Manche Signale sind leiser als eine Kursbewegung, aber schwerer als jede Tagesschwankung. Während Alphabet-Aktien an der Börse zuletzt Federn ließen, hat Berkshire Hathaway im zweiten Quartal genau das Gegenteil getan: Buffetts Beteiligungsgesellschaft stockte ihre Alphabet-Position um 83 Prozent auf.
Zum 30. Juni hielt Berkshire fast 106 Millionen Aktien im Wert von rund 37,8 Milliarden Dollar – Alphabet avancierte damit zur drittgrößten Einzelposition im Portfolio. Zehn Milliarden Dollar wurden allein in diesem Quartal neu investiert, begleitet von breiteren Aktienkäufen und beschleunigten eigenen Rückkäufen.
Das ist bemerkenswert für ein Haus, das traditionell eher spät auf Technologiewerte setzt und selten so aggressiv nachlegt. Es passt zu einem größeren Muster: Die Substanz hinter der KI-Erzählung wird für die ganz Konservativen unter den Investoren offenbar greifbarer, während der Markt kurzfristig nervös bleibt.
Ein zweites, verstecktes Vermögen
Fast beiläufig taucht in den Zahlen ein zweiter Wert auf, der Alphabets Bilanz prägt, ohne im Tagesgeschäft sichtbar zu sein: die frühe Beteiligung an SpaceX.
Nach dem Börsengang von SpaceX im Juni wurde dieser Anteil zum 30. Juni auf rund 94 Milliarden Dollar taxiert. Das ist mehr als das Zweieinhalbfache dessen, was Berkshire aktuell an Alphabet-Aktien hält – ein stiller Vermögenswert, der in keiner Schlagzeile über Cloud-Wachstum oder Werbeeinnahmen auftaucht, aber die Substanz des Konzerns zusätzlich unterfüttert.
Die Chefetage wird umgebaut, während die Modelle schneller werden
Parallel zur Kapitalseite verschiebt sich auch die Machtstruktur im KI-Geschäft. Anfang August wurde ein Führungsumbau der KI-Sparte bekannt: Demis Hassabis wechselte zum Chefwissenschaftler und Chairman von DeepMind, Koray Kavukcuoglu übernahm die operative Verantwortung im Tagesgeschäft. Jeff Dean und weitere Gemini-Verantwortliche verließen das Unternehmen.
Wenige Tage später berichtete Reuters, Mitgründer Sergey Brin habe zentrale KI-Mitarbeiter aufgefordert, sich vollständig auf Gemini zu konzentrieren – einzelne Teams wurden von DeepMind in den Kernkonzern Google verschoben. Kavukcuoglu erhielt zudem das letzte Wort bei wichtigen DeepMind-Entscheidungen.
Wer hier nur Personalkarussell sieht, übersieht die eigentliche Frage: Wird aus zwei parallelen KI-Kulturen – der forschungsgetriebenen DeepMind-Welt und dem produktgetriebenen Google – tatsächlich eine schlagkräftige Einheit? Die Antwort liefert das Tempo der Produktveröffentlichungen.
Erst am Donnerstag brachte Google mit Gemini 3.7 Flash ein neues Modell für Softwareentwicklung und automatisierte Geschäftsprozesse auf den Markt – ein direktes Signal, dass die Umstrukturierung nicht auf Kosten der Schlagzahl geht.
Wachstum braucht Kapital – und das kostet
Diese Ambitionen sind nicht umsonst. Anfang August wurde bekannt, dass Alphabet über eine Anleihe in den USA zwischen 20 und 25 Milliarden Dollar einsammeln wollte, gestückelt in bis zu zehn Tranchen mit Laufzeiten von zwei bis vierzig Jahren. Wer solche Summen am Kapitalmarkt aufnimmt, finanziert keine Kleinigkeiten – es ist die logische Fortsetzung der milliardenschweren Investitionswelle in Rechenzentren und KI-Infrastruktur.
Nicht jede Innovation gelingt reibungslos: Ende Juli führte Google eine KI-Bildgenerierung in Google Earth ein, pausierte sie aber schon einen Tag später und rollte sie Anfang August ganz zurück, nachdem Nutzer Ergebnisse geteilt hatten, die offenbar gegen Unternehmensrichtlinien verstießen.
Ein kleiner Stolperer, aber ein aufschlussreicher: Er zeigt, wie schnell Google neue KI-Funktionen ausrollt – und wie schnell auch wieder zurückrudert, wenn Kontrollmechanismen fehlen.
Zwischen Rekordbewertung und Kursdelle
An der Börse spiegelt sich diese Gemengelage in einer auffälligen Diskrepanz. Der Schlusskurs von 299,00 Euro am Freitag liegt gut 15 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 350,75 Euro, das erst im Mai markiert wurde.
Auf Monatssicht hat die Aktie 7,7 Prozent verloren. Gleichzeitig steht seit Jahresbeginn ein Plus von 12 Prozent, über zwölf Monate sogar von 72 Prozent zu Buche – die kurzfristige Schwäche relativiert sich also deutlich, blickt man etwas weiter zurück.
Diese Gegenläufigkeit – institutionelles Vertrauen in Rekordhöhe, Kurs auf Konsolidierungskurs – ist vielleicht das eigentliche Bild der KI-Ära an der Börse: Wer den langen Atem hat wie Berkshire, sieht in Umbauten und Investitionswellen keine Risiken, sondern die Kosten des nächsten Wachstumsschubs. Der Markt braucht dafür offenbar noch etwas länger.
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