Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
vergangene Woche kündigte der Index-Betreiber S&P Dow Jones Indices an, dass Alphabet zum Handelsstart am 29. Juni in den Dow Jones Industrial Average aufsteigt und dort Verizon ersetzt. Für die Google-Mutter sollte das eine Krönung sein. Stattdessen verlor die Aktie nach der Ankündigung weiter an Wert. Wer genau hinsieht, erkennt hier ein Lehrstück über die Mechanik der Börse, über die Macht von Schlagzeilen und über die Frage, wann ein Kursrückgang zur Gelegenheit wird.
Die Dow-Ankündigung verpufft bei der Alphabet-Aktie
Mitte Mai notierte Alphabet noch über 400 Dollar. Seither hat das Papier rund 15 Prozent eingebüßt. Zuletzt lag der Kurs bei etwa 337 Dollar. An einem einzigen Tag verlor das Unternehmen über 200 Milliarden Dollar an Börsenwert, der größte Tagesverlust seiner Geschichte. Mitten in diese Talfahrt platzte die Nachricht, dass Alphabet den Telekomkonzern Verizon im Dow ablösen würde.
Viele Anleger hofften auf einen Befreiungsschlag. Schließlich begründete S&P Dow Jones Indices die Aufnahme mit Alphabets Stärke bei künstlicher Intelligenz und seiner Nähe zu den dynamischen Bereichen der US-Wirtschaft. Doch der Markt reagierte kühl. Die Aktie setzte ihre Talfahrt nach der Ankündigung schlicht fort.
Das überrascht nur, wer die Funktionsweise des Dow nicht kennt. Der Index ist preisgewichtet. Das bedeutet, nicht die Größe eines Unternehmens bestimmt sein Gewicht, sondern allein der nominale Aktienkurs. Wegen dieser Eigenheit bilden kaum Fonds den Dow exakt nach. Es gibt also keinen Schub durch erzwungene Käufe, wie ihn eine Aufnahme in den breiteren S&P 500 auslöst.
Warum die Dow-Aufnahme selten Kursfantasie bringt
Die Börsenhistorie liefert hier ein klares Bild. Häufig tritt sogar das Gegenteil eines Kursanstiegs ein. Nvidia und Amazon kamen beide 2024 in den Dow. Nvidia gab am Tag der Aufnahme um 0,8 Prozent nach, Amazon um 0,1 Prozent. Ein nennenswerter Anstieg in den Wochen danach blieb aus. Nvidia verlor in den folgenden sechs Monaten sogar 21 Prozent, ehe die Aktie diese Verluste später mehr als wettmachte.
Auch die Statistik dämpft jede Euphorie. Marktbeobachter haben errechnet, dass eine durchschnittlich neu aufgenommene Dow-Aktie in den zwölf Monaten nach der Ankündigung gerade einmal 0,4 Prozent zulegte. Alphabet kommt in den Index, nachdem sich die Aktie binnen eines Jahres mehr als verdoppelt hat. Die unbequeme Frage lautet, ob diese Aufnahme nahe einem Hochpunkt erfolgt.
Die Antwort darauf entscheidet sich nicht im Index, sondern im Maschinenraum des Konzerns. Und dort liegt das eigentliche Problem.
Alphabets KI-Talente wandern zur Konkurrenz ab
Die größte Sorge der Anleger trägt einen sperrigen Namen, den Fachleute Brain Drain nennen, den Abfluss kluger Köpfe. John Jumper, leitender Forscher und Nobelpreisträger, verkündete Mitte Juni seinen Wechsel von Google DeepMind zu Anthropic. DeepMind gilt als das KI-Rückgrat des Konzerns. Kurz zuvor hatte bereits Noam Shazeer, ein Vizepräsident im Engineering, seinen Abgang zu OpenAI angekündigt.
Der Verlust von Shazeer schmerzt besonders. Er war Mitautor einer wegweisenden Forschungsarbeit, die den gesamten KI-Boom erst auslöste. Schon 2021 hatte er Google verlassen, weil der Konzern einen von ihm entwickelten Chatbot nicht freigeben wollte. Alphabet zahlte 2024 rund 2,7 Milliarden Dollar, um ihn und die Technologie seines Start-ups zurückzuholen. Nun ist er erneut weg.
Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein. Das derzeit stärkste KI-Modell von Google schneidet in Vergleichstests etwas schwächer ab als die jüngsten Versionen von Anthropic und OpenAI. Diese Einschätzung stammt vom Forschungsinstitut Epoch AI. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz aus einer ganz anderen Richtung.
Chinas KI-Anbieter setzen Alphabet unter Preisdruck
Chinesische Entwickler drängen mit leistungsfähigen Modellen auf den Markt, deren Kosten oft weniger als die Hälfte amerikanischer Rivalen betragen. Daten des Analysehauses Artificial Analysis sehen das jüngste Modell des Anbieters Z.ai unter den drei besten weltweit. Das ist eine Premiere für ein chinesisches Unternehmen und ein Modell, das nach dieser Messung vor allen KI-Systemen von Google rangiert.
Hier droht Alphabet eine Zange. Oben drücken die teuren Spitzenmodelle von Anthropic und OpenAI. Unten unterbieten chinesische Anbieter wie DeepSeek, Alibaba, Minimax und Z.ai den Markt. Ein Branchenanalyst formulierte den Kern der Gefahr nüchtern. Sobald chinesische Firmen den Raum betreten, verabschiede sich für gewöhnlich die Gewinnmarge.
So weit die Schreckensnachrichten. Doch eine seriöse Einordnung verlangt, die andere Seite ebenso genau zu betrachten. Denn dort steht ein Konzern, der operativ kaum stärker dastehen könnte.
Das Cloud-Geschäft trägt die Wachstumsfantasie der Alphabet-Aktie
Bei Alphabet ist KI kein isoliertes Geschäft, sondern ein Treiber für viele andere Bereiche. Das Cloud-Geschäft wuchs im ersten Quartal um 63 Prozent. Das war das stärkste Wachstum, seit der Konzern diese Zahl 2019 erstmals offenlegt. Ein Analyst von TD Cowen erwartet, dass die Cloud-Erlöse mit einer jährlichen Rate von 37 Prozent zulegen. Von rund 100 Milliarden Dollar in diesem Jahr könnten sie bis 2031 auf 480 Milliarden Dollar steigen.
Auch das Kerngeschäft widerlegt die Untergangsthese. Lange fürchteten Anleger, dass KI-Chatbots die klassische Google-Suche verdrängen. Stattdessen erreicht die Zahl der Suchanfragen einen Höchststand. Der KI-Dienst Gemini zählt inzwischen 900 Millionen Nutzer. Und die hauseigenen KI-Chips, die sogenannten Tensor Processing Units, gelten als ernsthafteste Konkurrenz zu Marktführer Nvidia.
Was die Bewertung über die Alphabet-Aktie verrät
Nach dem Kursrutsch handelt Alphabet mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 23. Zum Vergleich, der breite US-Markt kommt auf etwa 20, Alphabet selbst lag im Februar noch nahe 30. Die Aktie ist also deutlich günstiger geworden, ohne dass das Fundament gebrochen wäre. Die Marktkapitalisierung liegt weiter über vier Billionen Dollar. Das mittlere Kursziel der Analysten bewegt sich oberhalb von 430 Dollar und damit klar über dem aktuellen Niveau.
Hier zeigt sich die eigentliche Lektion dieser Woche. Der Markt bestraft Alphabet für eine Schlagzeile über abwandernde Forscher und für eine Index-Aufnahme, die mechanisch nie einen Kursschub liefern konnte. Gleichzeitig liefert das Unternehmen Wachstumszahlen, von denen die meisten Konzerne nur träumen.
Wer Aktien an Schlagzeilen misst, kauft teuer und verkauft billig. Wer dagegen Geschäftsmodell, Bewertung und Marktmechanik sauber trennt, erkennt den Unterschied zwischen einem abgestraften Marktführer und einem schwachen Unternehmen. Der Abgang zweier brillanter Forscher wiegt schwer. Ein Cloud-Geschäft, das sich binnen sechs Jahren verfünffachen könnte, wiegt auf Dauer schwerer. Die 200 Milliarden, die der Markt an einem Tag abschrieb, sagen mehr über die Nerven der Anleger aus als über den Wert des Konzerns.
Alphabet-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Alphabet-Analyse vom 28. Juni liefert die Antwort:
Die neusten Alphabet-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Alphabet-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 28. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
