Drei US-Anwaltskanzleien haben binnen kurzer Zeit Untersuchungen gegen Alnylam Pharmaceuticals eingeleitet. Nach Angaben der Kanzlei Schall, Brown & Schwartz LLP prüft das Unternehmen seit gestern mögliche Verstöße gegen Wertpapierrecht im Zusammenhang mit der Prognoserevision vom 30. Juli. Bereits am Vortag hatten Glancy Prongay Wolke & Rotter LLP und Bragar Eagel & Squire, P.C. eigene Untersuchungen angekündigt – Ersteres wegen möglicher irreführender Aussagen zur Wachstumskurve des TTR-Geschäfts, Letzteres im Auftrag von Aktionären wegen fraglicher Geschäftspraktiken im Zusammenhang mit der Jahresprognose 2026.
Prognosekürzung als Ausgangspunkt
Ausgangspunkt der Ermittlungen ist der Kurssturz vom 30. Juli. An jenem Tag senkte Alnylam seine Umsatzprognose für das Amyloidose-Medikament Amvuttra im ATTR-CM-Markt und begründete dies mit einer „Normalisierung“ der Nachfrage nach der anfänglichen Markteinführungsphase. Die Spanne für die TTR-Nettoproduktumsätze im Gesamtjahr 2026 sank von zuvor 4,4 bis 4,7 Milliarden Dollar auf nun 4,2 bis 4,5 Milliarden Dollar – ein Abschlag von 200 Millionen Dollar am unteren Rand. Die Aktie brach daraufhin um mehr als ein Viertel ein.
Am selben Tag legte Alnylam Zahlen zum zweiten Quartal 2026 vor. Der Gesamtumsatz blieb mit 1,291 Milliarden Dollar unter der Konsensschätzung von 1,323 Milliarden Dollar. Beim bereinigten Gewinn pro Aktie übertraf das Unternehmen die Erwartungen jedoch deutlich: 1,84 Dollar standen einer Konsensprognose von 1,55 Dollar gegenüber. Die TTR-Nettoproduktumsätze selbst erreichten 1,03 Milliarden Dollar und wuchsen damit um 89 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum – ein Wachstumstempo, das die enttäuschte Reaktion der Anleger auf den ersten Blick kontrastiert, aber die Sorge um die künftige Wachstumsverlangsamung nicht ausräumte.
Erholung am Markt, aber tiefe Spuren im Chart
Am heutigen Mittwoch zeigt sich die Aktie erholt: Sie legt um 4,41 Prozent zu und notiert bei 197,60 Euro, nach einem Schlusskurs von 189,25 Euro am Dienstag. Der Erholungsversuch ändert wenig am Gesamtbild: Zum 52-Wochen-Hoch von 425,00 Euro, das die Aktie noch am 21. Oktober erreicht hatte, beträgt der Abstand weiterhin gut die Hälfte des damaligen Niveaus. Die Kursentwicklung der vergangenen Wochen offenbart das Ausmaß der Neubewertung, die der Markt seit der Prognosekürzung vorgenommen hat.
Analysten uneins nach dem Kursrutsch
Die Reaktionen der Analystenhäuser fielen in den Tagen nach der Prognosekürzung uneinheitlich aus. Raymond James stufte die Aktie am 3. August von „Outperform“ auf „Strong Buy“ hoch und nannte ein Kursziel von 420,00 Dollar – begründet mit einem attraktiven Risiko-Rendite-Profil nach dem jüngsten Ausverkauf. RBC Capital senkte am selben Tag sein Kursziel von 445,00 auf 350,00 Dollar, hielt aber an der „Outperform“-Einstufung fest. Die Bandbreite der übrigen Kurszielanpassungen in den Tagen davor bewegte sich in eine ähnliche Richtung: Reduzierte Zielmarken bei grundsätzlich positiver bis neutraler Einstufung des Titels.
Strategische Weichenstellungen im Konkurrenzumfeld
Parallel zur Prognosekürzung meldete Alnylam mehrere strategische Schritte. Mit BeOne Medicines schloss das Unternehmen eine exklusive Vereinbarung zur Vermarktung von Amvuttra (Vutrisiran) in China. Zudem kündigte Alnylam eine Kooperation mit Inceptive an, um künstliche Intelligenz in die eigene RNAi-Forschungsplattform zu integrieren, sowie eine Partnerschaft mit einem kalifornischen Gesundheitssystem zur früheren Diagnose von ATTR-CM. Das Unternehmen bekräftigte außerdem sein Engagement für die Phase-3-Studie TRITON-CM zu Nucresiran (ALN-TTRsc04) bei ATTR-CM.
Rückenwind für diese Strategie kam unerwartet von der Konkurrenz: AstraZeneca und Ionis Pharmaceuticals meldeten, dass ihre Phase-3-Studie CARDIO-TTRansform zu Eplontersen bei ATTR-CM den primären Wirksamkeitsendpunkt verfehlt hat. Das dürfte die künftige Wettbewerbssituation für Amvuttra entspannen, auch wenn dieser Umstand die kurzfristige Vertrauenskrise um die eigene Prognose nicht auflöst. Für Anleger bleibt die Gemengelage komplex: starkes operatives Wachstum im TTR-Geschäft trifft auf eine nach unten korrigierte Jahresprognose und nun auf die ersten juristischen Untersuchungen von Anlegervertretern.
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