Alphabet: Zehn Prozent Minus, 560 Milliarden Plus

Google Cloud verdoppelt den Umsatz, während hohe KI-Ausgaben und ein negativer freier Cashflow das Finanzprofil verändern.

Auf einen Blick:
  • Cloud-Umsatz steigt auf 30,7 Milliarden Dollar
  • Cloud-Auftragsbestand erreicht 560,8 Milliarden Dollar
  • 2027 sollen die Investitionen weiter zunehmen
  • Aktie verliert über 30 Prozent zum Jahreshoch

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

mehr als zehn Prozent Kursverlust an einem einzigen Tag. So reagierte die Börse auf die Quartalszahlen, die Alphabet am 28. Oktober vorlegte. Umsatz und Gewinn je Aktie verfehlten die Erwartungen der Analysten. Der freie Cashflow war erneut negativ. Zudem kündigte das Management für 2027 noch einmal deutlich höhere Investitionen an.

Wer nur diese Schlagzeilen liest, sieht einen angeschlagenen Konzern. Ein genauerer Blick in den Bericht zeichnet ein anderes Bild. Ein großer Teil der Enttäuschung geht auf Sondereffekte zurück. Gleichzeitig vollzieht sich bei Alphabet ein echter Wandel, den Anleger kennen sollten. Die einstige Geldmaschine entwickelt sich zu einem kapitalhungrigen Infrastrukturkonzern.

Alphabet-Quartalszahlen: Viel Lärm um Sondereffekte

Zuerst lohnt der Blick auf den Gewinn. Im zweiten Quartal hatte Alphabet einen Buchgewinn von rund 99 Milliarden Dollar auf seine Beteiligungen verbucht. Den Löwenanteil lieferte die SpaceX-Beteiligung nach dem Börsengang des Raumfahrtkonzerns im Juni. Der Gewinn je Aktie schoss damals auf 9,11 Dollar. Im dritten Quartal kehrte sich der Effekt um. Die Beteiligungen brachten einen Buchverlust von 8,66 Milliarden Dollar. Der Gewinn je Aktie sank auf 2,12 Dollar und lag damit gut ein Viertel unter dem Vorjahr. Mit dem operativen Geschäft hat dieser Rückgang wenig zu tun. Es handelt sich um Bewertungsschwankungen, bei denen kein Geld fließt.

Beim freien Cashflow sieht es ähnlich aus. Diese Kennzahl zeigt, was nach allen Investitionen tatsächlich in der Kasse bleibt. Im dritten Quartal lag sie bei minus 9,06 Milliarden Dollar. Darin steckt allerdings eine Einmalzahlung von 5,2 Milliarden Dollar für eine EU-Kartellstrafe aus dem Jahr 2018. Nach dem Ende des Berufungsverfahrens wurde der Betrag fällig. Hinzu kommen Lagerbestände für den Verkauf eigener KI-Rechensysteme auf Basis der hauseigenen TPU-Chips. Dieser Bestand ist auf 13,3 Milliarden Dollar angeschwollen, mehr als das Fünffache des Werts von Ende 2025. Die Systeme sollen künftig an Kunden gehen. Bis dahin bindet das Lager Kapital.

Auch der Umsatz litt unter Verschiebungen. Marktbeobachter verweisen darauf, dass viele Werbekunden Budgets in das zweite Quartal vorzogen, um die Fußball-Weltmeisterschaft zu nutzen. Dazu kommt ein strukturelles Problem. Durch KI-Antworten in der Suche klicken weniger Nutzer auf externe Nachrichtenseiten. Das schmälert die Werbeflächen bei Partnern im offenen Netz. Bei YouTube verlangsamte sich das Werbewachstum auf 9,1 Prozent, nach 15 Prozent ein Jahr zuvor. Amazon meldete im Werbegeschäft eine ähnliche Abkühlung von 22 auf 12 Prozent. Nur Meta wuchs unverändert mit rund 26 Prozent.

Google Cloud: Der Wachstumsmotor läuft heiß

Hinter den allem arbeitet ein Geschäft, das kaum wiederzuerkennen ist. Google Cloud steigerte den Umsatz im dritten Quartal auf 30,7 Milliarden Dollar. Das ist gut doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Damals lag das Wachstum noch bei rund 33 Prozent. Noch wichtiger ist die Profitabilität. Die operative Marge der Sparte kletterte binnen eines Jahres von 23,7 auf 36,2 Prozent. Cloud hat sich damit zum zweiten großen Gewinnbringer neben der Suche entwickelt.

Der Auftragsbestand liefert die Erklärung für diese Dynamik. Gemeint sind vertraglich zugesagte Umsätze, die noch nicht verbucht wurden. Ende September summierte sich dieser Bestand auf 567,7 Milliarden Dollar. Davon entfallen 560,8 Milliarden Dollar auf Google Cloud. Ende 2025 waren es im Cloud-Geschäft noch rund 240 Milliarden Dollar. Allein der KI-Entwickler Anthropic steht für Verpflichtungen von 114,5 Milliarden Dollar mit Laufzeiten bis 2033. Alphabet rechnet damit, gut die Hälfte des gesamten Bestands innerhalb von 24 Monaten in Umsatz umzuwandeln.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Alphabet kann Rechenzentren nicht so schnell bauen, wie Kunden Kapazität buchen. Schon im Sommer kündigte der Konzern an, übergangsweise Rechenleistung bei Drittanbietern zuzukaufen. Im Oktober teilte OpenAI mit, seine Modelle künftig auch über Google Cloud anzubieten. Die Gemini-App hat inzwischen eine Milliarde Nutzer erreicht.

Alphabet-Investitionen: Die Rechnung wird größer

Hier liegt der Kern der Marktsorge. Alphabet investierte im dritten Quartal 51,4 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Für das Gesamtjahr 2026 bleibt die Prognose bei 195 bis 205 Milliarden Dollar. Für 2027 kündigte Finanzchefin Anat Ashkenazi einen deutlichen weiteren Anstieg an.

Das Finanzprofil des Konzerns wandelt sich damit spürbar. Jahrelang finanzierte Alphabet alles aus dem laufenden Geschäft und kaufte zusätzlich eigene Aktien zurück. Nun holt sich der Konzern frisches Geld am Kapitalmarkt. Im dritten Quartal nahm Alphabet über neue Anleihen 28,7 Milliarden Dollar auf. Über die Ausgabe neuer Aktien flossen weitere 12,4 Milliarden Dollar in die Kasse. Die Zahl der ausstehenden Aktien stieg binnen eines Jahres um 1,3 Prozent. Die Zinskosten erreichten im Quartal 967 Millionen Dollar, ein Vielfaches des Vorjahreswerts.

Marktbeobachter rechnen damit, dass der freie Cashflow bis Ende 2027 negativ bleibt. Erst ab 2028 soll sich das Bild wieder drehen. Für Anleger, die Alphabet jahrelang als sprudelnde Geldquelle kannten, ist das ein Bruch.

Die Substanz hinter dem Kurssturz

Die Gegenrechnung fällt allerdings robust aus. Der operative Cashflow der vergangenen zwölf Monate stieg um 18,5 Prozent auf knapp 180 Milliarden Dollar. Die Nettoliquidität, also Barmittel und Wertpapiere abzüglich Schulden, liegt bei rund 140 Milliarden Dollar. Die operative Marge des Gesamtkonzerns kletterte auf 31,8 Prozent. In den ersten neun Monaten wuchs der Umsatz um knapp 24 Prozent, das operative Ergebnis sogar um 30 Prozent.

Auch die Bewertung hat sich deutlich verschoben. Die Aktie hat mehr als 30 Prozent gegenüber ihrem 52-Wochen-Hoch verloren. Damit notiert sie beim rund 17-Fachen des für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinns. Im Fünfjahresschnitt lag dieses Kurs-Gewinn-Verhältnis bei etwa 23. Analysten erwarten bis 2028 ein jährliches Gewinnwachstum von knapp 19 Prozent. Das sogenannte PEG-Verhältnis setzt Bewertung und Wachstum zueinander ins Verhältnis. Es liegt bei rund 0,9 und damit unter dem Branchenmittel von 1,17. Werte unter eins gelten gemeinhin als günstig.

Dazu kommt ein Geschäft, das an der Börse bislang kaum eingepreist ist. Die Robotaxi-Tochter Waymo erzielt mit bezahlten Fahrten bereits Umsätze. Eine Expansion über die USA hinaus ist geplant. Die Verluste der Zukunftssparten von zuletzt 2,04 Milliarden Dollar im Quartal spiegeln diese Aufbauphase wider.

Was bei der Alphabet-Aktie jetzt zählt

Die Risiken bleiben. Weitere Kapitalerhöhungen würden bestehende Aktionäre verwässern. Die Milliardeninvestitionen müssen sich in den kommenden Jahren in Umsatz und Gewinn übersetzen. Kippt die Stimmung gegenüber KI-Ausgaben insgesamt, wird auch Alphabet darunter leiden. Solange der Cashflow negativ bleibt, spricht wenig für eine schnelle Erholung. Eine längere Seitwärtsphase gehört deshalb zu den realistischen Szenarien.

Der Quartalsbericht zeigt vor allem, wie wichtig es ist, Schlagzeilen von Substanz zu trennen. Buchverluste und Einmalzahlungen haben das Bild verzerrt. Der tiefere Wandel liegt woanders. Alphabet holt sich inzwischen Kapital am Markt. Damit arbeitet der Konzern eine Auftragswelle von mehr als einer halben Billion Dollar ab. Der Markt bewertet einen Konzern mit verdoppeltem Cloud-Umsatz derzeit wie ein reifes Unternehmen. Ob sich diese Lücke schließt, entscheidet das Tempo, mit dem die 560 Milliarden Dollar zu Umsatz werden.

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