Der September beginnt so, wie es alte Börsenweisheiten befürchten lassen. Gleich am ersten Handelstag rutschten die Kurse in New York, Frankfurt und in der Nacht auf heute auch in Asien ab. Dabei sind es diesmal nicht in erster Linie die Aktienmärkte selbst, die den negativen Ton angeben, sondern der Anleihenmarkt. Dort passiert derzeit etwas, das in dieser Form seit Jahren nicht mehr zu beobachten war – und das strahlt auf alle anderen Anlageklassen aus.
Aktienmärkte geben nach
Der S&P 500 verlor am Dienstag 0,7 %, der Dow Jones gab 0,8 % nach, und beim technologielastigen Nasdaq Composite summierte sich ein Minus von einem Prozent zum Börsenschluss. Das klingt zunächst nicht dramatisch, muss aber eingeordnet werden: Der S&P 500 hatte im August erst ein neues Rekordhoch markiert. Die Märkte starten also von ganz oben in den September, der historisch seit den 1920er-Jahren im Schnitt der schwächste Börsenmonat ist.
In Deutschland fiel der Rückgang deutlicher aus. Der DAX verlor 1,1 %. Von einer echten Korrektur ist zwar noch nicht die Rede, doch sollte das jüngste Zwischentief nicht halten, dürften die gleitenden Durchschnitte wieder ins Gespräch kommen. Besonders hart traf es Werte im MDAX, allen voran die Rüstungstitel RENK, thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) und Hensoldt.
Der Abwärtsdruck setzte sich am Morgen fort: Der japanische Nikkei gab deutlich nach. Auch der DAX zeigte sich in der Vorbörse weiter unter Druck.
Öl und Zinsen als Treiber
Zwei Kräfte stehen hinter der Entwicklung. Erstens der Ölpreis: Die militärische Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Iran ist nach Wochen relativer Ruhe wieder eskaliert. Amerikanische Streitkräfte flogen neue Angriffswellen, Teheran meldete Gegenschläge auf US-Stützpunkte in der Region, in der Straße von Hormus wurden zudem Tanker beschossen. Die Nordseesorte Brent kostet inzwischen über 95 Dollar je Barrel, so viel wie seit Mitte Juni nicht mehr.
Der zweite und möglicherweise wichtigere Faktor sind die weltweit anziehenden Anleihenrenditen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte auf 4,8 %, einen mehrjährigen Höchststand. Entsprechend sind die Wetten auf eine baldige Zinsanhebung durch die US-Notenbank sprunghaft gestiegen – die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im September sprang binnen einer Woche von rund 40 % auf über 65 %.
Nicht alle Branchen leiden gleichermaßen: Der Energiesektor zählte am Dienstag zu den stärksten Gewinnern unter den elf großen S&P-500-Branchen, getragen von den höheren Ölpreisen. Auf der Verliererseite standen zinssensitive und konjunkturabhängige Werte wie Halbleiter. Auffällig auch die Entwicklung beim Gold: Der Preis des eigentlich als sicherer Hafen geltenden Edelmetalls gab deutlich nach, da steigende Realzinsen die relative Attraktivität des zinslosen Goldes schmälern.
Von konjunktureller Seite kommen gemischte Signale. In der US-Industrie zeigten sich im August Schwächen, die Auftragseingänge gingen zurück, blieben aber im expansiven Bereich. In Europa dagegen wuchs das verarbeitende Gewerbe so schnell wie seit vier Jahren nicht mehr, wenngleich von einem niedrigeren Ausgangsniveau aus.
Dell pulverisiert die Erwartungen
Nach einem deutlichen Abschlag im regulären Handel, der der allgemeinen Marktnervosität vor den nachbörslichen Zahlen geschuldet war, legte Dell Quartalsergebnisse vor, die es in sich hatten. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag deutlich über den Erwartungen der Analysten. Im Vorjahresquartal hatte Dell deutlich weniger je Aktie verdient. Auch beim Umsatz gab es eine klare Verbesserung, die über den Erwartungen lag.
Angetrieben wurden die Ergebnisse vom Geschäft mit KI-Servern. Diese Sparte verzeichnete eine Verdopplung des Umsatzes gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragsbestand in diesem Segment erreichte mit 95 Milliarden Dollar einen Rekordwert. Entsprechend hob Dell die Umsatzprognose für das Gesamtjahr kräftig an, von 167 auf 192 Milliarden Dollar.
Die Aktie hatte in der ersten Jahreshälfte eine rasante Rallye hingelegt, zuletzt aber eher seitwärts tendiert – ein Umfeld, in dem der Markt besonders nervös reagiert. Im regulären Handel gab das Papier rund 7 % ab, drehte nach Bekanntgabe der Zahlen aber deutlich: Im außerbörslichen Handel notierte die Aktie rund 10 % im Plus. Dell bleibt damit ein zentrales Investment im Hardware-Segment des KI-Booms, wobei die Bewertung längst kein Schnäppchen mehr darstellt und viel vom künftigen Wachstum bereits eingepreist sein dürfte.
Palo Alto Networks übertrifft Prognosen
Auch Palo Alto Networks lieferte starke Zahlen. Der bereinigte Gewinn lag deutlich über den Erwartungen und über dem Vorjahreswert. Der Umsatz kletterte deutlich und lag damit ebenfalls über den Prognosen. Einschränkend ist zu erwähnen, dass das Wachstum durch die Übernahmen von CyberArk sowie von Chronosphere befeuert wurde. Im regulären Handel verlor die Aktie gut 5 %, nachbörslich drehte die Stimmung und das Papier legte zeitweise um rund 5 % zu – ein Muster, das dem bei Dell ähnelt: Unsicherheit führt zunächst zu Abverkäufen, positive Fakten anschließend zum Aufbau neuer Positionen.
Anleihenmarkt als rote Fahne
Rund um den Globus verkaufen Anleger derzeit langlaufende Staatsanleihen, wodurch die Renditen steigen. Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen kletterte auf über 5,2 %, den höchsten Stand seit 2007. Auch in Deutschland, Japan und Großbritannien erreichen die Renditen Niveaus, die seit Jahren nicht mehr gesehen wurden.
Drei Gründe werden dafür angeführt. Erstens die Inflation, angeheizt durch die Ölpreisentwicklung und den Iran-Konflikt. Zweitens die Sorge um die Staatshaushalte: Anleger verlangen höhere Entschädigung, weil sie den fiskalischen Aussichten vieler Industriestaaten weniger trauen. In den USA türmt sich ein Schuldenberg von fast 40 Billionen Dollar auf, das jährliche Haushaltsdefizit dürfte die Marke von 2 Billionen Dollar deutlich überschritten haben. Liegen die Zinsen über der Wachstumsrate der Wirtschaft, frisst der Schuldendienst einen wachsenden Teil des Staatshaushalts auf.
Drittens leihen sich Technologiekonzerne massiv Geld am Anleihenmarkt. Allein die großen Techfirmen haben in diesem Jahr bereits für rund 200 Milliarden Dollar Anleihen begeben, was das Angebot erhöht und Schuldner zu höheren Zinsen zwingt.
Hinzu kommt die begrenzte Wirkung politischer Maßnahmen. Der amerikanische Finanzminister hatte angekündigt, die Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen zu verdoppeln, um die Kurse zu stützen – ein Volumen von 4 Milliarden Dollar gegenüber einem Schuldenberg von 40 Billionen Dollar, das kaum ins Gewicht fällt. Der Markt fordert stattdessen echte Haushaltsdisziplin.
Die Relevanz für Aktienanleger liegt auf mehreren Ebenen: Erstens im Wettbewerb um Kapital – wirft eine halbwegs sichere Staatsanleihe fast 5 % Rendite ab, braucht es überzeugende Argumente, damit Anleger das höhere Risiko einer Aktie eingehen. Zweitens in der Bewertung: Der Wert einer Wachstumsaktie speist sich aus künftigen Gewinnen, die mit dem Zins abdiskontiert werden – steigt dieser, sinkt der heutige Wert zukünftiger Gewinne. Drittens in der Realwirtschaft: Die Rendite zehnjähriger Anleihen dient als Anker für zahlreiche Kredite, steigende Zinsen verteuern damit Bau- und Firmenfinanzierungen und bremsen die Konjunktur.
Nvidias milliardenschwerer Vorstoß
Im KI-Sektor sorgt eine mögliche Übernahme für Aufsehen: Nvidia steht offenbar vor dem Kauf des KI-Startups Hugging Face, für den ein Kaufpreis genannt wird; der Deal ist bislang nicht bestätigt. Hugging Face gilt als zentraler Marktplatz für KI-Entwickler, auf dem Modelle geteilt werden. Für Nvidia wäre die Übernahme ein strategischer Schritt, um Kontrolle über eine der wichtigsten Drehscheiben der Branche zu erlangen – zumal der Chiphersteller bereits zuvor größter Geldgeber der Plattform war.
Insgesamt zeigt sich: Die Märkte sind von ihrem Rekordniveau abgerutscht, ob daraus eine handfeste Korrektur wird, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung bei Öl und Zinsen ab. Auf Unternehmensseite dominieren mit Blick auf die Quartalszahlen weiterhin positive Ergebnisse, während die Bewertungsfragen durch die Entwicklung am Anleihenmarkt an Gewicht gewinnen.
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