Der größte deutsche Versicherer hat im zweiten Quartal so viel operativ verdient wie nie zuvor – und musste trotzdem einen deutlichen Rückgang beim bereinigten Überschuss der Anteilseigner hinnehmen. Die Allianz SE meldete am Freitag ein operatives Ergebnis von 4,874 Milliarden Euro, ein Plus von 10,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und ein neuer Rekordwert für den Konzern. Der bereinigte Quartalsüberschuss der Anteilseigner sank dagegen um 12,7 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro und verfehlte damit die Erwartungen der Analysten. Die Aktie reagierte zunächst mit leichten Verlusten, zum Wochenschluss stand am Freitag ein Kurs von 435,30 Euro zu Buche, ein Minus von 1,07 Prozent auf Tagesbasis.
Der Gewinnrückgang hat zwei Ursachen. Zum einen entfällt der Basiseffekt aus dem Vorjahr, als der Verkauf der Beteiligung am UniCredit-Joint-Venture einen Einmalgewinn von rund 300 Millionen Euro eingebracht hatte. Zum anderen belasteten Gegenmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Verkauf von Anteilen an indischen Joint Ventures das Halbjahresergebnis mit rund 500 Millionen Euro. Laut Handelsblatt entfielen davon 643 Millionen Euro auf Restrukturierungsaufwendungen im zweiten Quartal, die der Konzern mit der Stilllegung von IT-Systemen im Zuge seiner KI-Transformation begründete.
Halbjahresbilanz bleibt auf Rekordkurs
Auf Sechsmonatssicht relativiert sich der Quartalseffekt. Das gesamte Geschäftsvolumen der Allianz erreichte im ersten Halbjahr 98,6 Milliarden Euro, das operative Ergebnis stieg um 8,6 Prozent auf einen Rekordwert von 9,4 Milliarden Euro. Das entspricht bereits 54 Prozent des Mittelwerts der Jahresprognose. Der Konzern bestätigte sein Ziel für das Gesamtjahr, ein operatives Ergebnis von 17,4 Milliarden Euro, plus oder minus eine Milliarde Euro. Gestützt wurde das Halbjahr zudem von überraschend geringen Schäden durch Naturkatastrophen im Tagesgeschäft.
Alle wesentlichen Sparten trugen zum Wachstum bei. Die Schaden- und Unfallversicherung steigerte ihr operatives Quartalsergebnis um 7,2 Prozent auf 2,459 Milliarden Euro bei einer Schaden-Kosten-Quote von 91,9 Prozent. Die Lebens- und Krankenversicherung legte um 10 Prozent auf 1,544 Milliarden Euro zu, mit einer Neugeschäftsmarge von 5,6 Prozent. Besonders dynamisch entwickelte sich das Asset Management rund um Pimco und AllianzGI: Das operative Ergebnis sprang um fast 20 Prozent auf 933 Millionen Euro, getragen von Rekord-Nettomittelzuflüssen Dritter in Höhe von 39 Milliarden Euro im Quartal. Das verwaltete Vermögen kletterte auf 2,161 Billionen Euro, für das Halbjahr meldete die Sparte mit 84 Milliarden Euro die höchsten Nettomittelzuflüsse ihrer Geschichte.
Kapitalpolster wächst, Konzern baut Führung um
Auch die Kapitalausstattung hat sich verbessert: Die Solvency-II-Quote kletterte auf 225 Prozent, ein Anstieg von 7 Prozentpunkten gegenüber dem Gesamtjahr 2025. Diesen Spielraum nutzt der Konzern auch für Umbaumaßnahmen bei Pimco. Ende Juli übte die Allianz ihr Recht aus, den bestehenden Mitarbeiterbeteiligungsplan von Pimco zu beenden und ausstehende Anteile gegen Barzahlung zurückzukaufen. Allein für die Einheiten ehemaliger Mitarbeiter, die zusammen rund 4,4 Prozent an Pimco halten, fließen laut Unternehmensangaben mindestens 1,4 Milliarden Euro in bar.
Strategisch expandiert die Allianz zugleich in Asien: Am 24. Juli vereinbarte der Konzern, die Lebensversicherungssparte von HSBC in Singapur für rund 2,7 Milliarden Singapur-Dollar zu übernehmen und zusätzlich eine 15-jährige exklusive Vertriebspartnerschaft mit HSBC Singapore einzugehen. Der Abschluss ist für die erste Hälfte 2027 vorgesehen. Am selben Tag gab der Konzern eine Personalie bekannt: Vorstandsmitglied Günther Thallinger scheidet zum 31. Dezember 2026 aus dem Vorstand aus, sein Mandat wird nicht verlängert. Andreas Wimmer übernimmt zusätzlich die Allianz Investment Management SE, Tomas Kunzmann verantwortet ab Januar 2027 zusätzlich die Bereiche Global Health und Nachhaltigkeit. Der Vorstand schrumpft dadurch von neun auf acht Mitglieder.
Am Kapitalmarkt hat der Ergebnismix die Aktie bislang kaum aus der Bahn geworfen. Trotz der Reaktion auf den schwächeren Nettogewinn notiert das Papier lediglich 1,92 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 443,80 Euro und hat seit Jahresbeginn um 11,47 Prozent zugelegt. Die Konkurrenten aus der Rückversicherung und dem Erstversicherungsgeschäft zeigten zuletzt ein ähnliches Bild: Munich Re übertraf mit einem Quartalsgewinn von 2,2 Milliarden Euro zwar die Erwartungen, senkte aber sein Umsatzziel für die Rückversicherungssparte um zwei Milliarden auf 38 Milliarden Euro – die Aktien beider DAX-Versicherer standen nach den Zahlen und Ausblicken unter Druck. Generali meldete für das Halbjahr ein um 11 Prozent gestiegenes operatives Ergebnis von gut 4,5 Milliarden Euro. Den nächsten Bericht zum dritten Quartal und den ersten neun Monaten 2026 will die Allianz am 12. November vorlegen.
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