Google verliert seinen ersten Prozess unter dem neuen EU-Digitalgesetz. Die Niederlage öffnet die Tür für eine Klagewelle kleinerer Rivalen, die zusammen bis zu 10 Milliarden Dollar Schadenersatz fordern könnten. Für Alphabet kommt das zu einem heiklen Zeitpunkt: Der Kurs steckt bereits mitten in einer Korrektur.
Die Aktie notiert aktuell bei 289,00 Euro, ein Minus von 1,52 Prozent gegenüber dem Vortag. Damit liegt Alphabet 17,61 Prozent unter dem Rekordhoch von 350,75 Euro, das der Titel erst im Mai markiert hatte.
Der Präzedenzfall aus Brüssel
Die EU-Kommission verhängte gegen Google eine Milliarden-Dollar-Strafe. Es war die erste Sanktion unter dem Digital Markets Act. Der Vorwurf: Google habe eigene Dienste bevorzugt und App-Entwickler daran gehindert, Nutzer zu günstigeren Angeboten außerhalb von Google Play zu leiten.
Für Anwälte und Prozessfinanzierer ist das Urteil ein Signal. Sechs von ihnen berichten übereinstimmend, dass Klagen in mindestens sechs europäischen Ländern bereits eingereicht wurden. Die Feststellung anhaltenden Fehlverhaltens dürfte weitere Kläger ermutigen.
Besonders laut meldet sich der britische Preisvergleichsdienst Kelkoo zu Wort. Das Unternehmen fordert bereits milliardenschweren Schadenersatz von Google. Kelkoo-Chef Richard Stables sagte gegenüber Reuters, die DMA-Entscheidung zeige, „dass Google bis heute noch immer sich selbst bevorzugt“ – ein Umstand, der laufende Klagen zusätzlich stützen dürfte.
Ein Streit mit fast 20 Jahren Vorgeschichte
Der Konflikt reicht zurück bis 2008. Damals begann Google, den eigenen Preisvergleichsdienst in den Suchergebnissen zu bevorzugen. Der Traffic zu konkurrierenden Plattformen brach massiv ein.
Beschwerden folgten, dann eine EU-Untersuchung. Am Ende stand 2017 eine Strafe von 2,42 Milliarden Euro. Google legte Berufung ein, verlor aber im vergangenen Jahr auch vor dem höchsten EU-Gericht.
Das schwedische Unternehmen PriceRunner, unterstützt vom Zahlungsdienstleister Klarna, zog daraus schon 2022 Konsequenzen und reichte eine milliardenschwere Klage ein. Die aktuelle DMA-Entscheidung dürfte nun weitere Nachahmer auf den Plan rufen.
Google weist die neuen Vorwürfe entschieden zurück. Ein Sprecher des Konzerns erklärte, man sei mit den Klagen „entschieden nicht einverstanden“ – sie kämen von Unternehmen, die „eine Auszahlung suchen, statt in ihre eigenen Produkte zu investieren“. Die Summe der EU-Strafen gegen Google hat sich in den vergangenen zehn Jahren bereits auf mehr als 10 Milliarden Euro addiert.
Analysten uneinig über die Kapitalausgaben
Die rechtlichen Risiken treffen Alphabet in einer Phase, in der die Wall Street ohnehin über die Ausgabenpolitik streitet. Phillip Securities stufte die Aktie nach dem Kursrückgang seit den jüngsten Quartalszahlen zwar von „Accumulate“ auf „Buy“ hoch. Gleichzeitig senkte Analystin Serena Lim Yi Qi das Kursziel von 450 auf 425 Dollar.
Hintergrund ist die Investitionsoffensive des Konzerns. Alphabet hob die Prognose für die Kapitalausgaben 2026 auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an. Im selben Quartal meldete das Unternehmen erstmals in der Firmengeschichte einen negativen freien Cashflow.
Nicht alle Häuser sehen das gelassen. Bernstein SocGen senkte das Kursziel auf 385 Dollar und beließ das Rating bei „Market Perform“ – als Begründung nannte die Bank explizit den negativen Cashflow und das Ausmaß der angehobenen Investitionsprognose. Barclays hält dagegen an „Overweight“ und einem Kursziel von 425 Dollar fest, Citizens bleibt mit einem Kursziel von 515 Dollar sogar deutlich optimistischer.
Die Kennzahlen zeigen die Nervosität im Markt. Der 14-Tage-RSI von 39,7 signalisiert nachlassendes Momentum, während die annualisierte Volatilität der vergangenen 30 Handelstage bei 36,20 Prozent liegt – ein Hinweis auf die Turbulenzen seit den Quartalszahlen.
Trotz der jüngsten Schwäche steht Alphabet seit Jahresbeginn mit 8,50 Prozent im Plus, auf Zwölfmonatssicht sogar mit 67,98 Prozent. Ob die Aktie ihre Erholung fortsetzt, dürfte auch davon abhängen, wie stark sich die europäische Klagewelle in den kommenden Quartalen tatsächlich in der Bilanz niederschlägt.
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