Jeder dritte Verkehrsunfall geht auf Ablenkung zurück, so die neue Einschätzung der Allianz-Unfallforscher. Die Zahl liegt weit über dem, was die offizielle Statistik ausweist. Für den Versicherer ist das mehr als ein Forschungsthema, denn Kfz-Schäden gehören zu seinem Kerngeschäft.
Studie stellt Statistik infrage
Das Allianz Zentrum für Technik (AZT) hat beim diesjährigen Motor Day nach eigenen Angaben sein bislang umfassendstes Forschungsprogramm zum Thema vorgestellt. Es kombiniert die Analyse von mehr als 34.000 Unfällen, Eye-Tracking in realen Fahrzeugen, Simulationen und eine Auswertung zahlreicher veröffentlichter Studien.
Frühere Schätzungen gingen von rund 10 Prozent der Unfälle in Deutschland aus. Die polizeiliche Statistik weist nur etwa 1,5 Prozent aus. AZT-Leiter Christian Sahr hält das für eine Zahl, die „nicht mit der Realität übereinstimmt“.
Die Simulationen mit dem Spezialisten cogniBIT liefern konkrete Werte. Bei einer Vollbremsung des Vordermanns steigt die Auffahrquote von 18,2 auf 54,3 Prozent, sobald der Fahrer abgelenkt ist. Läuft ein Kind auf die Straße, wächst das Unfallrisiko von 3,9 auf 11,2 Prozent. In manchen Situationen schnitten abgelenkte Fahrer schlechter ab als solche mit einem simulierten Blutalkoholwert von 0,8 Promille.
Kritik am digitalen Cockpit
Die Forscher sehen auch die Autoindustrie in der Verantwortung. Funktionen wandern von Knöpfen in Touchscreen-Menüs, der Blick bleibt länger vom Verkehr abgewandt. Bei einzelnen Aufgaben ließen sich durch besseres Design bis zu 25 Prozent beziehungsweise rund drei Sekunden Blickabwendung sparen.
Die Allianz fordert deshalb verbindliche Empfehlungen. Fünf sicherheitsrelevante Funktionen sollen nach Sahrs Ansicht physisch bedienbar bleiben: Licht, Scheibenwischer, Blinker, Warnlicht und Scheibenbelüftung. Vorstandsmitglied Klaus-Peter Röhler bringt es auf eine Formel: „Ein Auto ist kein Smartphone.“
Die begleitende Umfrage stützt die Position. In Österreich sind 79 Prozent der befragten Fahrer überzeugt, dass die Ablenkung durch Fahrzeugtechnik zugenommen hat. Zwei Drittel würden bestimmte Funktionen lieber über klassische Schalter steuern.
Aktie auf hohem Niveau
An der Börse spielt die Studie keine Rolle. Dort dominiert die Frage, wie viel Spielraum nach den jüngsten Rekordergebnissen noch bleibt. Der Versicherer gilt im DAX als stabiles Schwergewicht mit breiter Ertragsbasis, die Bewertung hat jedoch ein Niveau erreicht, auf dem solide Zahlen allein nicht mehr genügen. Die nächste Gelegenheit zur Bestätigung bieten die Quartalszahlen am 12. November.
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