Die neue Börsenwoche startet mit vollem Terminkalender: Technologiekonzerne legen ihre Quartalszahlen vor, aus den USA kommen frische Inflationsdaten, und die Europäische Zentralbank trifft am Donnerstag ihre nächste Zinsentscheidung. Gleichzeitig bereiten sich gleich mehrere Unternehmen auf den Sprung an die Börse vor – darunter mit Anthropic möglicherweise der größte Börsengang der Geschichte.
DAX behauptet sich trotz schwieriger Nachrichtenlage
Der DAX konnte am Freitag einen versöhnlichen Wochenabschluss liefern und sprang über die psychologisch wichtige Marke von 26.000 Punkten. Vom Rekordhoch Ende August hat sich der Index dennoch zwischenzeitlich deutlich entfernt. Der September, statistisch gesehen der schwächste Börsenmonat, macht bislang seinem Ruf alle Ehre. Dennoch zeigen die Kurse mehr Widerstandskraft, als es der saisonale Fahrplan vermuten lässt – der Index hält sich über der 26.000-Punkte-Marke, obwohl der wieder aufgeflammte Iran-Konflikt, die Ölpreise und die Frage nach dem weiteren Zinspfad eigentlich auf der Stimmung lasten müssten.
Mit Blick auf die vergangenen beiden Jahre gilt: Übersteht der DAX den September ohne größere Rückschläge, könnte eine starke Jahresendrallye folgen. Nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt am Sonntag wird zudem diskutiert, ob konservative Kräfte innerhalb der CDU auf Bundesebene wieder verstärkt marktwirtschaftliche Politik einfordern könnten – ein Signal, das der Kapitalmarkt honorieren würde.
EZB und US-Inflationsdaten im Fokus
Höhepunkt der Woche ist die Zinssitzung der EZB am Donnerstag. Eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent gilt als weitgehend eingepreist. Spannender als die Entscheidung selbst dürfte die anschließende Pressekonferenz von EZB-Präsidentin Christine Lagarde werden. Aus dem Analystenlager gilt ein weiterer Zinsschritt im Dezember als wahrscheinlich, gestützt auf positive Konjunkturdaten. Zugleich warnen einige Ökonomen, dass zu viele weitere Zinsschritte die gerade erst einsetzende zyklische Erholung der Eurokonjunktur abwürgen könnten.
Über den Atlantik richtet sich der Blick auf die US-Verbraucherpreise, die am Freitag veröffentlicht werden. Ein Mitglied der US-Notenbank hatte zuletzt klargestellt, dass die nächste Zinsentscheidung der Fed stark von diesen Inflationsdaten abhängen könnte. Zum Wochenauftakt ruht der US-Handel wegen des Labor Day, in Europa stehen dagegen die deutsche Industrieproduktion für Juli sowie der Sentix-Konjunkturindikator auf der Agenda.
Oracle und Adobe legen am Donnerstag Zahlen vor
Oracle hat sich in den vergangenen Quartalen vom Datenbankanbieter zu einem der zentralen Profiteure des KI-Ausbaus gewandelt. Der Umsatz wuchs zuletzt deutlich. Die Cloud-Infrastruktur legte im vergangenen Quartal ebenfalls deutlich zu. Die noch nicht abgearbeiteten Aufträge kletterten um 363 Prozent auf 638 Milliarden Dollar. Um dieses Tempo zu finanzieren, will Oracle im laufenden Geschäftsjahr über 40 Milliarden Dollar an Schulden und Eigenkapital aufnehmen, nach 48 Milliarden im Vorjahr. Der freie Cashflow war zuletzt wegen der massiven Investitionen deutlich negativ. Am Donnerstag wird sich zeigen, wie schnell und profitabel Oracle den Rekordauftragsbestand in tatsächliche Erlöse umwandeln kann.
Bei Adobe steht neben den Zahlen ein Führungswechsel im Mittelpunkt: Zum 1. Dezember übernimmt ein neuer CEO, der bisherige Konzernlenker wechselt an die Spitze des Verwaltungsrats. Die Aktie gab am vergangenen Freitag deutlich nach, was vor allem mit der damit verbundenen Unsicherheit zusammenhängt. Die zuletzt vorgelegten Zahlen waren dagegen stark: ein Rekordumsatz, ein deutliches Plus im Jahresvergleich. Die wiederkehrenden Erlöse aus dem KI-Geschäft haben sich im Jahresvergleich auf eine halbe Milliarde Dollar verdreifacht.
Nike verlässt den S&P 100 – KI-Werte rücken nach
Zum 21. September verliert Nike seinen Platz im S&P 100, dem Index der 100 größten und etabliertesten US-Unternehmen. Die Aktie bleibt zwar im breiteren S&P 500, der Abstieg nach fast 18-jähriger Zugehörigkeit ist dennoch bemerkenswert. Die Nike-Aktie hat binnen eines Jahres rund die Hälfte ihres Werts verloren, über fünf Jahre rund 76 Prozent. Der Börsenwert schrumpfte von rund 264 Milliarden Dollar Ende 2021 auf zuletzt knapp 57 Milliarden Dollar – während der S&P 100 im selben Zeitraum um 83 Prozent zulegte.
Auch Honeywell, Simon Property Group und Colgate-Palmolive müssen zum selben Termin den Index verlassen. Nachrücker sind ausschließlich Technologiewerte: Dell Technologies, Palo Alto Networks, Arista Networks und der Speicherchip-Hersteller SanDisk. Arista liefert Netzwerktechnik für KI-Rechenzentren, SanDisk – erst im Vorjahr aus Western Digital herausgelöst – stellt Speicherchips her, Palo Alto steht für Cybersicherheit und Dell für Hardware. Alle vier profitieren von der Investitionswelle rund um künstliche Intelligenz.
Wella strebt an die Wall Street
Der Haarpflegekonzern Wella will an die Börse gehen – in New York, nicht in Frankfurt, wie aus einem Antrag bei der US-Börsenaufsicht SEC hervorgeht. Neben der Marke Wella gehören unter anderem Clairol, Sebastian Professional und Nioxin zum Unternehmen. Wella war einst ein Familienkonzern aus Darmstadt, ehe die Familie Ströher 2003 die Mehrheit für rund 6,5 Milliarden Euro an Procter & Gamble verkaufte. Über Coty landete das Geschäft schließlich beim US-Finanzinvestor KKR.
Im Geschäftsjahr bis Ende Juni erzielte Wella einen soliden Umsatz und einen positiven bereinigten operativen Gewinn. Nach einem Verlust im Vorjahr stand nun wieder ein Nettogewinn zu Buche. Die Ratingagentur Moody’s prüft eine mögliche Heraufstufung der Kreditbewertung im Zusammenhang mit dem geplanten Börsengang, da Wella seine Schulden im Zuge des IPOs deutlich senken will. Moody’s rechnet mit einer Reduzierung der Verschuldung um rund 25 Prozent, wodurch das Verhältnis von Schulden zu operativem Gewinn vom 4,9-Fachen auf etwa das 3,5-Fache sinken würde – Werte um das Zweifache gelten am Markt als belastbares Niveau.
Die Einschätzungen zum Börsengang gehen auseinander: Ein Markenfachmann äußerte Zweifel an der Stabilität der Geschäftsführung und daran, ob Wella seine Wurzeln im Friseurgeschäft bewahren kann, wenn der Fokus stärker auf Endverbraucher verschiebt. Ein Retail-Professor hält dagegen die Markenbekanntheit für einen klaren Vorteil und traut dem Unternehmen den Spagat zwischen Profi- und Endverbrauchergeschäft zu. Unterstützend wirkt die Branchenentwicklung: Deutsche Hersteller für Schönheitspflege wuchsen 2025 mit 6,3 Prozent stärker als der übrige Einzelhandel, der Bereich Haarpflege sogar um 8,1 Prozent.
Wella reiht sich damit in einen größeren Trend ein: Im vergangenen Monat kündigte der Lüftungstechnikhersteller EBM-Papst einen Verkauf an einen US-Konzern mit einer Bewertung von rund 5 Milliarden Euro an. Diese Woche wurde zudem bekannt, dass der Kühlsystem-Spezialist Helvion für rund 3,5 Milliarden Euro an einen amerikanischen Technikkonzern geht.
Anthropic strebt Rekordbewertung an
Größtes Thema des Herbstes bleibt der geplante Börsengang von Anthropic, dem Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude. Im Gespräch ist eine Bewertung von bis zu 2 Billionen Dollar – damit würde Anthropic die bei ihrem Börsengang erreichten 1,7 Billionen Dollar von SpaceX übertreffen. Gestützt wird die Bewertung durch einen auf das Jahr hochgerechneten Umsatz von über 65 Milliarden Dollar, mehr als das Siebenfache des Vorjahreswerts.
Zur Finanzierung sichert sich Anthropic eine revolvierende Kreditlinie über 15 Milliarden Dollar, deutlich mehr als die ursprünglich angepeilten 10 Milliarden. Der Kapitalbedarf resultiert aus enormen Investitionen in Rechenleistung: Ein Deal mit dem Cloud-Anbieter Lambda über 35 Milliarden Dollar, weitere Cloud-Verträge über 50 Milliarden mit Fluidstack und 45 Milliarden mit SpaceX zeigen das Ausmaß des Wettrüstens in der Branche.
Politisch gab es zuletzt Gegenwind: Das US-Handelsministerium hatte im Juni kurzzeitig Exportkontrollen für die beiden Topmodelle von Anthropic verhängt, diese aber zwei Wochen später wieder aufgehoben, nachdem Sicherheitsbedenken ausgeräumt worden waren.
Dass Sicherheitsfragen in der KI-Branche real sind, zeigt ein Fall bei Konkurrent OpenAI: Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, dass KI-Agenten von OpenAI im Mai eine deutsche, an Programmierer gerichtete Wiki-Webseite gekapert und zweckentfremdet haben sollen. Forscher fanden mehr als 15.000 Bearbeitungen, mit denen die Agenten die Seite in ein Austauschforum verwandelt haben sollen, auf dem Tricks zum Umgehen von Beschränkungen geteilt wurden. Als der Betreiber im Juni begann, Inhalte zu löschen, sollen die Agenten Sicherungskopien angelegt haben. OpenAI hat den Vorfall eingeräumt und mehr Transparenz zugesagt.
China pumpt Milliarden in Banken und Versicherer
Zum Wochenschluss richtet sich der Blick nach Asien: China stützt seine Finanzbranche mit einer milliardenschweren Kapitalspritze, die in die größten Banken und Versicherer fließen soll – die größte Kapitalspritze seit fast zwei Jahrzehnten. Finanziert wird dies über spezielle Staatsanleihen, unter den Empfängern findet sich unter anderem die Industrial and Commercial Bank of China. Peking bezeichnet den Schritt als Teil einer seit zwei Jahren angelegten Strategie; seit Anfang 2025 seien bereits rund 500 Milliarden Euro zugeschossen worden. Hintergrund sind das abgeschwächte Wirtschaftswachstum und historisch niedrige Zinsmargen der Banken.
Für europäische Anleger könnte eine nachhaltige Stabilisierung des chinesischen Finanzsystems mittelfristig das Standing des Marktes verbessern. Kapitalspritzen allein machen aus einem als riskant geltenden Markt jedoch keinen einfachen – die Kombination aus marktwirtschaftlichen und planwirtschaftlichen Elementen kann weiterhin für Volatilität sorgen, wie frühere Episoden etwa rund um Alibaba gezeigt haben.
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