Wer die jüngsten Zahlen von Ams Osram liest, bekommt zwei völlig gegensätzliche Geschichten erzählt. Die eine handelt von einem Halbleiterhersteller, der operativ liefert und Aufträge in Rekordhöhe einsammelt. Die andere von einem Konzern, der sich mit einem massiven Bilanzverlust von einer gescheiterten Wachstumswette verabschiedet. Für mich zeigt genau dieser Widerspruch, warum die Aktie derzeit so nervös reagiert.
Operativ stark, bilanziell schwach
Am Dienstag meldete das Unternehmen für das zweite Quartal einen Umsatz von 805 Millionen Euro und eine bereinigte EBITDA-Marge von 16,9 Prozent – beides am oberen Ende der eigenen Prognosespanne. Im Halbleitergeschäft kamen Design-Wins von über 1,6 Milliarden Euro zusammen, nach Unternehmensangaben ein Rekordwert für ein einzelnes Quartal. Das ist operativ eine der stärksten Meldungen, die Ams Osram in den vergangenen Quartalen präsentiert hat.
Gleichzeitig weist der Konzern für das erste Halbjahr 2026 einen Nettoverlust von 276 Millionen Euro aus, nach einem Minus von 81 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Grund liegt laut Unternehmen primär in Wertminderungen und Rückstellungen im Zuge der Neuausrichtung der microLED-Strategie. Für mich ist das der eigentliche Knackpunkt: Ams Osram zahlt hier sichtbar die Rechnung für ein früheres Wachstumsversprechen, das sich so nicht erfüllt hat. Dass der Markt darauf empfindlich reagiert, überrascht mich nicht – der Aktienkurs gab gestern um 6,00 Prozent nach und schloss bei 18,80 Euro. Zum 52-Wochen-Hoch von 26,70 Euro fehlen damit inzwischen 29,59 Prozent.
Der Portfolio-Umbau ist die eigentliche Story
Wer nur auf den Quartalsverlust starrt, übersieht meiner Ansicht nach die konsequenteste Botschaft der letzten Monate: Ams Osram schneidet sein Portfolio radikal zurecht. Anfang Juli wurde der Verkauf des nicht-optischen Analog/Mixed-Signal-Sensorgeschäfts an Infineon Technologies final abgeschlossen, mit einem Barerlös von 570 Millionen Euro. Bereits im Mai hatte man sich mit indie Semiconductor auf den Verkauf des CMOS-Bildsensorgeschäfts für 40 Millionen Euro in bar geeinigt. Ende Juli kam eine Markenlizenzvereinbarung mit USHIO Industry & Entertainment für professionelle technische Beleuchtungsprodukte hinzu.
Diese Serie von Transaktionen liest sich für mich wie ein klarer Plan: Randgeschäfte raus, Kapital rein, Fokus auf das Kerngeschäft. Genau das dürfte auch erklären, warum der Konzern im Mai eine neue Anleihe über 1 Milliarde Euro mit 7,25 Prozent Verzinsung und Fälligkeit 2032 platzieren konnte – nach Unternehmensangaben soll die Maßnahme die jährlichen Zinsaufwendungen um rund 40 Millionen Euro senken. Wer sich derart konsequent entschuldet und verschlankt, signalisiert Handlungsfähigkeit, selbst wenn die Bilanz kurzfristig durch Sonderabschreibungen belastet wird.
Auch die vorzeitige Verlängerung des Mandats von CEO Aldo Kamper um fünf Jahre bis 2031, die der Aufsichtsrat Ende Juli beschloss, lese ich als Vertrauenssignal in die eingeschlagene Strategie – der Aufsichtsrat setzt offenbar auf Kontinuität gerade in der Phase des Umbaus.
Guidance und Einordnung
Für das dritte Quartal 2026 erwartet das Management einen Umsatz zwischen 770 und 870 Millionen Euro sowie eine bereinigte EBITDA-Marge von etwa 16 Prozent, mit einer Schwankungsbreite von 1,5 Prozentpunkten. Das liegt in etwa auf dem Niveau des zweiten Quartals – ein Hinweis darauf, dass das Management trotz des Bilanzverlusts von einer stabilen operativen Entwicklung ausgeht.
Der Kursverlauf spricht dabei eine eigene Sprache: Seit Jahresbeginn steht die Aktie mit 123,28 Prozent im Plus, und auf Zwölfmonatssicht mit 68,16 Prozent. Diese Rally kam von einem sehr niedrigen Niveau – das 52-Wochen-Tief lag erst im Dezember bei 7,38 Euro. Der Rücksetzer der vergangenen Tage relativiert diesen Aufschwung, ändert aber nichts an der grundsätzlichen Richtung.
Unterm Strich sehe ich bei Ams Osram zwei Zeitachsen, die auseinanderlaufen: kurzfristig belastet die microLED-Altlast die Bilanz spürbar, mittelfristig spricht der konsequente Portfolio-Umbau samt Entschuldung und Rekord-Auftragslage für eine Stabilisierung. Ob der Markt diesen Unterschied bereits sauber einpreist, bezweifle ich nach der Reaktion vom Donnerstag – die Chancen für Geduldige überwiegen für mich dennoch leicht gegenüber den Risiken.
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