Allegro Microsystems: Gut, dass die Übernahme platzte
61,67 USD! Am vergangenen Montag klingelte die Aktie des Halbleiter-Spezialisten Allegro Microsystems einmal mehr die Rekordglocke.
Mit einem Plus von 133% seit Jahresbeginn gehört das Papier der Amerikaner zu den am besten gelaufenen Titeln im Technologie-Index Nasdaq. Investoren müssen sich beim Allegro-Management bedanken, denn dass die Aktie überhaupt noch börsennotiert ist, verdanken die Anleger der Überzeugung der Führungsspitze, dass das Unternehmen mehr wert war als viele Investoren im Frühjahr 2025 glaubten.
Hintergrund: Im März vergangenen Jahres erhielt der Chip-Profi von einem größeren Branchenrivalen Übernahme-Interesse.
Damals kostete die Aktie keine 25 Dollar, ein Deal hätte auch nach dem Initialangebot von 35 Dollar nicht die 40 Dollar-Marke überschritten.
Allegro ließ den Werber zum Glück abblitzen – heute haben wir auf der Kurstafel 60 Dollar+X stehen. Allegro durchschaute den Versuch, dass ON Semi – so der Name des Interessenten – die Schwäche im Automobilsektor ausnutzen wollte, um gute Technologie für wenig Geld zu bekommen.
Dass das Management da stark geblieben ist, zeigt die Überzeugung ins Geschäftsmodell. Sie müssen sich vorstellen, dass nicht wenige Investoren es auf die schnelle Übernahme-Prämie abgesehen hatten, sodass sich das Unternehmen nicht nur gegen den ungewünschten Buhler sondern auch gegen Teile der Anlegerschaft behaupten musste.
Anziehendes Automotive-Geschäft lässt Investoren zugreifen
Die Standhaftigkeit wurde belohnt, ebenso die Investoren, die nach dem Deal-Aus Allegro die Treue hielten. Der Automobilsektor, einst der vorgeschobene Schwachpunkt, ist heute einer der stärksten Treiber hinter dem Kursanstieg.
Der Automotive-Bereich macht rund 70% des Allegro-Umsatzes aus – und die globale Elektroauto-Nachfrage dreht nach einem schwachen Jahresauftakt erkennbar ins Positive.
Im April stiegen die weltweiten E-Auto-Zulassungen zum zweiten Mal in Folge, in Europa allein legten die Neuzulassungen um 27% zu.
Es wird erwartet, dass in diesem Jahr weltweit 23 Millionen Elektroautos verkauft – ein Anteil von 28% aller Neuwagen und ein neuer Rekord. Als Deutscher hat man manchmal das Gefühl, dass der gute alte Verbrenner sich vielleicht doch länger hält als viele erwarten – die weltweite Entwicklung spricht eine andere Sprache.
Für Allegro und die Aktionäre ist das äußerst positiv. In jedem modernen Elektrofahrzeug stecken magnetische Sensoren und Power-ICs, ohne die weder Elektromotoren noch Fahrerassistenzsysteme vernünftig funktionieren.
Der Chip-Anteil pro Fahrzeug steigt seit vielen Jahren; ein Elektroauto enthält heute zwei- bis zweieinhalb Mal so viele Halbleiter wie ein vergleichbarer Verbrenner, und Allegro gehört zu den wichtigsten Zulieferern der Branche.
Es wird erwartet, dass durch die fortlaufende Elektrifizierung und dem vermehrten Einsatz von Assistenzsystemen der globale Markt für Automotive-Halbleiter von rund 90 Mrd. Dollar in diesem Jahr auf 139 Mrd. Dollar bis 2031ansteigt.
Allegro Microsystems Inc Aktie Chart
Hohe Analysten-Erwartungen: Robotik und Künstliche Intelligenz sorgen auch abseits des Automotive-Segments für Fantasie
Allergro hängt jedoch nicht an der Nabelschnur der Automobilbranche und läuft nur deswegen hoch, weil es mit dem Sektor endlich wieder bergauf geht. Das Management fährt eine clevere Diversifikationsstrategie und hat auch Chancen im Industriegeschäft erkannt. Der Unternehmensbereich wuchs im abgelaufenen Geschäftsjahr sogar noch stärker als die Automotive-Sparte.
Kein Wunder, denn Rechenzentren und Robotik befeuern die Nachfrage nach Allegros Stromsensoren, die in diesen Anwendungen Energieflüsse regeln und überwachen. Allegro verdient an jedem neuen Rechenzentrum mit, denn ohne präzise Stromsensoren lässt sich der Energiehunger der Server nicht kontrollieren. Da der KI-Boom noch lange anhalten wird, sind die Prognosen rosig.
Allegro beendete das Geschäftsjahr 2025/26 mit einem Umsatz von 890 Millionen Dollar – ein Plus von 23% – und einem bereinigten Gewinn je Aktie, der sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelte. Der Auftragsbestand liegt auf Mehrjahreshoch, die Prognose für das laufende Quartal zeigt erneut 23% Wachstum. Es wird nach Einarbeitung der Analystenupdates erwartet, dass Allegro in diesem Geschäftsjahr (endet März 27) erstmals die Milliardenmarke beim Umsatz knacken wird, gefolgt von mehr als 1,2 Mrd. und 1,4 Mrd. USD in den Folgejahren.
Allegro Microsystems Inc Aktie Chart
Festhalten an Investition könnte sich lohnen
Viee Investoren dürften an dem Erfolg ordentlich mitverdient haben und unwillkürlich an Gewinnmitnahmen denken. Ein hoher Gewinn ist verlockend und der Gedanke ist menschlich – in diesem Fall könnte ein Anleger mit einem Verkauf die Chance auf noch höhere Gewinne abwürgen.
Allegro hat strukturellen Rückenwind in den Wachstumsmärkten Künstliche Intelligenz, Robotik und zum Teil auch Aerospace und profitiert von steigenden E-Auto-Absätzen. Das rechtfertigt durchaus hohe Bewertungen.
Die Gewinnkurve wird nach der 2026er Rally vermutlich abflachen, doch die Investitionsstory bleibt mittelfristig attraktiv. Hinzu kommt der Joker, den ON Semi im Vorjahr vergeblich zu ziehen versuchte: Eine Übernahme!
Das Übernahmeinteresse einer Branchengröße an Allegros Technologie könnte jederzeit wieder aufflammen. Dann müsste ein Interessent jedoch tief in die Tasche greifen – denn jetzt kann das Management aus einer Position der Stärker heraus verhandeln.
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