Ein RSI von 23. Ein Wochenverlust von rund einem Viertel. Und ein Kurs, der nur noch knapp drei Prozent über dem frischen 52-Wochen-Tief von 172,15 Euro notiert. Alnylam Pharmaceuticals steckt technisch tief im überverkauften Bereich — die Frage ist, ob das eine Bodenbildung einleitet oder nur eine Pause auf dem Weg nach unten markiert.
Seit Jahresbeginn hat die Aktie fast die Hälfte ihres Wertes verloren. Zum Vergleich: Erst im Oktober 2025 notierte das Papier bei 421,90 Euro. Der Absturz hat einen konkreten Auslöser — und der liegt im Kerngeschäft mit dem Medikament Amvuttra.
Die entscheidende Kennzahl
Amvuttra knackte im zweiten Quartal erstmals die Milliarden-Dollar-Marke beim Umsatz. Trotzdem verfehlten die 1,01 Milliarden Dollar die Analystenschätzungen um vier Prozent, in den USA lag der Umsatz sogar zwei Prozent unter Konsens. Alnylam senkte daraufhin die Umsatzprognose für 2026 auf eine Spanne von 5,275 bis 5,725 Milliarden Dollar — trotz eines eigentlich starken Quartalsergebnisses.
Damit steht eine zentrale Frage im Raum: Verlangsamt sich das Wachstum bei Amvuttra nur vorübergehend, weil sich die Nachfrage nach der Zweitlinien-Therapie normalisiert? Oder beginnt hier ein strukturelles Problem, das durch aufkommende Konkurrenz noch verschärft werden könnte?
Bullen-Szenario: Monopolstellung bleibt vorerst bestehen
Für Optimisten zählt vor allem die aktuelle Wettbewerbssituation. Alnylam bleibt nach eigenen Angaben die einzige zugelassene Gen-Silencing-Option bei ATTR-CM, einer Form der Amyloidose des Herzens. Das Management berichtete von breitem Marktzugang und einer Therapietreue von über 90 Prozent in den USA.
Die Gesamtumsätze im ATTR-Bereich wuchsen im Quartalsvergleich um 15 Prozent. Zudem verdoppelte sich das Tempo des zugrundeliegenden US-Nachfragewachstums für Amvuttra gegenüber dem Vorquartal fast. Unter neu behandelten Patienten macht Amvuttra bereits mehr als die Hälfte aller Therapiestarts aus — ein Indiz für wachsende Ärztepräferenz.
Der wichtigste Rückenwind kam zuletzt von der Konkurrenz selbst. Ionis Pharmaceuticals und Partner AstraZeneca meldeten im Juli, dass ihre Phase-3-Studie CARDIO-TTRansform zu Eplontersen den primären Wirksamkeitsendpunkt verfehlt hat. Sollten im zweiten Halbjahr zusätzlich positive Daten aus der Pipeline kommen — etwa aus der Phase-1/2-Studie zu ALN-6400 bei Blutungserkrankungen oder dem Huntington-Programm ALN-HTT02 — könnte das die Stimmung drehen.
Bären-Szenario: Der Vorteil ist nur vorläufig
Die Entwarnung durch den gescheiterten Eplontersen-Test könnte sich als trügerisch erweisen. Eine vorab festgelegte Subgruppenanalyse zeigt eine Nuance, die die Rivalität am Leben hält: Patienten, die Wainua als Monotherapie ohne begleitenden Stabilisator einnahmen, zeigten eine nominell signifikante Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse. Bei Patienten, die bereits einen Stabilisator nutzten, zeigte sich dagegen kein zusätzlicher Nutzen.
AstraZeneca und Ionis wollen den vollständigen Datensatz im August 2026 auf dem Kongress der European Society of Cardiology vorstellen. Diese Präsentation könnte die Frage neu aufwerfen, ob Eplontersen doch eine Zukunft in der Erstlinientherapie hat. Marktbeobachter werten das bereits als Signal, das die Wettbewerbslage wieder zugunsten der Konkurrenz verschieben könnte — die aktuelle Exklusivität von Alnylam gilt eher als vorläufig denn als gesichert.
Hinzu kommt Ausführungsrisiko im eigenen Haus. Nucresiran, der geplante Nachfolger von Amvuttra, steckt noch in Phase 3. Forschungschef Pushkal Garg musste öffentlich Zweifel an der Machbarkeit der Studie einräumen — viele Fragen zur Durchführbarkeit seien aufgekommen. Langfristig drohen zudem weitere Silencer-Wirkstoffe und potenziell einmalige Gentherapien als Konkurrenz. Selbst ein dauerhafter Vorsprung bei ATTR-CM würde das strukturelle Risiko für das Franchise über mehrere Jahre also nicht beseitigen.
Ausblick
Charttechnisch liegt Alnylam rund 29 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt und 42 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt — ein Niveau, das historisch zumindest Erholungsbewegungen auslösen kann, wenn kein neuer negativer Auslöser hinzukommt. Halten sich das Nachfragewachstum in den USA und die Ärztepräferenz für Amvuttra auf dem zuletzt berichteten Niveau, gewinnt das Stabilisierungsargument an Gewicht.
Kippt dagegen der vollständige CARDIO-TTRansform-Datensatz beim ESC-Kongress im August 2026 die Tür für Eplontersen in der Erstlinientherapie wieder auf, oder verlangsamt sich das Quartalswachstum von Amvuttra im nächsten Bericht weiter, dürfte das Bären-Szenario die Oberhand gewinnen. Der nächste konkrete Prüfstein für Anleger ist damit die ESC-Präsentation im August, gefolgt von den für das zweite Halbjahr 2026 angekündigten klinischen Updates zu ALN-6400 und ALN-HTT02.
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