Anleihenmärkte belasten Tech-Werte, Novo Nordisk fehlt die Fantasie, und was das KGV wirklich verrät

Broadcom und HPE melden starke Geschäftszahlen, während Novo Nordisk trotz niedriger Bewertung schwächelt. Das KGV braucht zusätzlichen Kontext.

Auf einen Blick:
  • Broadcoms KI-Geschäft mehr als verdreifacht
  • HPE steigert Umsatz und Gewinn
  • Novo Nordisk bleibt im Abwärtstrend
  • KGV allein bewertet Aktien unzureichend

Was ist eine Aktie eigentlich wert? Die Frage klingt banal, ist es aber nicht. In den USA haben zwei der wichtigsten Namen aus dem KI-Boom, Broadcom und Hewlett Packard Enterprise, Rekordzahlen vorgelegt – und trotzdem reagierten die Anleger alles andere als eindeutig. Gleichzeitig steckt ein ehemaliger Börsenstar, Novo Nordisk, in einer Talsohle, obwohl das Unternehmen auf dem Papier günstig aussieht. Beide Fälle werfen dieselbe Grundfrage auf: Woran erkennt man, ob eine Aktie teuer oder billig ist? Die meisten Anleger schauen dafür nur auf eine einzige Kennzahl, das Kurs-Gewinn-Verhältnis – und liegen damit erstaunlich oft daneben.

Die Großwetterlage

Im Hintergrund steht weiterhin der Anleihenmarkt. Der weltweite Ausverkauf bei Anleihen hat sich zur Wochenmitte etwas beruhigt, in Asien haben sich Aktien und Anleihen wieder gefangen, und die Renditen sind ein Stück von ihren Höchstständen zurückgekommen. Die zehnjährige US-Rendite notiert wieder etwas unter der Marke, die zu Wochenbeginn getestet wurde. Von Entwarnung will aber niemand sprechen – das Renditeniveau bleibt hoch, die Nervosität ist geblieben.

Ein neuer Impuls kam über Nacht aus Japan: Der Yen hat kräftig zugelegt, den stärksten Sprung seit rund einem Monat. Hintergrund sind Signale, dass auch die japanische Notenbank ihre Zinsen bald anheben könnte – die Erwartungen dafür wirken konkreter geworden. Das ist relevant, weil selbst in Japan, wo die Zinsen jahrzehntelang bei praktisch null lagen, eine Zinswende die Gewichte am gesamten Weltmarkt verschiebt. Die Zeit des billigen Geldes läuft an vielen Stellen gleichzeitig aus – das ist der Rahmen, in dem sich Aktien derzeit behaupten müssen.

Ein zweiter belastender Faktor ist der Ölpreis. Die Spannungen im Nahen Osten haben zuletzt wieder zugenommen und treiben die Energienotierungen nach oben. Für die Börse ist das heikel, weil höhere Energiekosten die Inflation befeuern – ein Mechanismus, der sich inzwischen so tief in die Marktwahrnehmung eingegraben hat, dass jedes Zucken sofort in Handlungen umgesetzt wird.

Die Aktienmärkte selbst hielten sich zuletzt relativ robust. Der DAX musste nach dem starken Vorlauf der vergangenen Monate zwar weiter Luft ablassen, das gilt aber noch nicht als Grund zur Panik – solange er sich über seinen längerfristigen Durchschnittslinien hält und im Trend bleibt. In den USA hielt sich der breite Markt gut, getragen vor allem von großen Technologiewerten.

Auch die Diskussion über die nächste Zinsentscheidung der US-Notenbank in zwei Wochen bleibt präsent. Die Terminmärkte preisen mit deutlicher Mehrheit eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte ein. Die entscheidende Weiche dürfte jedoch der amerikanische Arbeitsmarktbericht am Freitag stellen: Fällt er schwach aus, könnte die Debatte über ein Stillhalten der Fed zurückkehren, fällt er stark aus, dürften sich die Erhöhungserwartungen weiter verfestigen. Insgesamt bleibt das Umfeld von außen bestimmt – durch Zinsen und Geopolitik. Auf Unternehmensebene sieht das Bild derzeit deutlich positiver aus.

Broadcom: Starke Zahlen, aber Zweifel an der Alleinstellung

Broadcom zählt zu den zentralen Profiteuren des Rechenzentrums-Booms und entwirft Spezialchips für die größten Kunden im KI-Geschäft. Das KI-Chip-Geschäft hat sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdreifacht, der Gewinn je Aktie lag über den Erwartungen, die Margen sind hoch ausgefallen. Auf der Analystenkonferenz stellte das Unternehmen für die kommenden Jahre ein KI-Chip-Geschäft in einer Größenordnung in Aussicht, die vor kurzem kaum jemand für möglich gehalten hätte. Auch der freie Mittelzufluss erreichte einen Rekordwert.

Der besondere Status von Broadcom erklärt sich aus dem Geschäftsmodell: Der Konzern liefert keine Standardchips von der Stange, sondern maßgeschneiderte Beschleuniger für einzelne Großkunden, vorzugsweise Hyperscaler mit eigener KI-Infrastruktur. Solche Spezialentwicklungen sind tief in die Systeme der Kunden eingebaut und lassen sich nicht einfach austauschen – Börsianer sprechen von einem „Burggraben-Geschäft“.

Trotz der starken Zahlen gab die Aktie nachbörslich nach – ein Muster, das bereits von Dell und Palo Alto bekannt ist. Der Ausblick für das laufende Quartal lag nur knapp über den Erwartungen, nicht deutlich darüber. Bei einer Aktie, in der trotz der jüngsten Korrekturphase sehr viel Zukunft eingepreist ist, reicht ein solider Ausblick den Marktteilnehmern offenbar nicht mehr aus.

Zwei Punkte verschärfen den Fall zusätzlich: Erstens gibt es strukturelle Zweifel an der Wachstumsgeschichte, da der wichtigste Kunde Google zuletzt einen Vertrag mit dem Wettbewerber Marvell geschlossen hat – Broadcom steht damit nicht mehr ganz konkurrenzlos an der Spitze. Zweitens ist der Boom eng mit Finanzierungsfragen verwoben: Im Sommer wurde bekannt, dass große Finanzinvestoren einen riesigen Fonds auflegen, um den Bau von Rechenzentren zu bezahlen – initiiert von Nvidia, womit auch Broadcom-Chips finanziert werden sollen. Die Kehrseite: Broadcom könnte im Zweifel für einen Teil dieser Verpflichtungen haften, was bei manchen Marktteilnehmern für Stirnrunzeln sorgt.

Hewlett Packard Enterprise: Rekorde trotzdem mit Kursdruck

Hewlett Packard Enterprise verkauft die Server- und Netzwerktechnik, mit der KI-Rechenzentren gebaut werden. Auch hier gab es überragende Nachfrage: Umsatz und Gewinn erreichten Rekordwerte, das Unternehmen hob seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr an und verkündete eine ausgeweitete Zusammenarbeit mit dem Softwarekonzern Oracle.

Strategisch interessant ist die Übernahme des Netzwerkspezialisten Juniper. Dieses Netzwerkgeschäft hat sich zuletzt am stärksten entwickelt, denn in den riesigen KI-Rechenzentren müssen tausende Chips blitzschnell miteinander kommunizieren – Verkabelung und Netzwerktechnik sind längst kein Nebenschauplatz mehr, sondern ein Muss. Mit dem Zukauf hat sich HPE genau die Sparte gesichert, die vom KI-Ausbau profitiert. Dennoch ging es nach der Berichtsvorlage nachbörslich nach unten, die Aktie testet derzeit die 50-Tage-Linie.

Novo Nordisk: Günstig, aber ohne Fantasie

Novo Nordisk sorgte über viele Monate für Schlagzeilen und steckt nun in einer Talsohle. Die Aktie gilt zwar nicht als teuer, es fehlt aber die Kursfantasie. Diese Woche wurde das Medikament Wegovy in Pillenform in Deutschland verfügbar – eigentlich eine gute Nachricht. Der Kurs erzählt aber eine andere Geschichte: Der Abwärtstrend seit Mai bleibt intakt.

Drei Gründe werden dafür angeführt. Erstens die Konkurrenz: Der amerikanische Rivale Eli Lilly hat derzeit die bessere Abnehmspritze am Markt und wächst deutlich schneller. Zweitens die Pipeline: Novo musste zuletzt Rückschläge verkraften, ein wichtiger Hoffnungsträger fiel in einer Studie durch. Der Vorwurf lautet, das Unternehmen habe es versäumt, sich breiter in andere Therapiebereiche aufzustellen, während die Konkurrenz genau das getan hat. Drittens der Kalender: Novo hat in nächster Zeit wenig eigene Termine, die für neue Kursfantasie sorgen könnten.

Auf den ersten Blick wirkt die Aktie günstig: Das vorausschauende KGV auf die nächsten zwölf Monate liegt bei rund 15, während der Zehnjahresschnitt bei etwa 24 liegt. Ob das die Aktie tatsächlich billig macht, ist eine andere Frage – ein Warnzeichen liefert die Rendite auf das investierte Kapital, die bei Novo seit einigen Jahren rückläufig ist.

Das KGV als Werkzeug – nicht als Urteil

Die Fälle Broadcom, HPE und Novo Nordisk führen zur Kernfrage zurück: Was macht eine Aktie wirklich teuer? Das KGV setzt den Kurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Ein KGV von 20 ist für sich genommen weder teuer noch günstig. Ein Beispiel macht das deutlich: Ein solider, kaum wachsender Versorger und ein Softwarehaus mit 25 Prozent Gewinnwachstum können beide ein KGV von 20 aufweisen – optisch gleich teuer, tatsächlich aber nicht. Beim Softwarehaus wächst der Gewinn so schnell, dass die Kennzahl in zwei bis drei Jahren deutlich niedriger aussehen wird.

Das KGV ist damit eine Momentaufnahme ohne Kontext. Drei Fragen gehören immer dazu: Wie schnell wächst der Gewinn, und rechtfertigt das den Aufschlag? Wie steht der Wert im Vergleich zur eigenen Branche und zur eigenen Historie da? Und was lässt sich risikolos am Anleihenmarkt verdienen? Ein niedriges KGV ist demnach nie automatisch ein Kaufgrund, ein hohes nie automatisch ein Verkaufsgrund – beide sind lediglich der Anfang einer Frage, nicht deren Antwort. Der teuerste Fehler bei der Geldanlage liegt selten im falschen Unternehmen, sondern meist in der falschen Lesart einer einzelnen Zahl.

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