Kaum hat Alphabet mit starken Quartalszahlen überzeugt, sorgt eine überraschende Personalrochade an der Spitze der KI-Sparte für neue Unruhe. Konzernchef Sundar Pichai kündigte am Mittwoch über den Unternehmensblog eine der größten Umbesetzungen in der Geschichte von Google DeepMind an. Die Aktie reagierte mit einem Kursrückgang von rund 4 Prozent.
Wechsel an der KI-Spitze
Jeff Dean, seit 27 Jahren im Unternehmen und zuletzt Chief Scientist, verlässt Alphabet, um mit dem Startup Discovery Loop ein eigenes Projekt zu starten. Noch schwerer wiegt der Rückzug von Demis Hassabis: Er gibt seinen Posten als CEO von Google DeepMind ab und wechselt in die Rolle des Chairman von DeepMind sowie Chief Scientist von Alphabet. Die operative Führung von Google DeepMind übernimmt künftig Koray Kavukcuoglu, der zum Senior Vice President befördert wurde. Für Anleger ist der Umbau heikel, weil DeepMind im Zentrum der Gemini-Strategie steht, mit der Alphabet im KI-Wettlauf gegen Konkurrenten wie OpenAI oder Meta bestehen will.
Der Kursrutsch von rund 4 Prozent zeigt, wie sensibel der Markt auf personelle Unsicherheit an dieser strategisch entscheidenden Stelle reagiert. Aktuell notiert die Aktie bei 311,05 Euro, nur 0,18 Prozent über dem Vortagesschluss – ein Zeichen dafür, dass sich der Kurs nach dem ersten Schreck bereits wieder stabilisiert hat. Auf Monatssicht liegt das Papier mit 1,80 Prozent im Minus, bleibt aber rund 11,32 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 350,75 Euro, das Alphabet erst im Mai markiert hatte.
Rekordquartal bei Cloud und Werbung
Der Führungswechsel überschattet ein operativ starkes zweites Quartal. Der Konzernumsatz stieg auf 119,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr, das operative Ergebnis kletterte um 30 Prozent auf 40,77 Milliarden Dollar. Das bereinigte Ergebnis je Aktie lag bei 2,85 Dollar und verfehlte damit knapp die von LSEG erhobene Analystenschätzung von 2,89 Dollar. Besonders kräftig wuchs Google Cloud: Der Umsatz der Sparte sprang um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar, das operative Ergebnis schoss um 233 Prozent auf 8,81 Milliarden Dollar bei einer Marge von 35,6 Prozent. Der Auftragsbestand erreichte 514 Milliarden Dollar, ein Zuwachs von 50 Milliarden Dollar allein im Quartalsvergleich. Vorstandschef Pichai verwies zudem auf die Gemini-App, die mittlerweile mehr als 950 Millionen monatliche Nutzer zählt.
Kapitalausgaben steigen, Rückkäufe pausieren
Die Wachstumsdynamik hat ihren Preis. Alphabet hob die Investitionsplanung für das laufende Jahr auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an, nachdem zuvor eine Spanne von 180 bis 190 Milliarden Dollar galt. Finanzchefin Anat Ashkenazi begründete den Schritt damit, man werde investieren, „solange wir eine attraktive Rendite auf diese Investition sehen“. Für 2027 stellte sie einen weiteren deutlichen Anstieg der Investitionen in Aussicht. Die Kehrseite: Erstmals als börsennotiertes Unternehmen verzeichnete Alphabet einen negativen freien Cashflow von minus 5,9 Milliarden Dollar im Quartal, das Verhältnis von Investitionen zu Umsatz soll von zuvor 23 Prozent auf über 41 Prozent steigen. Als Übergangslösung will der Konzern im dritten Quartal zusätzliche Cloud-Kapazität von Drittanbietern anmieten, bis eigene Rechenzentren stehen.
Gleichzeitig setzte Alphabet seine seit 33 Quartalen laufende Serie an Aktienrückkäufen aus – im ersten Halbjahr 2026 kaufte der Konzern keine eigenen Aktien zurück, nach 28,31 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum. Die Dividende von 0,22 Dollar pro Aktie mit Ex-Tag am 4. September bleibt davon unberührt. Beim Investor First Eagle sorgte die Gemengelage offenbar für Vorsicht: Der Vermögensverwalter reduzierte seine Alphabet-Position gestern um 679.000 Aktien.
Analysten bleiben mehrheitlich zuversichtlich
Trotz der negativen Free-Cashflow-Zahlen zeigten sich mehrere Analysehäuser unbeeindruckt. Morgan Stanley bekräftigte am Dienstag, starker operativer Cashflow, Eigen- und Fremdkapitalfinanzierung, Leasingstrategien, kundenspezifische Chips und Infrastruktureffizienz würden die Investitionen absichern und den Druck auf den freien Cashflow abmildern – Alphabet habe über die vergangenen zwölf Monate einen positiven freien Cashflow von 53,3 Milliarden Dollar erzielt. Die Aktie legte an diesem Tag um 5,1 Prozent zu. Pivotal Research erhöhte am Montag sein Kursziel von 470 auf 475 Dollar und beließ die Einstufung bei Kaufen, mit dem Argument, Alphabet sei durch den eigenen TPU/Axion-Stack und die marktführende Reichweite bestens positioniert, um KI-Investitionen zu monetarisieren. Unter 64 von S&P Global befragten Analysten überwiegt zuletzt ein „Strong Buy“-Konsens mit einem durchschnittlichen Kursziel von 427,59 Dollar.
Rechtlicher Gegenwind aus Großbritannien
Zur ohnehin angespannten Nachrichtenlage kommt juristischer Druck hinzu. Das britische Competition Appeal Tribunal wies am Mittwoch einen Antrag Googles ab, eine Sammelklage zu blockieren. Hunderttausende britische Unternehmen können nun auf Opt-out-Basis gegen den Konzern vorgehen – der Vorwurf lautet auf überhöhte Werbepreise sowie Missbrauch einer marktdominanten Stellung bei mobilen Betriebssystemen, App-Vertrieb und Suchmaschinenwerbung. Der Fall reiht sich in eine wachsende Zahl regulatorischer Herausforderungen ein, denen sich Alphabet parallel zum größten KI-Investitionsprogramm seiner Geschichte stellen muss.
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