Wer verstehen will, wie ernst es Alphabet mit dem Ausbau seiner Rechenzentren meint, muss diese Woche nicht auf den Aktienkurs schauen, sondern auf den australischen Anleihemarkt.
Dort hat der Konzern erstmals überhaupt eine Anleihe in Landeswährung platziert und dabei 5,5 Milliarden australische Dollar eingesammelt, wie Bloomberg berichtete. Es ist ein kleines Detail mit großer Symbolik: Ein Unternehmen, das eigentlich vor Cash-Reserven strotzt, geht neue Wege der Fremdfinanzierung, um seine Investitionspläne zu stemmen.
Schon Tage zuvor hatten Medien über das Vorhaben berichtet, mit Laufzeiten von drei, fünf, zehn und zwanzig Jahren, wobei die 20-jährige Tranche zeitweise mit rund 6,95 Prozent verzinst werden sollte. Das ist kein Betrag, den man aus der Portokasse bezahlt – und genau das ist der Punkt.
Die Kapitalaufnahme in Australien fügt sich in ein Muster, das seit den Quartalszahlen vor rund zwei Wochen sichtbar geworden ist: Das Management hatte die Investitionsziele für 2026 von 180 bis 190 Milliarden Dollar auf 195 bis 205 Milliarden Dollar angehoben, ausgerechnet als Reaktion auf die eigene Cloud-Dynamik, die im Berichtsquartal um 82 Prozent zugelegt hatte. Seither hat die Aktie rund 4,4 Prozent verloren, hinzu kam eine Kartellklage vor gut drei Wochen, die dem Papier weitere 9,6 Prozent kostete.
Wenn Wachstum teurer wird als Wachstum einbringt
Die eigentliche Frage, die sich Anleger derzeit stellen, lautet: Wie finanziert man eine KI-Offensive, die schneller wächst als die eigenen Cashflows es hergeben?
Die Antwort, die Alphabet gerade gibt, ist unspektakulär, aber aufschlussreich – man zapft internationale Anleihemärkte an, statt allein auf operativen Cashflow oder Aktienrückkäufe zu setzen. Das ist keine Notlösung, sondern eher ein Symptom des branchenweiten Wettrüstens um Rechenkapazität, in dem praktisch jeder große Cloud-Anbieter seine Investitionsbudgets in immer kürzeren Abständen nach oben korrigiert.
Parallel dazu zeigt ein anderer Baustein, wie sehr sich Alphabet auf Daten als Rohstoff für KI-Training konzentriert: Der Konzern hat bei einer Insolvenzauktion die Datenbestände von Spirit Aviation Holdings für zehn Millionen Dollar erworben – E-Mails, Teams-Nachrichten, Code und Mitarbeiterdatensätze, explizit zur Nutzung im KI-Training.
Zehn Millionen Dollar sind für Alphabet eine Rundungsziffer, doch der Vorgang passt ins Bild eines Konzerns, der praktisch jede verfügbare Datenquelle für seine Modelle erschließen will.
Berkshire bleibt an Bord, das Management sortiert sich neu
Auf der Anlegerseite gibt es ein bemerkenswertes Gegengewicht zur Skepsis der vergangenen Wochen: Warren Buffetts Berkshire Hathaway hatte in seiner jüngsten Offenlegung rund 48,1 Millionen zusätzliche Alphabet-Aktien gemeldet und hält damit etwa 106 Millionen Aktien im Wert von rund 37,76 Milliarden Dollar, Stand Ende Juni.
Wer auch immer an der spekulativen Bewertung der KI-Ausgaben zweifelt, muss sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass eine der konservativsten Investmentgesellschaften der Welt gerade deutlich aufgestockt hat.
Auch organisatorisch bewegt sich einiges: Reuters berichtete, dass Alphabet seine KI-Führungsstruktur umbaut. Teile der DeepMind-Teams wandern in die reguläre Google-Organisation, Demis Hassabis wird Chairman, während Koray Kavukcuoglu die Rolle des Chief AI Architect übernimmt. Solche Umbauten signalisieren, dass die KI-Aktivitäten nicht mehr als separates Forschungsprojekt behandelt werden, sondern als Kernbestandteil des operativen Geschäfts.
Was der Kurs davon hält
Aktuell notiert die Aktie bei 293,50 Euro und liegt damit rund 16 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 350,75 Euro, das im Mai erreicht wurde. Der Rücksetzer der vergangenen Wochen hat den Kurs unter den 50-Tage-Durchschnitt von 305,44 Euro gedrückt, ein Zeichen dafür, dass der Markt die höheren Investitionsausgaben und die Kartellrisiken noch verdaut.
Gleichzeitig bleibt die Aktie auf Zwölfmonatssicht mit einem Plus von 65 Prozent ein Gewinner des KI-Zyklus – die Frage ist nicht, ob Alphabet investiert, sondern ob der Markt bereit ist, für dieses Tempo weiter zu bezahlen.
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