Amazon liefert Quartalszahlen, die Wall Street elektrisieren – und eine Kostenrechnung, die selbst hartgesottene Cloud-Fans aufhorchen lässt. Der Konzern schraubt seine Investitionen in die KI-Infrastruktur kräftig hoch, weil Speicherchips plötzlich viel teurer sind als noch im Frühjahr kalkuliert. Die Aktie reagierte am Freitag mit einem zweistelligen Kurssprung auf den höchsten Stand seit Ende Mai.
AWS wächst so schnell wie seit 2021 nicht mehr
Der Umsatz der Cloud-Sparte AWS kletterte im zweiten Quartal um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar – das schnellste Wachstum seit 2021. Der Wert lag deutlich über den Erwartungen der Wall Street, die im Schnitt rund 40,5 Milliarden Dollar veranschlagt hatte. Der Auftragsbestand wuchs auf 496 Milliarden Dollar, das hauseigene KI- und Chipgeschäft mit den Marken Trainium und Graviton überschritt erstmals eine jährliche Umsatzrate von 25 Milliarden Dollar.
Konzernchef Andy Jassy sprach von einer „verblüffenden“ Nachfrage, die sich bereits für 2028 abzeichne. Selbst mit höheren Investitionen werde Amazon nicht genug Kapazität haben, um alle Kundenwünsche zu bedienen – dieses Muster dürfte sich laut Jassy auch 2027 fortsetzen.
Insgesamt legte der Konzernumsatz um 20 Prozent auf 200,6 Milliarden Dollar zu, mitgetragen vom vorgezogenen Prime Day im Juni. Der Gewinn sprang von 18,2 Milliarden auf 62,6 Milliarden Dollar. Ein gutes Stück davon, 53,4 Milliarden Dollar vor Steuern, stammt allerdings aus einer Neubewertung der Beteiligung am KI-Labor Anthropic – ein Buchgewinn, kein operativer Fortschritt.
Teurer Ausbau, roter Cashflow
Die Rechnung für den KI-Boom wird deutlicher. Amazon hob seine Kapitalausgaben für 2026 von 200 auf 220 Milliarden Dollar an, nachdem Jassy im Februar und April noch an der niedrigeren Zahl festgehalten hatte.
Grund seien stark gestiegene Preise für Speicherchips, die inzwischen quer durch die gesamte Tech-Branche für Kopfzerbrechen sorgen – auch Tesla-Chef Elon Musk bezeichnete die Preisentwicklung kürzlich als „verrückt“. Die Kehrseite bei Amazon: Der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate rutschte auf minus 7,6 Milliarden Dollar, nach einem Zufluss von 18,2 Milliarden Dollar ein Jahr zuvor.
Amazon steht damit nicht allein da. Laut Goldman Sachs dürften die vier großen Hyperscaler in diesem Jahr zusammen 765 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur stecken, 2027 sollen es fast 1,2 Billionen Dollar sein. Anders als bei Alphabet oder Meta, deren Aktien nach ähnlichen Ankündigungen unter Druck gerieten, honorierten Investoren die Amazon-Zahlen. Analysten von Wedbush bezeichneten den Bericht als den „saubersten“ unter allen Hyperscalern – auch weil das Management den Weg zu Kapitalrenditen klarer erklärt habe als die Konkurrenz.
Analysten überbieten sich mit neuen Kurszielen
Die Reaktion der Analysten fiel entsprechend positiv aus. Mehrere Häuser erhöhten ihre Kursziele nach den Zahlen deutlich, sie reichen inzwischen von 310 bis 365 Dollar:
- JPMorgan: 365 Dollar, „Overweight“, mit Verweis auf die schnellste Umsatzbeschleunigung seit 20 Quartalen
- TD Cowen und KeyBanc: jeweils 350 Dollar
- RBC Capital: 330 Dollar, mit Fokus auf den wachsenden Auftragsbestand
- Cantor Fitzgerald: 320 Dollar
- Citizens und HSBC: 315 beziehungsweise 310 Dollar
Konzernrivale Apple lieferte am selben Tag ein Kontrastprogramm. Die Aktie brach um rund neun Prozent ein, nachdem Speicherengpässe die Prognose belastet hatten – ausgerechnet das Problem, das bei Amazon als Kostentreiber auftaucht, wirkt bei Apple als Umsatzbremse.
Für das laufende dritte Quartal rechnet Amazon mit einem Umsatz zwischen 197 und 202 Milliarden Dollar, leicht unter den Erwartungen von rund 204 Milliarden Dollar. Der Konzern begründet die schwächere Spanne mit der Verschiebung des Prime Day in den Juni. Ohne diesen Basiseffekt wäre das Wachstum nach eigenen Angaben deutlich höher ausgefallen.
Beim operativen Gewinn peilt Amazon bis zu 26,5 Milliarden Dollar an, am oberen Ende leicht über der Analystenschätzung von rund 24,9 Milliarden Dollar. Nebenbei meldete Finanzchef Brian Olsavsky, dass Amazon nach dem Kippen der Trump-Zölle durch den Supreme Court bereits 600 Millionen Dollar an Rückerstattungen erhalten hat. Ein Teil davon soll an Kunden zurückfließen, bei denen sich die ursprünglich weitergereichten Zollkosten nachverfolgen lassen.
Citizens sieht in AWS langfristig sogar das Potenzial für ein Geschäft mit mehr als einer Billion Dollar Jahresumsatz. Der nächste Branchentermin steht bereits fest: Nvidia legt seine Zahlen am 26. August vor – ein weiterer Gradmesser dafür, wie belastbar die KI-Investitionswelle der gesamten Tech-Branche ist.
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