ams OSRAM trennt sich von einem weiteren Randgeschäft. Die Wolfram- und Molybdän-Produktion in Schwabmünchen geht an die The Elmet Group Co., der Abschluss soll im ersten Quartal 2027 erfolgen. Für mich ist das der konsequenteste Schritt, den das Management seit langem gegangen ist – und genau deshalb der eigentliche Test für die These, ob sich die Aktie ihre enorme Kursrally verdient hat.
Ein Konzern räumt auf, und das ist gut so
Wolfram- und Molybdänfertigung hat mit Sensorik, Photonik oder Automotive-Lighting herzlich wenig zu tun. Dass ams OSRAM diese Sparte abgibt, passt zu einer Linie, die sich seit Monaten durchzieht: Im Kontext des zweiten Quartals 2026 verwies das Unternehmen bereits auf abgeschlossene oder unterzeichnete Veräußerungen von Nicht-Opticalsensor- und CMOS-Bildsensor-Geschäften.
Wer glaubt, ams OSRAM sei ein diffuser Mischkonzern, sollte diese Serie von Trennungen ernst nehmen. Unterm Strich entsteht hier ein schlankeres Unternehmen, das sich auf Halbleiter für Licht und Sensorik konzentriert – und genau darauf sollten Anleger ihre Bewertung stützen, nicht auf die Restgröße vergangener Diversifikation.
Die Bilanz spricht für diesen Kurs. Zum zweiten Quartal 2026 wies ams OSRAM einen Cashbestand von rund einer Milliarde Euro und eine Gesamtliquidität von 1,5 Milliarden Euro aus – nach Divestments von 2,1 Milliarden Euro.
Ergänzend platzierte das Unternehmen eine Milliarde Euro neue Senior Notes zu 7,25 Prozent. Das ist kein günstiger Zins, aber er zeigt, dass der Kapitalmarkt dem Konzern nach der Restrukturierung wieder Vertrauen schenkt. Für mich überwiegt hier die Erleichterung über die gewonnene Flexibilität den Ärger über die Finanzierungskosten.
Zahlen, die die Story stützen
Operativ liefert ams OSRAM derzeit, was die Story braucht. Umsatz und bereinigtes EBITDA lagen im zweiten Quartal am oberen Ende der eigenen Prognose, bei einem Umsatz von 805 Millionen Euro und einem bereinigten EBITDA von 136 Millionen Euro.
Für das dritte Quartal 2026 stellt das Management einen Umsatz zwischen 770 und 870 Millionen Euro sowie eine bereinigte EBITDA-Marge von 16,0 Prozent plus/minus 1,5 Prozentpunkte in Aussicht. Das ist keine Euphorie-Guidance, sondern eine solide, nachvollziehbare Fortschreibung – und genau das schätze ich an diesem Management: keine Luftschlösser, sondern Zahlen, die sich an der Realität orientieren.
Noch aussagekräftiger finde ich die Design-Wins: Mehr als 1,6 Milliarden Euro allein im zweiten Quartal, rund 2,5 Milliarden Euro im ersten Halbjahr. Design-Wins sind Vorlaufindikatoren – sie zeigen, welche Umsätze in den kommenden Jahren in die Bücher kommen. Wer der Aktie vorwirft, sie sei nur auf Kostensenkung und Portfolio-Bereinigung aufgebaut, übersieht diese Zahl.
Die Messeauftritte als Beleg für operative Substanz
Parallel zur Restrukturierung zeigt ams OSRAM auf der Automechanika Frankfurt vom 8. bis 12. September neue LED-Retrofit-Lösungen und Aftermarket-Produkte, während auf der CIOE in Shenzhen vom 9. bis 11. September mehr als 20 Photonik- und Sensing-Demonstrationen laufen.
Diese Auftritte sind operatives Tagesgeschäft, aber sie belegen etwas Wichtiges: Der Konzern verkauft nicht nur Sparten, er entwickelt auch weiter Produkte für Auto- und Industriekunden. Genau diese Kombination – Verschlankung plus Innovationstempo – macht für mich den Unterschied zu einem reinen Sanierungsfall.
Fazit: Der Rückzug aufs Kerngeschäft rechtfertigt die Bewertung – vorerst
Die Aktie notiert aktuell bei 19,65 Euro und damit rund 26 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 26,70 Euro, hat aber seit Jahresbeginn um 133 Prozent zugelegt. Diese Diskrepanz zeigt: Der Markt hat die Turnaround-Story bereits stark eingepreist, ist aber nach dem jüngsten Rücksetzer etwas vorsichtiger geworden.
Für mich überwiegen die Argumente für den eingeschlagenen Weg – die Wolfram-Veräußerung ist ein weiterer logischer Baustein einer Strategie, die Substanz zeigt. Ob die hohe Bewertung dauerhaft trägt, hängt jetzt davon ab, ob sich die Design-Wins tatsächlich in Umsatz verwandeln. Die Richtung stimmt, das Tempo bleibt der entscheidende Unsicherheitsfaktor.
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