Sundar Pichai hat auf der Google I/O im Mai eine klare Botschaft gesendet: Wartet noch einen Monat. Gemeint war Gemini 3.5 Pro, das Flaggschiff-Modell des Konzerns — und das Publikum soll hörbar gestöhnt haben. Jetzt läuft der Countdown auf den Juni-Launch, während Alphabet mit frischen Nutzerzahlen zeigt, warum bei diesem Modell so viel auf dem Spiel steht.
Gemini 3.5 Pro: Noch nicht da, aber nah dran
Das Modell wurde am 19. Mai auf der Google I/O vorgestellt und soll im Juni allgemein verfügbar werden. Ein genaues Datum hat Google bislang nicht kommuniziert — der Markt spekuliert auf irgendwann in der zweiten Monatshälfte. Intern und in begrenzten Enterprise-Previews läuft Gemini 3.5 Pro bereits, der breite Zugang fehlt noch.
Technisch zielt das Modell auf ein Kontextfenster von zwei Millionen Token, einen „Deep Think“-Reasoning-Modus und multimodale Fähigkeiten auf Frontier-Niveau. Es übernimmt damit die Aufgaben, die Google bisher dem Ultra-Tier zugewiesen hatte — also die schwersten Reasoning-Aufgaben, komplexe Multimodal-Anfragen und sehr lange Kontexte.
Nutzerzahlen, die das Investitionstempo erklären
Auf einer Investorenpräsentation legte Alphabet diese Woche Zahlen vor, die den massiven Kapitalaufwand in ein anderes Licht rücken. AI Overviews in der Google-Suche erreichen monatlich mehr als 2,5 Milliarden Nutzer — kein anderes KI-Produkt weltweit kommt auch nur annähernd an diese Reichweite heran.
Der AI Mode in der Suche, vor einem Jahr gestartet, hat bereits die Milliarden-Nutzer-Marke überschritten. Die Gemini-App zählt inzwischen über 900 Millionen monatliche Nutzer — mehr als doppelt so viele wie vor einem Jahr. Auf der Entwicklerseite bauen monatlich mehr als 8,5 Millionen Entwickler mit Alphabets Modellen, die APIs verarbeiten rund 19 Milliarden Token pro Minute.
Finanzen: Wachstum trifft Rekordinvestitionen
Im ersten Quartal 2026 erzielte Alphabet einen Umsatz von knapp 110 Milliarden Dollar — ein Plus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr, das elfte Quartal in Folge mit zweistelligem Wachstum. Das Cloud-Geschäft legte um 63 Prozent zu, der Auftragsbestand verdoppelte sich nahezu auf über 460 Milliarden Dollar.
Diese Zahlen rechtfertigen aus Unternehmenssicht das, was Alphabet für 2026 an Investitionen plant: zwischen 180 und 190 Milliarden Dollar CapEx — sechsmal mehr als 2022 und doppelt so viel wie im Vorjahr. Finanziert wird das unter anderem durch eine Kapitalerhöhung, die von ursprünglich 80 auf 84,75 Milliarden Dollar aufgestockt wurde, inklusive eines 40-Milliarden-Dollar-ATM-Programms und einer Privatplatzierung über 10 Milliarden Dollar bei Berkshire Hathaway.
Die Aktie schloss am Freitag bei 320,25 Euro, rund 22 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt. Auf Zwölfmonatssicht hat sich der Kurs mehr als verdoppelt — ein Anstieg von knapp 108 Prozent, der die Neubewertung des Konzerns seit Mitte 2025 widerspiegelt.
Zwei Katalysatoren im Blick
Das ATM-Programm startet im dritten Quartal 2026 — ein Verwässerungsrisiko, das der Markt im Auge behält. Wichtiger dürfte kurzfristig aber der Gemini-3.5-Pro-Launch sein. Sobald unabhängige Evaluatoren Zugang haben, werden Benchmarks zeigen, ob das Zwei-Millionen-Token-Fenster und der Deep-Think-Modus im Wettbewerb mit OpenAI und Anthropic tatsächlich einen messbaren Vorteil liefern — oder ob Google erneut Erwartungen weckt, die das Produkt erst noch einlösen muss.
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