Amazon steckt gerade in zwei völlig gegensätzlichen Geschichten gleichzeitig. Die eine: Die Cloud-Sparte AWS erlebt ihr stärkstes Wachstum seit Jahren. Die andere: Der einst gefeierte freie Cashflow ist ins Minus gerutscht, weil der Konzern gerade eine der größten Investitionswellen seiner Geschichte stemmt. Für mich ist genau dieser Widerspruch der Kern der Geschichte – nicht der Kurs selbst.
Die Aktie notiert bei 237,25 Euro und liegt damit 16,51 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt. Allein in den vergangenen sieben Handelstagen hat sie fast 16 Prozent zugelegt. Das ist kein Zufall, sondern die direkte Reaktion auf die jüngsten AWS-Zahlen.
AWS liefert wieder ab
Im zweiten Quartal 2026 wuchs der AWS-Umsatz um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar. Das ist das schnellste Wachstum seit Jahren. Die Phase, in der Kunden vor allem ihre Cloud-Kosten optimiert und gekürzt haben, scheint vorbei zu sein. Jetzt investieren Unternehmen offenbar massiv in generative KI – und AWS profitiert direkt davon.
Die Zahlen dahinter sind beeindruckend. Der Auftragsbestand von AWS liegt bei 496 Milliarden Dollar, ein deutlicher Sprung von zuvor 364 Milliarden Dollar. CEO Andy Jassy hat erklärt, dass KI-taugliche Rechenkapazität bis 2028 praktisch ausverkauft ist. Eine Nachfragekurve, die kaum ein anderes Unternehmen vorweisen kann.
Die Rechnung für das Wachstum
Diese Dominanz hat einen Preis. Amazon hat seine Kapitalausgaben-Prognose für 2026 auf 220 Milliarden Dollar angehoben – 20 Milliarden Dollar mehr als zuvor geplant. Das Geld fließt in die Infrastruktur, die für KI-Workloads nötig ist.
Die Folge: Der freie Cashflow auf Sicht der letzten zwölf Monate ist auf minus 7,6 Milliarden Dollar gefallen. Hinzu kommt eine weniger sichtbare Belastung. Große Tech-Konzerne haben zusammen über eine Billion Dollar an künftigen Leasingverpflichtungen für Rechenzentren angesammelt. Amazons Anteil daran liegt bei 137,21 Milliarden Dollar an noch nicht angetretenen Zahlungsverpflichtungen.
Diese Investitionen sind nötig, um den KI-Markt zu besetzen. Aber sie erhöhen auch das Risiko: Wächst der KI-Umsatz nicht schnell genug mit den Infrastrukturkosten mit, könnte das die Margen unter Druck setzen.
Was steckt hinter dem Bezos-Verkauf?
Die Stimmung wurde zuletzt durch eine Nachricht getestet: Gründer Jeff Bezos hat am 3. August 2026 Aktien im Wert von rund 350 Millionen Dollar verkauft – am selben Tag, an dem die Aktie mit 249,00 Euro ihr 52-Wochen-Hoch erreichte. Zusätzlich hat Bezos eine Form-144-Meldung eingereicht, die den Verkauf von bis zu 15 Millionen weiteren Aktien im Wert von etwa 4,1 Milliarden Dollar ermöglicht.
Große Insider-Verkäufe wirken auf den ersten Blick oft wie ein Warnsignal. Hier braucht es aber Kontext: Der Verkauf läuft über einen vorab festgelegten 10b5-1-Plan, den Bezos bereits im November 2025 aufgesetzt hat. Das ist kein spontaner Ausstieg, sondern ein automatisierter, lange geplanter Verkaufsmechanismus.
Trotz eines Abstands von 4,72 Prozent zum jüngsten Hoch bleibt das durchschnittliche Kursziel der Analysten mit 278,74 Euro optimistisch. Das entspräche einem Potenzial von 17,5 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.
Meine Einschätzung
Mit einem RSI von 63 nähert sich die Aktie einer Zone, die manche Chartanalysten als überkauft einstufen. Trotzdem bleibt der Titel gut abgestützt, solange der Aufwärtstrend intakt ist. Parallel dazu treibt Amazon mit der Einführung des Bezahldienstes „Wero“ in Europa – als Konkurrenz zu PayPal – seine Unabhängigkeit im Einzelhandelsgeschäft voran.
Unterm Strich sehe ich eine Situation, die differenziert betrachtet werden muss. Operativ läuft AWS so gut wie seit einem halben Jahrzehnt nicht mehr, und der fast eine halbe Billion Dollar schwere Auftragsbestand gibt hohe Umsatzsichtbarkeit für die kommenden Jahre. Bei einer Marktkapitalisierung von 2.645 Milliarden Euro ist die Fehlertoleranz aber gering.
Der Markt belohnt aktuell das Wachstum – nicht die Bilanz. Ob das gerechtfertigt bleibt, entscheidet sich daran, wie schnell Amazon den negativen freien Cashflow wieder in positives Terrain dreht. Das dürfte der entscheidende Faktor für die zweite Jahreshälfte werden.
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