich alles entscheidet, ist die Produktionsausbeute des faltbaren iPhones — und damit verbunden die Frage, wie viele Einheiten Apple im laufenden und im kommenden Halbjahr tatsächlich liefern kann.
Morgan Stanley-Analyst Erik Woodring bezeichnete das Falt-iPhone bereits Anfang September als „folgenreichsten“ Launch seit dem iPhone X und rechnete mit einem Umsatzbeitrag von rund 14 Milliarden Dollar allein im Dezember-Quartal, gestützt auf eine Produktion von 7 bis 8 Millionen Einheiten im zweiten Halbjahr 2026 und bis zu 20 Millionen im ersten vollen Produktzyklus.
Citi kalkulierte trotz des hohen Preispunkts mit 7,3 Millionen verkauften Einheiten. Diese Schätzungen stehen jedoch im Widerspruch zu Warnsignalen aus der Lieferkette: Apple selbst hatte beim Quartalsbericht Ende Juli von einer sich im September-Quartal deutlich verschärfenden Angebotsknappheit bei fortschrittlichen Chip-Fertigungskapazitäten gesprochen, die iPhone, Mac und iPad gleichermaßen betreffe.
CFO Kevan Parekh sprach von einer „100-Jahre-Flut“ bei den Speicherkosten, die Apple gezwungen habe, Preise bei iPad und Mac trotz eigenen Widerwillens anzuheben.
Bullisches Szenario
Gelingt der Produktionshochlauf wie von Morgan Stanley skizziert, hätte Apple mit dem Falt-iPhone einen neuen margenstarken Wachstumstreiber, der die im Juli gemeldete Dynamik fortschreibt: Im dritten Fiskalquartal war der iPhone-Umsatz bereits um 22 Prozent auf 54,3 Milliarden Dollar gestiegen, der Konzernumsatz insgesamt um 16 Prozent auf 109,4 Milliarden Dollar.
HSBC hatte Mitte Juli mit Verweis auf eine neu ausgerichtete, agentenbasierte Siri-KI und eine im Vergleich zu Hyperscalern extrem kapitaleffiziente Investitionsquote von nur 2,5 Prozent des Jahresumsatzes ein Kursziel von 366 Dollar ausgegeben.
Setzt sich diese Lesart durch, dürfte der aktuelle Kursabschlag zum Jahreshoch als Kaufgelegenheit im Vorfeld eines mehrjährigen Produktzyklus gewertet werden – inklusive weiterer Formfaktoren wie einem iPhone Air und perspektivisch einer Datenbrille.
Bärisches Szenario
Die Gegenseite ist ebenso ernst zu nehmen. Jefferies-Analyst Edison Lee stufte Apple bereits Anfang August auf „Underperform“ herab und senkte das Kursziel auf 263,66 Dollar, was einem Abwärtspotenzial von rund 16 Prozent entsprach.
Seine Lieferketten-Checks deuteten darauf hin, dass Apple ein geplantes All-Glas-iPhone wegen niedriger Fertigungsausbeute gestrichen habe — ein Präzedenzfall, der Zweifel an der Skalierbarkeit auch des Falt-Modells nährt. Verschärfend kommen steigende Speicherkosten hinzu, die den Einstiegspreis über die 2.000-Dollar-Marke treiben und die Nachfrage bremsen könnten.
KeyBanc-Analyst Brandon Nispel ging Mitte Juli noch weiter und stufte die Aktie auf „Underweight“ mit Kursziel 250 Dollar herab, gestützt auf eigene Ausgabendaten, die im Juni einen Rückgang der Apple-Kundenausgaben von 2 Prozent gegenüber dem Vormonat zeigten — deutlich schwächer als der Dreijahresdurchschnitt von 9 Prozent. Zudem bauen die großen US-Mobilfunkanbieter Verizon, AT&T und T-Mobile ihre Gerätesubventionen ab, was Umstiegszyklen zusätzlich verlangsamen dürfte.
Ausblick
Solange Apple die von Morgan Stanley skizzierten Produktionsvolumina beim Falt-iPhone tatsächlich erreicht und die Lieferkettenengpässe sich im Rahmen der eigenen Prognose bewegen, bleibt das bullische Szenario mit Kurszielen deutlich über dem aktuellen Niveau intakt.
Kippt dagegen die Fertigungsausbeute — wie beim gestrichenen All-Glas-Modell bereits geschehen — oder eskalieren die Speicherkosten den Einstiegspreis weiter nach oben, dürfte sich die skeptischere Lesart von Jefferies und KeyBanc bestätigen.
Der nächste harte Datenpunkt ist die für das September-Quartal in Aussicht gestellte Umsatzspanne von 9 bis 11 Prozent Wachstum bei einer Bruttomarge von 47 bis 48 Prozent, die Apple bei seiner nächsten Quartalsvorlage berichten wird. Bis dahin dürfte der heutige Produktreveal selbst als erster Stimmungstest dienen, ob Anleger den Fertigungssorgen oder den Wachstumsversprechen mehr Gewicht geben.
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