Wenn ein Konzern gleichzeitig seine wichtigsten Ingenieure verliert, seine Investitionen auf Rekordniveau treibt und sich durch drei Gerichtsverfahren kämpft, dann ist das kein gewöhnlicher Nachrichtentag. Genau das aber war der gestrige Mittwoch für Alphabet – und er wirft ein Licht auf ein Grundproblem der gesamten KI-Branche: Wie viel Umbau verträgt ein Unternehmen, das gerade erst beginnt, die Früchte seiner Milliardenwetten zu ernten?
Der Kopf geht, das Geld bleibt
Demis Hassabis, bislang Chef von Google DeepMind, wechselt auf den Posten des Alphabet-Chefwissenschaftlers und wird DeepMind-Chairman. Gleichzeitig verlassen mit Jeff Dean, Sanjay Ghemawat, Oriol Vinyals und Quoc Le vier der prägendsten KI-Forscher des Konzerns das Unternehmen, um mit Discovery Loop ein eigenes KI-Forschungs-Startup zu gründen. Alphabet bleibt dabei nicht außen vor: Der Konzern investiert als Gründungsinvestor und stellt Rechenkapazität zur Verfügung. Es ist eine bemerkenswerte Konstruktion – Talente ziehen aus, doch die Kapitalbindung bleibt bestehen. Man könnte es als Eingeständnis lesen, dass sich Innovationsgeschwindigkeit heute nicht mehr allein innerhalb eines Konzerngefüges erzeugen lässt.
Gerichte mischen sich ein
Während der Führungswechsel die Schlagzeilen dominiert, arbeitet sich die Kartellfront parallel weiter ab. Anfang Juli bestätigte der Europäische Gerichtshof eine Kartellstrafe von 4,125 Milliarden Euro gegen Alphabet im Zusammenhang mit den 2018 verhängten Android-Beschränkungen und wies die Berufung des Konzerns zurück. Am selben Tag wie die Personalnachrichten ließ zudem das britische Competition Appeal Tribunal eine Sammelklage über 5 Milliarden Pfund zu, die im Namen von 880.000 britischen Unternehmen wegen überhöhter Preise für Suchmaschinenwerbung und angeblichem Missbrauch der mobilen Marktmacht erhoben wurde. Ende Juli hatte bereits das US-Justizministerium in einer 144-seitigen Stellungnahme beim D.C. Circuit gefordert, das Urteil zum Suchmonopol von 2024 zu bestätigen und schärfere Auflagen zu verhängen – bis hin zu einem Verbot der Zahlungen an Vertriebspartner wie Apple für Standardsucheinstellungen. Drei Fronten, drei Rechtsräume, ein Muster: Die regulatorische Rechnung für die Marktmacht wird zunehmend konkret.
Die Investitionsmaschine läuft weiter
Ausgerechnet in dieser Phase fährt Alphabet seine Ausgaben hoch statt herunter. Am 3. August verpflichtete sich der Konzern, ein 15-Milliarden-Dollar-Rechenzentrumsprojekt für den KI-Partner Anthropic in Texas mitzufinanzieren. Gleichzeitig verhandelt Alphabet über eine Vereinbarung im Wert von mehr als 1,5 Milliarden Dollar, um Technologie und Ingenieurstalente vom KI-Coding-Startup Mechanize zu lizenzieren beziehungsweise zu übernehmen – eine Art Ersatzbeschaffung für die abgewanderten Köpfe. Die Zahlen aus dem zweiten Quartal erklären, warum das Tempo so hoch bleibt: Der Umsatz stieg um 24 Prozent auf 119,8 Milliarden Dollar, das Cloud-Geschäft wuchs um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar. Der Preis dafür: Erstmals seit einem Jahrzehnt drehte der freie Cashflow ins Negative, auf minus 5,9 Milliarden Dollar, weil allein im Quartal 45 Milliarden Dollar in die Infrastruktur flossen. Das Management reagierte nicht mit Zurückhaltung, sondern hob die Investitionsprognose für das Gesamtjahr auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an, deutlich über der vorherigen Spanne von 180 bis 190 Milliarden.
Analysten bleiben gespalten, der Kurs zittert
Die Reaktionen der Analysten nach den Quartalszahlen fielen uneinheitlich aus. Phillip Securities stufte die Aktie am 27. Juli auf „Buy“ hoch, senkte das Kursziel aber gleichzeitig auf 425 von 450 Dollar und begründete die Anhebung mit dem vertikal integrierten KI-Ökosystem als strukturellem Langfristvorteil. JPMorgan bekräftigte am 23. Juli sein Overweight-Rating, kappte das Ziel jedoch auf 420 von 460 Dollar. Truist und UBS zogen mit Kurszielen zwischen 379 und 420 Dollar in dieselbe Richtung – die Botschaft war überall ähnlich: solides Wachstum, aber wachsende Skepsis gegenüber der Kapitalintensität.
Der Markt hat diese Ambivalenz bereits eingepreist. Nach dem Führungswechsel gab die Aktie gestern um 4,34 Prozent auf 313,85 Euro nach und notiert damit gut zehn Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Die eigentliche Frage für Anleger lautet nicht, ob Alphabet weiter investiert – das steht fest. Sie lautet, ob ein Konzern seine kreativsten Köpfe verlieren und gleichzeitig die Führungsrolle im KI-Rennen behalten kann, nur weil er die Rechenzentren dazu finanziert.
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